Von Jürgen Dollase
08. Mai 2006 Auch im kulinarischen Sektor ist Erfolg nicht mehr als ein Abstraktum, das ohne präzise Lokalisierung zwischen den Leistungen internationaler Spitzenköche und dem Discounter-Hähnchen wenig Aussagekraft hat. Da erlebt also seit noch nicht sehr langer Zeit eine österreichische Köchin namens Sarah Wiener eine ungeheure mediale Vergrößerung, die ihr neben ständiger Fernsehpräsenz (Kerner's Köche) gleich mehrere gutgehende Berliner Restaurants (Hamburger Bahnhof, Speisezimmer, Akademie der Künste), eine erhebliche Ausweitung ihrer Catering-Aktivitäten und natürlich einschlägige Werbeverträge eingebracht hat.
Sarah Wiener ist heute also die bekannteste Köchin Deutschlands. Bei der Erklärung dieses Phänomens kann man gewisse Irritationen nicht vermeiden. Zunächst wird der Kenner die kulinarische Substanz eher vernachlässigen, nicht aber Frau Wieners Selbstinszenierung als eine Art Verona Pooth der Gourmandise, bei der man sich fragt, warum nun ausgerechnet sie Hunderte von besseren Köchen hinter sich läßt und durch fast jede Sendung geistert, die sich mit Essen beschäftigt. Da ist etwa der Eindruck aus einem ZDF-Nachtstudio, bei dem sie in einem Satz und mit der ihr eigenen Emphase in kurzem, scheinbar sachkundigem Duktus das Salzproduktionsgebiet Guerande nach Südfrankreich verlegt und dem Maldon Sea-Salt die Besonderheit zugesprochen hat, es sei kristallin.
Muntere Fummelei in der Küche
Man würde leicht über solche Äußerungen hinweghören, wiederholten sie sich nicht recht penetrant. Hier redet sich jemand heiß, der gar nicht über ausreichende Kenntnisse verfügt. Man muß die neue Tantigkeit bemerken, die bevorzugt weltstädtische Frauen mit regionalem Hintergrund in Horden schnatternder Lifestyle-Surferinnen verwandelt, denen buchstäblich alles in die Hände fallen kann. Warum also nicht auch die Gourmandise?
Erfolg entsteht nicht zwingend aus einer entsprechenden Befähigung. Erfolg kann auch einfach dadurch ermöglicht werden, weil sich eine Lücke auftut, in die - bildlich gesprochen - eine andere Lücke hineinpaßt. Was hat denn die Schar der professionellen Köchinnen und Köche bislang zu bieten gehabt, um den Muff der weißen Kochmonturen zu überwinden und ein breites Publikum davon zu überzeugen, daß man nicht nur ex cathedra kochen kann, sondern auch muntere Fummelei in der Küche lustig sein kann? Es ist kein Zufall, daß die kochenden Fernsehstars meist in Straßenkleidung auflaufen.
Grandiose Aufblähung des Schlichten
Nichts gegen unsere guten Köchinnen, aber der Gegensatz zwischen ihnen und Sarah Wiener ist einfach enorm. Dort rundliche Personen im Krankenschwester-Look, hier eine leicht androgyne, gestanden wirkende Mittvierzigerin, Tochter eines bekannten Schriftstellers und Gastronomen (Oswald Wiener), in der Film-Catering-Szene groß geworden, immer den Promis nahe und gerne auch einmal Unterwäsche aufblitzen lassend. Welchen Typ von Köchin wird man wohl wählen, wenn man für eine Fernsehsendung verantwortlich ist, nichts vom Essen versteht, aber ein bißchen was an Bildern braucht?
