Bernd Eichinger

Der Einmischer

Von Hans-Dieter Seidel

Bernd Eichinger

Bernd Eichinger

31. August 2004 Kleinmut war seine Sache noch nie. So darf es niemanden erstaunen, daß kein anderer als Bernd Eichinger das Gespür bewies, wie sehr das Kino auch von deutscher Seite endgültig reif ist für das Thema Hitler und wie exemplarisch sich Manie und Magie dieses Mannes in den letzten Tagen im Führerbunker verdichten lassen.

Überheblichkeit freilich war die Sache des wegen seiner Erfolge als Produzent seit Jahrzehnten gefeierten Filmmoguls auch noch nie. So hat er sich für den "Untergang", dessen deutsche Premiere am 16. September mit Spannung erwartet wird, weise die Beschränkung auferlegt, nicht auch als Regisseur zu fungieren. Der heißt Oliver Hirschbiegel, doch für die "Inszenierung" des "Untergangs", da ist kein Zweifel erlaubt, zeichnet mit all seinem künstlerischen Furor Bernd Eichinger verantwortlich.

Zögern und Abwägen

Es gibt die gelegentlich lange währenden Phasen des Zögerns und Abwägens, bis Eichinger sich eines Stoffs bemächtigt. Bei seiner fast fünfzig Millionen Mark teuren Produktion des "Geisterhauses" 1993 - zwar nach Isabel Allendes Bestseller, aber ob die international besetzte, dennoch im Kern deutsche Verfilmung sich auf dem Weltmarkt behaupten würde? - zum Beispiel war das unübersehbar.

Doch wenn Eichinger erst von einer Sache überzeugt ist, dann gehört er ihr ganz. Und abgesehen vom notwendigen Ausgießen des finanziellen Fundaments, pflegt sich der Produzent seit je künstlerisch dreifach einzumischen: beim Drehbuchschreiben, beim Begutachten der Muster (wie im Filmgenre die Ausbeute eines Drehtages genannt wird), schließlich beim Schnitt. Als alleiniger Autor zu fungieren, diesen Kraftakt allerdings traute er sich jetzt erst zum zweiten Mal zu.

Ein kühner Schritt

Beim Fernsehfilm "Das Mädchen Rosemarie" von 1996, in dem Bernd Eichinger zwanzig Jahre nach seiner Abschlußarbeit als Filmstudent erstmals wieder Regie führte, sah man ihn als Autor noch an der Seite Uwe Wilhelms. Bei der Verfilmung des Helmut-Krausser-Romans "Der große Bagarozy" lagen 1999 Drehbuch, Regie und Produktion allein in seiner Hand. Und nun also der kühne Schritt, ein Drehbuch ohne literarische Rückendeckung zu wagen - in der berechtigten Gewißheit, daß er, Eichinger, die Lehrstunde deutscher Geschichte, wie er sie versteht, keinem anderen Autor in seinem Sinn hätte vermitteln können.

An der Hochschule für Fernsehen und Film in München hat Bernd Eichinger sein Metier gelernt, das sich vornehmlich darin ausprägt, "die Liebe zum Kino zu kombinieren mit einem notwendigen Kalkül bei der Produktion der (nicht nur) eigenen Träume".

Seine Perspektive ist dabei nicht zuletzt die des Verleihers, seit er 1979 die "Neue Constantin Film" übernommen hat und in einem Jahre beanspruchenden Balanceakt einen Medienverbund schuf, der umfassend der Kommunikation dient: durch Filmproduktion und Verleih, Video und DVD, Kinobau und Kinobetriebe. Auch ein Eichinger ist gegen Lehrgeld nicht gefeit, "wenn man sich hat hinreißen lassen, und dann kommt der Tag der Wahrheit, und der Film geht nicht". Doch jetzt im Fall des "Untergangs" von nomen est omen zu raunen, dazu dürfte niemand Anlaß haben.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2004, Nr. 203 / Seite 38
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Besuchen Sie die Sagrada Familia in Barcelona, sehen Sie den Eifelturm in Paris oder das Kolosseum in Rom. Buchen Sie Ihre nächste Städtereise unter reiseclub.faz.net

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche