31. Mai 2005 Von diesem Dienstag an gibt es im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine neue Seite, die ausschließlich Filmen auf DVD gewidmet ist. Sie erscheint alle zwei Wochen und wird von der Filmredaktion verantwortet.
Filme auf DVD gewinnen eine immer größere Bedeutung, und die neue Technik hat unsere Art, Filme zu sehen, verändert. Schon in naher Zukunft wird die gesamte Filmgeschichte jedem Zuschauer ohne Mühe zugänglich sein. Der Markt für DVDs ist unübersichtlich. Einerseits werden mit erheblichem Aufwand Filmklassiker rekonstruiert. Der Umgang mit Filmen wird dadurch dem mit Büchern ähnlich, man kann vor- und zurückblättern, innehalten, vergleichen.
Kommentare, mehrsprachige Versionen, Interviews und Hintergrundinformationen machen aus einer guten DVD-Edition eine verlegerische Glanzleistung. Andererseits aber wird auch minderwertiges Material vertrieben, gekürzte Filme in technisch unzureichender Qualität. Hier wollen wir Orientierungshilfen geben, alle zwei Wochen am Dienstag. Zum Auftakt der neuen DVD-Seite beschäftigen wir uns mit dem OEuvre des Regisseurs Rainer Werner Fassbinder, der an diesem Dienstag sechzig Jahre alt geworden wäre (F.A.Z.).
Wim Wenders: Ein paar Tränen
Über meinen Lieblings-Fassbinder etwas zu sagen scheint etwas hirnrissig. Der Mann hat schließlich genügend tolle Filme gedreht, als daß man da einen einzigen hervorheben sollte, könnte, wollen würde. Aber wenn ich jetzt sofort jemandem einen Film von Rainer Werner zeigen sollte, müßte, dürfte, der noch nie einen gesehen hat, und wenn die jetzt alle als DVDs vor mir stünden, dann würde ich . . . Scheiße, dann würde ich lange zögern!
Und schließlich den Händler der vier Jahreszeiten, Effie Briest und Die Ehe der Maria Braun hervorziehen und kurz meine Theorie erläutern, daß Rainer Werner in einige seiner Filme mehr Liebe und Geduld investiert hat als in andere und daß diese drei mit Sicherheit zu denen gehören würden, auf die er selber richtig stolz war. Und dann würde ich die Person bitten, die Augen zu schließen und blind einen Film auszuwählen. Und dann würde ich mich dazusetzen und während des Films wieder ein paar Tränen verdrücken, daß der verfluchte Idiot seinem Leben ein Ende gemacht hat, statt weiter so ein Wahnsinnskino zu machen! Außerdem hätte man ihm dann ordentlich gratulieren können . . .
Jan Schütte: Brennende Klarheit
Eine schwierige Frage: Die Wahrnehmung von Fassbinders Filmen hat sich für mich - wie bei kaum einem anderen Regisseur - immer wieder verändert. Vieles so Großartige erschien beim Wiedersehen doch sehr der Entstehungszeit verhaftet und hatte seine Kraft eingebüßt. Für zwei Filme gilt das jedoch ganz sicher nicht: für den Händler der vier Jahreszeiten und für Fontane Effi Briest - wobei ich mich zur Wahl gezwungen für Effi entscheiden würde. Der Film ist von einer intensiven, fast brennenden Klarheit, ganz auf das Innenleben der Hauptfigur konzentriert, als wenn Fassbinders Kunst in dem fremden Stoff am größten zum Leuchten käme, mehr noch als in den eigenen Erfindungen. Auch nach über dreißig Jahren immer noch ein Meisterwerk.
Benjamin Heisenberg: Was du nicht siehst
Kurt Raab will in Warum läuft Herr R. Amok? eine Platte kaufen, weil er ein Lied gehört hat. Er weiß nicht, wie das Lied heißt, nur daß er es mochte. Nachsingen kann er es zaghaft. Er wird ausgelacht von den ausgelassenen Mädchen an der Kasse, aber seine hilflose Ernsthaftigkeit rührt sie auch. Die Platte ist ein Geschenk für seine Frau, die er ein paar Szenen später mit einem Kerzenleuchter erschlägt - genauso hilflos, nicht zaghaft, ganz unspektakulär, weil sein Leben anmutet, wie ein Ich sehe was, was du nicht siehst-Spiel, bei dem niemand etwas vom anderen sieht.
Hans Weingartner: Alles Simulation
Fassbinder war völlig egal, was die anderen für Filme machten. Er sagte, was er zu sagen hatte. Dabei verschwendete er keine Zeit für Eitelkeiten. Seine Filme sind eigenartig und einzigartig. Und er war ein unglaublicher Visionär. In Welt am Draht war er seiner Zeit zwanzig Jahre voraus. Großer Moment, wenn der Held erfährt, daß auch seine Welt nur eine Simulation ist. Vorbildlich sind seine Radikalität, seine Hingabe zum Film und wie er das Thema der Entfremdung behandelt. Lebte Fassbinder noch, er würde Thomas Bernhard verfilmen.
