Alastair Fothergills „Unsere Erde“

Der kurze Film zum langen Abschied

Von Andreas Kilb

06. Februar 2008 Jedes Tier ist ein Individuum. Es wird geboren, wächst auf und stirbt, es wiederholt sich nicht. Dennoch können wir selbst die größeren Tiere nicht auseinanderhalten. Alle Elefanten, Eisbären, Wale, Tiger sehen für uns gleich aus. Aber wir müssen nur einem von ihnen lange genug zuschauen, um in ihm wieder das Einzelwesen zu erkennen, um ihm einen Namen, eine eigene Geschichte geben zu wollen - auch wenn wir es von seinesgleichen noch immer nicht unterscheiden können.

Auf dieser Schwäche unserer Wahrnehmung bauen alle populären Tierfilme auf. Der Titel-Collie der legendären Fernsehserie „Lassie“ wurde von einem Dutzend Hunden gespielt, für uns aber blieb er immer derselbe. Auch der Delphin in „Flipper“ hatte fünf verschiedene Darsteller, ohne dass dies jemandem aufgefallen wäre. Keiko, der Orca-Wal, der sowohl in „Free Willy“ als auch in den beiden Nachfolgefilmen vor der Kamera schwamm und 2003 im gesegneten Alter von siebenundzwanzig Jahren starb, stellt die große Ausnahme dar.

Ein Kunstgriff, der diesen Film einzigartig macht

Der Film „Unsere Erde“ ist kein Tierfilm im populären Sinn. Er ist eine Naturdokumentation, die größte und prächtigste, die es bisher gegeben hat, ein 40 Millionen Euro teurer, in fünfjähriger Drehzeit entstandener Bilderbogen aus dem Leben des Planeten. Aber da, wo dieser Film mit seiner Naturschönheit Ernst macht, greift er auf ein Muster der Tierserien zurück. Er zeigt uns eine Eisbärin mit ihren Jungen, eine Elefantenherde in der Steppe und eine Buckelwalkuh mit ihrem Kalb und stellt die Frage aller Fragen: Werden diese Tiere überleben? Werden sie genügend Beute im Eismeer, Wasser in der Trockenzeit, Krill in der Antarktis finden? Er lädt uns ein, mit diesen Tieren zu fühlen, zu leiden, zu bangen. Aber anders als „Free Willy“ und Konsorten verzichtet er darauf, ihnen Namen zu geben. Das ist seine folgenreichste Entscheidung, der Kunstgriff, der diesen Film einzigartig macht. Denn so bindet er unser Mitleid nicht an das einzelne Tier. Er bindet es an die ganze Art.

Alastair Fothergill, der Produzent und Regisseur von „Unsere Erde“, gibt in Interviews kund (siehe auch: Ist die Welt ohne Menschen schöner, Alastair Fothergill?), der eigentliche Hauptdarsteller seines Films sei die Sonne - weil sie mit ihrem Licht und ihrer Wärme das Leben in den Klimazonen der Erde erst möglich mache. Als formale Idee klingt das überzeugend. Aber im Kino glauben wir bekanntlich nur, was wir sehen. Am Anfang des Films sehen wir eine Eisbärin, die mit ihren beiden Jungen aus der Schneehöhle herauskriecht, in der sie den Winter verbracht und ihren Nachwuchs geboren hat - und dazu erklärt die Stimme Ulrich Tukurs aus dem Off, diese Bärin sei völlig ausgehungert, ihr blieben nur wenige Wochen, bis das Packeis breche und die Robbenjagd aufhöre. Es ist wie im Hollywoodfilm, wenn man erfährt, dass unter dem Hochhaus eine Bombe liegt, die in ein paar Stunden hochgeht: Die Zeit verdichtet sich, das Warten wird zur Erwartung.

Perfekter und illusionistischer als alle Naturdokumentationen zuvor

Aber unvermittelt, aus heiterem Himmel, wendet der Film sich einem anderen Schauplatz zu. Denn „Unsere Erde“ will das große Ganze abbilden, die ganze Fauna des Planeten, nicht nur ihren nördlichsten Teil. Deshalb sehen wir jetzt die Küken der Baikalente aus ihren Nestern springen und die Karibus über die Ebenen Alaskas ziehen, den Blauparadiesvogel im Urwald von Neuguinea seinen Balztanz beginnen und die Schraubenziege auf den Steilhängen Nordpakistans herumklettern, unaufhörlich umweht, umschluchzt, umschmockt von der Orchestermusik George Fentons und der Berliner Philharmoniker, die wie ein akustisches Narkotikum wirkt.