Die etablierte Kochszene hat einen wichtigen Zeitpunkt verschlafen. Sie hat nicht bemerkt, daß sich das Thema Essen mit dem Erscheinen eines Jamie Oliver und dessen Epigonen mitten ins pralle Fernsehleben katapultiert hat. Heute geht es um die Fernsehpersönlichkeit, an die ganz andere Anforderungen gestellt werden, als daß sie von der Restkommunikation bedient werden könnte, die einem in der Küche vergrabenen Meister seines Faches noch möglich ist. Natürlich verheißen die Protagonisten von Sarah Wiener bis Tim Mälzer, von Jamie Oliver oder Nigella Lawson eine Verbesserung der häuslichen Kochleistungen durch eine vernünftige und entspannte Mischung aus Qualität und Aufwand. Tatsächlich aber ist es meist nicht die seriöse Reduktion der Kochkunst auf das Machbare, sondern umgekehrt eher die Aufblähung des Schlichten mit ein paar Versatzstücken aus dem Fundus der Großmeister. Was nicht selten als geniale Kleinigkeit und Ausbund eines gesunden kulinarischen Menschenverstandes verkauft wird, hat kein wirklich nennenswertes kulinarisches Niveau zu bieten und findet sich landauf, landab in jedem besseren Restaurant. Die Profis der Zunft sehen mit Kopfschütteln, wie ihre meist souverän reduzierten Amuse- bouche-Kleinigkeiten kaum Beachtung finden, in zusammengesammelter Form aber die Bestseller der Medienstars füllen.
Gourmandise auf Ikea-Niveau
Auch Sarah Wiener hat kulinarisch nicht mehr zu bieten als bloßes Mittelmaß. Vor allem aber wäre Frau Wiener ohne ihren Standort in Berlin und den dortigen Medienklüngel der kurzen Wege kaum denkbar. Sie trifft hier auf ein Publikum, das ideal zu ihrer Person, ihrem Hintergrund und der Positionierung des Essens im täglichen Leben paßt. Berlin ist keine Stadt der Gourmets, aber eine Stadt mit sehr vielen Leuten, denen mittlerweile das Kulinarische ein klein wenig nähergekommen ist. Man differenziert ein bißchen hier und schnappt einen neuen Begriff da auf, hat von Himalaya-Salz gehört und eine kleine Weinauswahl im Kopf, die sich nicht mehr auf Pinot Grigio beschränkt.
Berlin hat kulinarisch die erste Station auf dem Weg zu einer Weltstadt erreicht: eine Lifestyle-Verknüpfung mit Gourmandise auf Ikea-Niveau. Essen muß schon etwas anders aussehen als die alte Küche, es muß die sich jeweils ändernden Zeichensprachen in den kulinarischen Details bedienen. Ansonsten aber ist es wichtiger, gute Freunde zu haben und ein bißchen zur Bißchen-Szene zu gehören.
Freiheit für Redundanzesser
Im Grunde ist der Erfolg von Sarah Wiener und Co. das Ergebnis einer Projektion der Trivialität der eigenen Wahrnehmung auf das Objekt Essen, allerdings im Stil der neuen Zeit: Es geht nicht mehr um den alten Redundanzesser und die dumpfe Bedienung von dessen nicht selten verbogener kulinarischer Sozialisation. Der neue Redundanzesser wähnt sich in Wahlfreiheit und glaubt, sie zu praktizieren. Er ist sich vielleicht sogar seiner Defizite bewußt, steht aber zu ihnen.
Wenn dem so ist, wird es natürlich für die Gourmandise schwierig mit dem nächsten Schritt vorwärts. Aber für noch viele Sarah Wieners, Pariser Neo-Bistros oder Londoner River Cafes wird es ein leichtes Leben. In der erwähnten ZDF-Sendung etwa stellte der durchaus geschätzte Volker Panzer die österreichische Köchin Johanna Maier als die am höchsten ausgezeichnete Köchin der Welt vor und folgte damit einer völlig verstiegenen Einschätzung der österreichischen Ausgabe des Restaurantführers Gault Millau. Diese Behauptung ist unwahr und ein Zeichen für ein weiteres Problem: die Unkenntnis der Gatekeeper in diesem Metier, also derjenigen Instanzen, die dafür sorgen können, was und in welcher Form auf den Sender kommt. Hier fehlt noch das Gegengewicht zum reinen Populismus, nämlich ein Fachwissen.
Sarah Wiener ist Sarah Wiener - eine Geschäftsfrau, die sich mit Eßbarem befaßt. Sie mag damit ihre Gäste erfreuen und diejenigen unterhalten, die sich unterhalten lassen wollen. Ihr darüber hinaus Bedeutung beizumessen oder sie gar zum Sprachrohr von irgend etwas Kulinarischem zu machen geht weit über ihre Möglichkeiten hinaus.
Text: F.A.Z., 08.05.2006, Nr. 106 / Seite 37
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