Christian Petzold: Blick des Betrogenen
Wir mußten Angst essen Seele auf und Effi Briest in der Schule schauen. Wenn die ganzen Filme jetzt noch einmal gezeigt werden, wird auch das wieder zu sehen sein, was ich nie vergessen habe, trotz der Schule: Brigitte Mira, in ihre Armbeuge weinend. Der Händler der vier Jahreszeiten, am Resopalküchentisch: sein Blick, als er feststellt, daß er betrogen worden ist. Als ich bei Simenon las, daß er Bücher schreibt über die Menschen, die zum Leben zu schlecht ausgestattet sind, kamen mir immer die Fassbinder-Posen in den Sinn. Wie sie herumtorkeln, durch das, was sie angerichtet haben.
Christopher Roth: Im offenen Porsche
Götter der Pest. Schwarzweiß. Hanna Schygulla singt, Harry Baer hört in seiner Jim-Morrison-Laune den Maskenball der Tiere von Valentin. Lohmann strahlt die Leute um fünf Uhr morgens auf einer Isarbrücke einfach an, und es sieht toll aus. Und dann hat Günther Kaufmann seinen Auftritt Was sagst'n jetzt? Und sie sitzen zu dritt vorn im offenen Porsche mit Vilsbiburger Kennzeichen und sagen wenig. Warst du zusammen mit der Johanna, wie ich weg war? Lange Pause. Ja, lange Pause. Ich liebe dich. Musik und Bayern von oben aus dem Helikopter. Dann prügeln sie sich bei Joe auf dem Hof zur Italo-Western-Musik, und bald sind auch Kanonen im Spiel. Das Leben ist teuer.
Romuald Karmakar: Sonne auf dem Körper
Martha beginnt in der Ewigen Stadt mit dem Herzinfarkt des Vaters auf der Spanischen Treppe. Martha versucht sich aus der Familienhölle am Bodensee zu befreien und heiratet dafür einen Vertreter der bundesrepublikanischen Elite der Siebziger. Ihre Sehnsucht nach Liebe, Anerkennung und Glück endet in den sadistischen Kreisbewegungen den neuen Ehe. Bei der Hochzeitsreise in Italien brennt sich die Kontinuität in der deutschen Nachkriegsgesellschaft in unsere Erinnerung wie die Sonne auf den Körper von Margit Carstensen.
Hans Steinbichler: Mann, Frau, Corvette
Mein Lieblings-Fassbinder ist der Film, der in meinem Kopf abgeht, wenn ich an ihn, RWF, denke. Ein Leben hinzukriegen, das genau von Kriegsende bis knapp vor Kohl und eben auch Fischer reicht, mit dem Alten abgerechnet zu haben und nicht die Erbärmlichkeit des Neuen miterleben zu müssen, durch diesen schmalen Korridor der Bonner Republik gerast zu sein, atemberaubend schnell, mit Männern, Frauen und einer Corvette, diesen wunderschönen Film sehe ich, denke ich an RWF.
Caroline Link: Unbarmherzige Weiber
Abgesehen vom Titel, hat Der Händler der vier Jahreszeiten eigentlich wenig, was mir normalerweise im Kino gefällt. Die Inszenierung ist langsam, fast stoisch, dadurch dieses Gefühl von großer Künstlichkeit. Die Posen der Darsteller ausgestellt, ihre Sprache monoton. Und doch rührt mich der Händler Hans - verloren zwischen diesen unbarmherzigen Weibern, ihrer Verachtung, ihrer respekt- und lieblosen Lebenstüchtigkeit. Fassbinder war noch so jung - und wußte schon so viel.
Christoph Hochhäusler: Im Marionettentheater
Ein Jahr mit dreizehn Monden hat mich sprachlos überrascht - Spengler als Elvira Weishaupt, im falschen groben Körper, der die Zartheit ihrer Seele jedoch nicht verbergen kann. RWF hat geschrieben, inszeniert, Kamera, Schnitt, Ausstattung gemacht - das Ergebnis ist ein verzweifeltes Maskenspiel, das Almodóvar vorwegnimmt. Wie im Marionettentheater wird plötzlich klar, daß Kino das Eigentliche zeigen kann, ohne Wirklichkeit zu imitieren.
Dominik Graf: Deutscher Totentanz
Für seinen deutschen Totentanz konnte Fassbinder ja immer nur theatralische Landschaften brauchen. So wurden alle Drehorte bei ihm zur immergleichen Kellerbühne, auf der seine Schauspielsklaven ausgiebig Verklemmungen und Vereinsamungen des deutschen Nachkriegsmenschen ausstellen durften. RWF hatte aber andererseits das Auge, eine nordafrikanische Fremdenlegionsszene auf den Baumlichtungen der Münchner Panzerwiese zu drehen. Diesen Pragmatismus eines hochbegabten Filmhochschülers muß ihm erst mal einer nachmachen. So fehlt mir in seiner Filmographie ein ordentlicher Roger-Corman-mäßig billig produzierter Genre-Thriller, den er am besten mit Romy Schneider hätte machen müssen. Die DVD dieses Films, den es nun halt leider nicht gibt, hätte ich mir dann jetzt gekauft.
Text: 31-05-2005, F.A.Z., Filme auf DVD (Feuilleton), Seite 37
Bildmaterial: dpa