Heino Ferch

Ein Artistengucker

Von Melanie Mühl

10. März 2005 Wenn die Szene, die in Gedanken eben noch rot war, plötzlich orange ist oder gelb, wenn ausgetretene Pfade eine unerwartete Wendung nehmen, wenn man nicht mehr denkt und den Kopf verliert, wenn einen das eigene Spiel einkreist, jede Bewegung, jeden Blick, dann sagt Heino Ferch, dann wird aus Kontrolle Leichtigkeit. Leichtigkeit, die sich anfühlt, als habe er sich aus einem schlecht sitzenden Neoprenanzug geschält.

Die Kunst liegt darin, diesen einen Moment zu erkennen und loszulassen, weil die Figur nur so ihre Schritte neu erfinden kann, was sie muß, um sich nicht als bloße Kopie des Schauspielers durch den Raum zu bewegen: Die Geburt der Kreativität aus dem Geiste der Intuition.

Auf brüchigem Untergrund

Wer Heino Ferch als verschlossenen Kommissar aus dem hohen Norden am kommenden Montag in dem ZDF-Film „Mord am Meer“ durch Stasi-Dickicht und RAF-Vergangenheit begleitet, spürt, was damit gemeint ist. Der Ermittler Anton Glauberg, ein isolierter, meist ziemlich ernst dreinblickender Einzelgänger, bewegt sich auf brüchigem Untergrund und sucht dabei stets nach der absoluten Kontrolle.

Die aber kann es nicht geben, im wahren Leben ebensowenig wie im Film. Heino Ferch weiß das, und er weiß auch, warum das ganz so gut ist. „Der Drang, seine Rolle zu kontrollieren, muß genauso stark sein, wie jener, sie nicht zu kontrollieren“, sagt er. Weil man ihr nur auf diese Weise Leben einhaucht. Der Vergleich, den er zieht, ist ein sehr schöner: Es sei ein wenig wie die Spannung zwischen der Öffentlichkeit, der man sich als Schauspieler aussetze, „wenn die Klappe aufgeht und alle sehen dir ins Herz, in die Augen, den Bauch“, und dem Wunsch, sich hinterher zurückzuziehen, abzuschotten, einfach allein zu sein. Ein schizophrener Vorgang sei das.

Norddeutsche Zurückhaltung

Heino Ferch kann die Verschlossenheit, das einsame Leben und jene Stille, die ein problembelasteter Mensch wie Glauberg mit sich trägt, nachempfinden. Er selbst sei aber anders, sagt er, weil er sehr viel rede, sich unentwegt mitteile und Menschen mit seiner Euphorie einfange. Was er sagt, wie er es sagt, und sich dazu bewegt, dieses jungenhafte Hin-und-her-Rutschen, die unruhigen Finger, die an den Ärmeln seines schwarzen Pullovers zupfen und seine Sätze umzudrehen scheinen, all das wirkt sehr präsent. Und angenehm. Doch erst ist da diese norddeutsche Zurückhaltung, die einer einnehmenden Offenheit weicht.

Er kommt ja von dort oben, aus Bremerhaven, wo sein Vater als Kapitän zur See fuhr und monatelang die Küsten der Welt passierte, während er zu Hause als Kunstturner mit jedem Tag ein wenig besser wurde. Ein Kulturschock sei dann der Umzug nach Österreich gewesen, sagt er, doch die Kaffeehauskultur, das Verharren in dieser eigentümlichen Gemütlichkeit, habe ihn letztendlich versöhnt.

Die Freiheit, Fehler zu machen

Die Zeit in Salzburg und seine Schauspielausbildung am Mozarteum waren sehr wichtig für seine berufliche und persönliche Entwicklung. Darauf, und auf zehn Jahre Theatererfahrung, die ihn an die großen Häuser in Hamburg und Berlin führte, baut er nun. „Die Freiheit, Fehler zu machen und innerhalb einer eng verbundenen Gruppe den Weg zur Premiere stets neu zu definieren, diesen Raum bietet einem der Film nicht mehr.“ Die Zeit der Dreharbeiten sei dafür einfach zu kurz.

In den vergangenen Filmkarrierejahren hat Heino Ferch seinen schauspielerischen Weg nach und nach verlassen und sich neu orientiert. Die sehr männlichen Heldenrollen, die er in preisgekrönten Filmen wie „Das Wunder von Lengede“ oder „Der Tunnel“, für den er 2001 den „Bayrischen Film- und Fernsehpreis“ und die „Goldene Kamera“ erhielt, spielt, sind Figuren mit angekratzten Seelen gewichen.

Extreme menschlichen Verhaltens

Wie Mark Hoffmann, jenem Architekten des Thrillers „Hölle im Kopf“ (vor zwei Wochen im ZDF), der sich gefährlich nah am Abgrund bewegt und jede Sekunde abzustürzen droht, vollgepumpt mit Psychopharmaka und seiner Wahrnehmung beraubt. Eine jener Rollen, die ihn fesseln, weil sie mit Extremen menschlichen Verhaltens spielt. Und da ist diese Herausforderung, einen solchen Menschen nicht nur zu spielen, sondern zu leben. Und ebenso unangestrengt wie in Marc Hoffmann verwandelt sich Heino Ferch auch in Anton Glauberg, den Kommissar des Films „Mord am Meer“.

Es gibt eine Szene, die sich besonders im Gedächtnis verankert: Sie schildert das Zusammentreffen Glaubergs mit einem Bekannten aus längst vergangenen Zeiten. Die anfängliche Freude weicht rasch einer düsteren Stimmung, denn Glauberg tritt nicht als Freund auf, sondern als Ermittler. Seine Fragen, die mit jedem Wort an Schärfe gewinnen, nehmen keinerlei Einfluß auf die Mimik. Kühl und beherrscht sieht Glauberg seinem Gegenüber ins Gesicht, nur manchmal zucken die Mundwinkel.

