21. Dezember 2006 Es ist noch nicht lange her, da konnte man mit Recht beklagen, daß Michael Mann einer der am schändlichsten unterschätzten Regisseure sei, die in Hollywood Filme drehten, und das, obwohl doch schon bei seiner Thomas-Harris-Verfilmung Blutmond/Roter Drache (1986) oder spätestens beim Letzten Mohikaner (1992) klargeworden war, daß hier einer Leben ins Genre bringt, wie wir es gar nicht mehr erwartet hatten: durch penible Recherche, die es ihm erlaubte, Welten in all ihrem inneren, visuellen und auch akustischen Reichtum zu erschaffen, von denen wir nur Abziehbilder im Kopf hatten.
Die weitgehende Mißachtung dieser Leistung hatte ihren Grund darin, daß Mann lange fürs Fernsehen gearbeitet hat, nicht nur als Produzent von Miami Vice von 1984 bis 1989, was seine Fernsehlaufbahn sozusagen krönte, sondern bereits in den frühen siebziger Jahren als Drehbuchautor für andere Serien und Regisseur von Dokumentationen. Auch sein erster Spielfilm, Ein Mann kämpft allein (1979), wurde zuerst im Fernsehen gezeigt, und immer wieder im Laufe seiner Karriere kehrte er zu dem kleinen Format zurück. Er liebt die Unmittelbarkeit des Mediums durch die im Vergleich zum Kinofilm viel kürzeren Produktionszeiten, und er liebt die Disziplin, die das Fernsehen verlangt, die Knappheit und klare Struktur, die dann auch seine Kinofilme auszeichnen.
Exzellente Bebilderung
Spätestens mit seinem Thriller Heat aus dem Jahr 1995 gewann Mann die Anerkennung, die ihm gebührt, und sie hält an, auch wenn F. X. Feeney, der Autor der Michael-Mann-Biographie in der Film-Serie des Taschen Verlags, mit den letzten Filmen nicht sehr viel anfangen kann - oder ihm die Zeit fehlte, ausführlicher über Collateral und Miami Vice nachzudenken, weil das Buch zeitgleich zum Filmstart des Letztgenannten herauskam. Aber lange Bildstrecken bekommen wir auch zu diesen Filmen, wie überhaupt die exzellente, oft überraschende Bebilderung, für die der Regisseur seine Archive öffnete, eine der großen Stärken dieses Buchs ist.
Auf Fotos aus dem Gefängnis Folsom etwa, wo Ein Mann kämpft allein spielt, wird augenfällig, was Mann selbst dann sagt: daß nämlich die Gefängniswelt die Strukturen der Gesellschaft bösartig karikiert, mit ihren Wirtschaftskreisläufen, Moden, Sex, Drogen und Sport, nur in lebensgefährlichen Varianten, und daß der einzelne, nahezu ohne individuelle Ausdrucksmöglichkeit, alles tut, seine Identität kenntlich zu machen, durch Tätowierung, Kleidung, Zellengraffiti. Leider gibt's den Film nicht auf DVD, so daß wir nachschauen könnten, was Mann daraus gemacht hat. Der Ursprung meiner Filme liegt im Leben, nicht im Genre, sagt Mann, und auch jeder, der ihn nur für einen Stilisten hält, sollte ihm glauben.
F. X. Fenney/Paul Duncan (Hrsg.): Michael Mann. Taschen Verlag, Köln 2006. 190 S., zahlreiche Abb., 19,99 Euro.
Text: F.A.Z., 21.12.2006, Nr. 297 / Seite 35
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, UIP/Cinetext