Von Jan Grossarth
13. Juni 2008 Die Städte und Ortschaften entlang der Bundesstraße werden kleiner, die Weiden und Felder größer, mit jedem der vierzig Kilometer riecht es zunehmend nach goldenem Raps, Frühling und Kuhmist. Osnabrück, Bohmte, Lemförde, das Ziel dieser Fahrt ist die Bauernschaft Quernheim, eine idyllische Komposition aus Backsteinhöfen, Schotterstraßen, Treckern und Pferden. Der kulturelle Mittelpunkt eines niedersächsischen Musterdorfes wie Quernheim sollte im Normalfall der Zigarettenautomat sein, an dem sich Pappelweg und die schmale Straße Kniepenort kreuzen. Nicht mal einen Kiosk gibt es hier, doch nach Quernheim, das 465 Einwohner zählt, reisen Cineasten und Schauspieler. Das Dorfkino zählt in guten Zeiten bis zu tausend Besucher pro Woche. Das ist Fuchs zu verdanken.
Fuchs, Kundschaft!, ruft der einem Korngläschen zugewandte Gast an der Theke. Treppengeräusche. Karl-Heinz Meier, die Leute nennen ihn Fuchs, begrüßt den Gast. Der Duft von Popcorn ist in die Wände und Lederpolsterungen an den Türen eingezogen wie der Geruch von Weihrauch in die Steinmauern eines Doms. Eine Elvisecke ist dem schwarzweißen Schmollmund, der hier nicht altern will, gewidmet. Fuchs wirft fünfzig Pfennig, ja: Pfennig, in eine Musikbox, sie spielt ächzend: Are you lonesome tonight. Eine Wanduhr tickt gemütlich, Luftbläschen steigen die neongelb beleuchteten Wassersäulen der Musikbox empor, Vogelgezwitscher drängt durch die offene Eingangstür vorbei am Kassenhäuschen, das seit mehr als fünfzig Jahren so ist, wie es ist. In der Kussecke hängen über einem Zweiertisch die großen Küsse der Filmgeschichte.
Das Kino muss Kino bleiben
Gründungsjahr 1952; das hier ist ein Museum. Für ein Filmmuseum aber ist die Ortschaft Quernheim zu klein, das Kino muss und soll Kino bleiben. Immer schon mussten die Meiers in neue Technik investieren, bessere Projektoren, ein Dolby-Surround-System, einen modernen, zweiten Saal. Doch jetzt stehen größere Investitionen an, sechzigtausend Euro. Die digitale Kinozukunft, die bis 2013 für alle deutschen Kinos Gegenwart sein soll, werde zudem die Unterhaltskosten in die Höhe treiben, befürchtet Meier. Der Betreiber redet nicht so gern darüber.
Fuchs, der einen ordentlichen Strickpullover trägt, ist jedoch Optimist. Auch wenn andere Kinos schließen müssten, sagt er, uns wird es immer geben. Er sagt: immer. Der Stellenwert eines Kinos wird den Leuten erst bewusst, wenn es geschlossen hat. Er hat gefunden, wonach er wühlte, blättert jetzt hinter dem Tresen in der Kinokneipe in Fachzeitschriften und kopiert schnell einen Artikel aus der Filmwirtschaft über aktuell diskutierte Förderprogramme für die kleinen Filmtheater.
Schaukästen mit Filmplakaten
Von außen unterscheidet sich die Lichtburg nur durch einen blassgelben Leuchtschriftzug und einige Schaukästen mit Filmplakaten von den roten und braunen Klinkerhöfen ringsum. Das Gebäude wurde mehrfach erweitert, so wie die Holzkirchen des frühen Mittelalters schrittweise zu Kathedralen anwuchsen. Ein kleines Schild am Hintereingang weist darauf hin, was es hier noch so gibt: Open-Air-Kino / Schießhalle. Das Wort digitale Filmtechnik passt hierher so gut wie ein USB-Stick in die Musikbox.
Karl-Heinz Meier hat sich eine Grundgelassenheit angewöhnt. Er hängt an seinem Kino, aber nicht an der Vergangenheit. Gern betont er all das Positive, was der Digitalfilm mit sich bringen werde: Alte Filmklassiker ließen sich besser konservieren, aus den gesunkenen Kopierkosten könnten die Verleiher einen Fonds bilden und auch Dorfkinos fördern. Auch darüber gab es irgendwo einen Artikel. Fuchs sucht ihn, kopiert. Neben der Theke hängen Schwarzweißaufnahmen der Lichtburg. 1952, 1960. Der Vater von Fuchs, auch ihn nennen die Quernheimer Fuchs, hat sie gemacht. Manchmal steht der alte Herr Meier mit seinen zweiundneunzig Jahren heute noch selbst am Tresen, zapft Pils und erzählt vom Krieg und von den Nachkriegsjahren in Quernheim. In diesem Gebäude war eine Besamungsstation für Rinder, einmal pro Woche kam das Wanderkino, und weil Fritz Meier so schön Akkordeon spielte, kamen schnell 200 Besucher, während die anderen Dörfer ringsum keine hundert zählten. Am ersten Weihnachtstag 1952 eröffnete das Kino mit einem festen Saal.
Zwei Stunden durch den Wald ins Kino
Die Frage, ob das Kino im Allgemeinen und in der Provinz im Speziellen eine Zukunft habe, steht hier seit mindestens zwanzig Jahren im Raum. Schon in den Achtzigern, erinnert sich der Betreiber, der gerade eines seiner legendären Koteletts bringt, kamen die Leute vom Radio. Der Deutschlandfunk wollte über das Aussterben der Dorfkinos senden. Fuchs würde den Radioleuten gern zeigen, dass der Laden auch 2008 noch läuft, so gut wie damals.
Man hilft einander. Schüler aus den Nachbardörfern, auf deren T-Shirts Abi 2009 steht, legen abends die Filmrollen ein und verkaufen für einen kleinen Nebenverdienst Karten, dafür gehen sie umsonst ins Kino. Die Lichtburg ist für viele Jüngere hier der erste kulturelle Fixpunkt neben dem Schultheater. Jährlich macht die Realschule aus dem nahen Stemwede einen Wandertag. Zwei Stunden durch den Wald, über den Berg, ins Kino.
Zehn Gäste zum Filmstart
Manchmal ist es für ein Dorfkino schwierig, eine Kopie zum Filmstart zu bekommen. Bei den großen Blockbustern gelingt es meist. Auf eine Kopie von Schmetterling und Taucherglocke wartet er noch heute. Und Quernheim mit ihm. Mit dem Programm ist es überhaupt eine verzwickte Aufgabe. Es muss Schweinebauern und Studienräte gleichsam ins Kino bewegen, Abiturienten und Thekengäste ansprechen, denn in der dünnbesiedelten niedersächsischen Provinz kann sich die Lichtburg nicht leisten, ganze Zielgruppen auszusparen. Also mal Anspruch, mal Action, mal Klassiker, an diesem Abend kommt Speed Racer, in Saal eins sitzen zehn Gäste, bescheiden für einen Filmstart.
Karl-Heinz Meier ist gut vernetzt. Er besucht Messen, reist nach Berlin, München, Baden-Baden. Er studiert die Programme Hamburger Kinos. Man guckt, telefoniert. Das Dorfkino wird in den Metropolen verteidigt.
Überleben mit Sexfilmen
Nicht im digitalen Zeitalter, sondern in den Sechzigern war die schwerste Krise der Lichtburg-Geschichte, da überlebten wir nur mit Edgar Wallace und Sexfilmen. Indiana Jones verspricht ein gutes Jahr 2008, Karl-Heinz Meier sagt: Man kann nie sagen, die goldenen Zeiten des Kinos sind vorbei. Wir sind mittendrin. Zwar habe neulich in Buxtehude das letzte Kino schließen müssen, in Bad Pyrmont jedoch, sagt Meier, und das macht ihm Hoffnung, sei jetzt ein engagierter neuer Betreiber am Werk, der beste Deutschlands - und der habe großen Erfolg.
Das Schwadronieren über die Zukunft zählt nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen von Fuchs. Er glaubt fest daran, dass die Seele sich am Markt durchsetzt. Jedes Kino braucht eine Seele, sagt er. Seele hat er im Angebot. Das ist der Wettbewerbsvorteil des mittelständischen Kinos gegenüber den Multiplexen, auch wenn Meier Begriffe wie Wettbewerbsvorteil nicht in den Mund nähme. Karl-Heinz Meier ist zum Kino gekommen wie der Säugling zum Atmen. Schon im Jahr 1962, als Der Schatz im Silbersee die Massen in die Lichtburg zog, verkaufte der zwölfjährige Karl-Heinz Cola und Süßwaren. Er hat nie darüber nachgedacht, von hier wegzugehen.
In Quernheim hat die Seele Tradition. Über der Theke hängt das Bild eines Kleinwüchsigen aus dem Dorf in Schützenuniform, der schon 1989 starb. Er aß hier, trank und nervte die Leute mit seinem Akkordeonspiel. Das Dorf kümmerte sich um ihn, heute erinnert eine Steinskulptur am Brunnen vor der Lichtburg an den Mann. Der in Stein gemeißelte Kleine mit Akkordeon hat das Hofkino im Blick. Vielleicht muss man nur lang genug dem Zeitgeist trotzen, um irgendwann unsterblich zu werden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Kai Nedden