30. Juli 2004 Goldthwait Higginson Dorr, Dr. phil. An diesem Namen müssen sie lange gefeilt haben, bis der Name eine Figur gebar, für die sich auch ein Superstar wie Tom Hanks begeistern konnte. So lange wie an jedem einzelnen Bild, an den malerischen Schatten und den vielfältigen Braun- und Cremetönen, an der Fliege und dem hellen Anzug des Professors, an der Safarijacke und am schicken Tropenanzug seiner Helfer.
Die City Hall der kleinen Gemeinde Saucier wird so demonstrativ ins Bild gerückt, als habe ein örtlicher Sonntagsmaler sehr lange gewartet, bis das Licht der Südstaaten schwer und dunstig über ihr hing wie ein Schleier. Und die Brücke, auf welcher der Film beginnt und endet, führt über keinen Mississippi; sie ist zum Teil Kulisse und zum Teil Computerprodukt.
Ein bißchen hirnverbrannt
Joel und Ethan Coen haben, was ja nur angemessen ist, an jeder Szene gearbeitet, bis sie ihnen perfekt erschien. Sie haben aber auch so lange daran gearbeitet, daß jede Szene wie ihr eigenes Ausstellungsstück aussieht. Das ist alles sehr fein ziseliert und ein bißchen hirnverbrannt. Das ist der Look, die Manier der Brüder. Inzwischen wirkt er ein bißchen manieriert. Das fällt um so mehr auf, als mit diesem Look ein Skelett eingekleidet wird.
Die Coens haben einen alten Stoff entbeint und die Überreste durch Raum und Zeit transportiert: vom England der fünfziger in die amerikanischen Südstaaten der neunziger Jahre. Man könnte darin eine Hommage an die "Ladykillers" aus dem Jahr 1955 sehen, die vor allem Alec Guinness zu einem Prototypen schwarzen britischen Humors machten; man muß es aber wohl eher als einen Meta-Film verstehen, bei dem man sich ständig fragt: Warum eigentlich? Mußte das sein?
Was Männer tun müssen
An der Grundkonstellation haben die Coens nicht viel verändert. Tom Hanks spielt den Part von Alec Guinness. Er ist ein schwadronierender Altphilologe mit einer Schwäche für Poe, und aus der alten Lady, bei der er sich einmietet, ist eine fromme schwarze Witwe geworden. Ein grenzdebiler Footballer, ein vietnamesischer General, der eine brennende Zigarette im Mund verschwinden lassen und brennend wieder zum Vorschein bringen kann, ein junger Schwarzer, der als Hip-Hop-Karikatur durch den Film stolpert, und ein selbsternannter Sprengstoffexperte komplettieren das Team.
Sie tun, was Männer tun müssen, die einen Tunnel im Keller der alten Dame graben, um einen Kasinotresor auszurauben, und sich zur Verschleierung dieses Plans als praktizierende Freunde der Renaissancemusik tarnen. Aus der Kluft zwischen Schein und Sein, die damals für die Komik sorgte, haben die Coens einen Grand Canyon gemacht, in dem sich die Pointen als fernes Echo verlieren. Es gibt ein paar Insiderscherze wie den, daß die resolute alte Dame jeden Monat einer Bibelschule fünf Dollar spendet, die auch George W. Bush schätzt und die für ihren Rassismus bekannt ist. Es gibt ein paar Dialoge, wie sie nur die Coens schreiben können, und ein paar Kamerafahrten und -perspektiven, auf die man erst mal kommen muß. Der Rest ist Konfektion.
Parabel über den Hochmut
Dennoch liefert dieses Remake keinen Vorwand für die alte Klage, daß sich die Independents von gestern mal wieder von der bösen Hollywood-Industrie haben korrumpieren lassen. Dabei handelt es sich eher um eine Parabel über den Hochmut. Ethan und Joel Coen glauben ganz offensichtlich, daß sie viel zu smart sind, um sich von irgendeinem System vereinnahmen zu lassen - sie verrennen sich lieber in ihrem eigenen.
Sie strotzen vor Selbstgewißheit, daß sie überallhin reisen und dabei doch immer auf dem Boden von Coen County ankommen können. Und sie scheinen überzeugt, mit ein paar Tricks und Manierismen lasse sich kompensieren, daß jeder zweite oder dritte Zuschauer den Plot der alten "Ladykillers" kennt und deshalb von der ersten Minute an in einem Film sitzt, dessen Ausgang klar ist.
Filigrane Arbeit der Tierpflegerin
Und so plazieren sie hier eine Vignette wie den fetten, unentwegt Süßigkeiten in sich hineinstopfenden und hysterisch lachenden Kasinowachmann und dort eine kleine Zote über Hämorrhoiden oder über den Räuber mit Verdauungsproblemen, der seine Lebensgefährtin bei einem Reizdarm-Singletreffen in den Catskills kennengelernt hat. Mal stirbt ein Mops im Dienst eines Werbespots unter einer Gasmaske, mal will eine Katze den Finger nicht mehr hergeben, den der dilettantische Sprengstoffexperte verlor - wie einem überhaupt die Arbeit der Tiertrainerin mitunter filigraner vorkommt als die der Brüder, die hier zum ersten Mal gemeinsam Regie geführt haben.
Da hilft es auch nicht viel, daß der langjährige Cutter der Coens laut Presseheft einer der eifrigsten Aktbildsammler von Margaret Thatcher ist. Am Ende findet man sich bloß in einem renovierten Wachsfigurenkabinett wieder, dessen Designer zu viele Filme der Coens gesehen hat.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.07.2004, Nr. 174 / Seite 31
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