Am Ende Leichtigkeit

Diese äußerliche Gelassenheit, die im Gegensatz zu seiner eigentlichen Bewegtheit steht, spielt Heino Ferch mit großer Intensität und physischer Präsenz. Es ist die Selbstverständlichkeit seines unangestrengten Spiels, an dessen Ende Leichtigkeit steht. Ein Gefühlszustand, der ihn auch an die Vergangenheit erinnert, an seine Zeit als Kunstturner: „Die physikalischen Hebel außer Kraft setzen, fliegen, die körperliche Leichtigkeit, die ihre Kreise bis in den Kopf zieht, das ist ein irres Gefühl“, sagt er. Und genau deshalb ist Heino Ferch ein „Zirkusfan“, ein „Artistengucker“, weil an diesem Ort aufs Schönste Kontrolle und spielerisches Element eine Einheit bilden, zwei Pole; beim schauspielern sei das ähnlich.

Woran Heino Ferch erkennt, daß er eine Rolle besonders gut spielt? An der Leidenschaft, mit der er einsteigt. „Ich habe keinen Film gedreht, wo ich das Drehbuch dreimal lesen mußte“, sagt er. Es packt ihn wie ein spannender Roman, da ist dieses Kribbeln, er sieht die Bilder im Kopf und fühlt die Figur, wie sie sich bewegt, wie sie atmet, wie sie spricht. Gefällt ihm das Drehbuch nicht, spielt er Basketball und „es landet im Korb“. Wenn er ständig an die Geschichte denkt, sagt er, und nach „der roten Laterne“ sucht, wenn er Gefahrenpunkte abklopft, erst dann wird der Film gut.

Hölle im Kopf

Wer Heino Ferchs Filmbiographie liest, dem begegnen bestimmte Namen. Wie Claudia Michelsen. In dem Film „Hölle im Kopf“ spielte sie seine undurchsichtige Ehefrau, die besorgt durchs Haus schleicht und hinter ihrem Lächeln unschöne Geheimnisse verbirgt. Mit ihr arbeitet er besonders gern, „weil die Wellenlänge stimmt“, weil man sich so gut kennt, daß man aufeinander reagiert, auch wenn die Szene eine andere Spielart vorgibt. Ist der Regisseur feinfühlig, weiß er, daß er sich in diesen Augenblicken zurückziehen und die Kontrolle den Schauspielern überlassen muß.

Heino Ferch zählt zu jenen Menschen, die über ihr eigenes Verhalten nachdenken und wissen, wie sie funktionieren, wie sie Höchstleistungen erbringen. Lernen und Bewegung liegen bei ihm nah beieinander, sehr nah. Geht er joggen, und das passiert häufig, steckt in seiner Hosentasche ein Zettel mit dem Text einer bestimmten Szene, die er sich selbst vorträgt. Und die anderen Jogger, wundern sich über den Mann, der scheinbar Selbstgespräche führt. Stichwortgeber sind erinnerte Emotionen; Gefühlszuständen ordnet er Worte zu.

Der Vater der Luftbrücke

In diesen Tagen steht Heino Ferch wieder vor der Kamera, in Berlin, für den Zweiteiler „Die Luftbrücke“, der die Zeit während der Berlin-Blockade 1948/49 sowie eine zarte Liebesgeschichte erzählt. Er spielt die Hauptrolle. Schon seit einigen Wochen hat sie seine Gedanken beherrscht. Er hat Bücher gewälzt, Wochenschauen von damals gesehen und das Luftbrückenmuseum besucht. Vor neuen Ideen ist er selbst unter der Dusche nicht gefeit. „Die Besetzung fühlt sich gut an“, sagt er. Das ist ihm besonders wichtig, weil es auf eine gewisse Art auch mit Kontrolle zu tun hat, mit Kontrolle über die eigene Karriere und der Freiheit, zu entscheiden.

Und in fünf Jahren? In fünf Jahren, sagt Heino Ferch, „in fünf Jahren habe ich vielleicht meinen ersten großen Film gedreht“. Bei der Frage, wie dieser aussieht, schweigt er für einen längeren Moment. Sehr emotional, sagt er und lehnt sich zurück. „Und bunt im Sinne von sinnlich“, eine Familiengeschichte, die auch etwas mit Tradition und Risiko zu tun hat.



Text: F.A.Z., 10.03.2005, Nr. 58 / Seite 44
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, Sat.1, ZDF/Volker Roloff

 
Auf dem Hochseil: Ferch 1998 bei “Stars in der Manege“ Als Gast bei “Wetten, dass...?“ 1999 mit Ornella Muti am Rande der Dreharbeiten zu “Everybody Dies“ Die “Comedian Harmonists“ 1997 mit (v.r.) Ben Becker, Heino Ferch, Ulrich Noe... Als Hermes Aphroditos (r.) in Dietls “Vom Suchen und Finden der Liebe“ mit Mo... Mit Dennis Hopper spielte Ferch in “Straight Shooter“ 2001: Mit John Malcovich (l.) in “Napoleon“ Heino Ferch im “Wunder von Lengede“ “Der Untergang“ mit Bruno Ganz (Hitler) und Heino Ferch (Speer) Mit Heike Makatsch in “Nachts im Park“ (2002) Dank für die Goldene Kamera 2002 Mit Nicolette Krebitz bei Dreharbeiten zu “Der Tunnel“ (2000) 1999 mit Katja Flint in “Marlene“