Wann immer es geht, versucht „Unsere Erde“ wie eine ganz normale Naturdokumentation auszusehen, nur noch perfekter und illusionistischer als alle Naturdokumentationen zuvor - mit Zeitrafferbildern, die die vier Jahreszeiten des Taiga-Walds in einem einzigen Kameraschwenk zusammenfassen, Luftaufnahmen, die den Flug zwischen den Gipfeln des Himalaja wie ein Kinderspiel aussehen lassen, und Einstellungen in Superzeitlupe, in denen Killerhaie aus der Brandung schießen und Pelzrobben verschlingen, als wären es Rosinen.

Ein Bild unserer heimlichen Wünsche und Ängste

Doch gerade sein übergroßer Maßstab, sein Totalitätsanspruch versperrt diesem Film die Rückkehr in den vorapokalyptischen Glückszustand selbst der kritischsten Natur- und Tierbeobachtungen. Es ist eben nicht mehr nur die Serengeti, die nicht sterben darf, und es geht nicht mehr nur um die bedrohten Paradiese einzelner Arten. Es geht um die Erde als solche, um das Überleben der Fauna insgesamt. Der Prolog des Films, der vom Aufprall eines Asteroiden in tellurischer Zeit, von der dadurch bedingten Verschiebung der Erdachse und der Entstehung verschiedener Klimazonen erzählt, hält noch einmal das natürliche Gleichgewicht vor dem Eingriff des Menschen fest. Aber wir wissen, dass die Balance zerstört ist, wir sehen die Klimazonen schwanken und sich verschieben, und mit diesem Wissen im Kopf betrachten wir „Unsere Erde“.

Zwei Entwicklungslinien kreuzen sich in diesem Film, eine dokumentar- und eine mentalitätsgeschichtliche. Einerseits ist der Naturfilm erst seit kurzem in der Lage, dank Weltraum- und Computertechnik, dank Minikamera und Digitalsteuerung ein annähernd komplettes Bild des irdischen Lebens zu malen, vom kleinsten Insekt bis zu den großen Meeressäugern. Andererseits hat die in immer rascherem Tempo heraufziehende Klimakatastrophe uns in den Stand gesetzt, diesen Planeten wieder als das wahrzunehmen, was er vor uns zuletzt für die frühen Kulturen mit ihren mythischen Weltbildern war: einen einzigen, unteilbaren, verletzlichen Organismus. Fothergills Film spiegelt dieses Bewusstsein wider, aber er wirft uns auch, wie ein Zauberspiegel, das Bild unserer heimlichen Wünsche und Ängste zurück. Denn es ist nicht „unsere“ Erde, die wir da sehen. Es ist die Welt der anderen, der Tiere. Kein Mensch erscheint in „Unsere Erde“, kein Flugzeug zerkratzt den Himmel, kein Auto zieht seine Spuren durch den Sand. Es ist, trotz aller Dürren und Stürme, ein Reich des Friedens, ein Paradies, das uns nicht braucht.

Am Ende des Films stirbt ein Eisbar. Der Eisbär schlechthin

Deshalb ist es ein umso größerer Schock, am Ende des Films einen ausgewachsenen Eisbären an Hunger und Erschöpfung sterben zu sehen. Es ist nicht die Bärin aus den Anfangsszenen, es ist noch nicht einmal ein Besucher ihres Reviers - es ist der Eisbär schlechthin. Das Tier hat sich, vom verfrüht einsetzenden arktischen Sommer überrascht, auf eine Walross-Insel gerettet; mit letzter Kraft wirft es sich auf die ins Wasser fliehende Herde, gleitet von den Speckrücken der Kolosse ab, wird von einem Stoßzahn getroffen, schleppt sich ans Ufer und verendet. Im Gewebe dieses Films ist das kein Unfall, sondern der Umsturz der natürlichen Ordnung: der Tod des Räubers im Angesicht seiner Beute. Wir aber wissen, wer für das Abschmelzen des Packeises verantwortlich ist. Es ist unsere Erde, die uns in dem sterbenden Tier anblickt.

Der Naturfilm ist entfesselt, technisch, philosophisch und finanziell. „Unsere Erde“ setzt einen Maßstab, dem viele Filme folgen werden, solange unser Vorrat an Neugierde, Faszination und Trauer reicht. Die Erde stirbt, und wir sind im Kino dabei.



Text: F.A.Z., 07.02.2008, Nr. 32 / Seite 35
Bildmaterial: Universum Film/Cinetext

 
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