„Best of Berlin“

Der Kurator der Nation

Von Thomas Wagner

Der Präsident weiß, wo's langgeht

Der Präsident weiß, wo's langgeht

07. September 2004 Was der Mißerfolg nicht vermag, das schafft der Erfolg. Kaum hat die Ausstellung "MoMA in Berlin" die magische Grenze von einer Million Besuchern überschritten, schon fühlt sich Bundespräsident Horst Köhler berufen, eine Schau der Highlights der Berliner Sammlungen anzuregen: "Best of Berlin".

Was in Frankreich, England oder den Vereinigten Staaten nicht schicklich und in Wirtschaft und Wissenschaft undenkbar wäre, in Berlin und in der Kultur ist es möglich: das Staatsoberhaupt als Kurator der Nation, der weiß, was nötig ist, damit sich auch künftig lange Schlangen um die Museen winden. Seltsam, daß Politiker glauben, sie könnten den Job kompetenter Fachleute mal so nebenbei mitübernehmen. Heraus kommt dabei nur ein teigiger Populismus, der nicht auf die Kunst schaut, sondern auf Besucherzahlen und Umfragewerte schielt.

Wowereit applaudiert

Immerhin: Kulturstaatsministerin Christina Weiss und der Berliner Kultursenator Thomas Flierl äußern sich skeptisch gegenüber der Schau der Meisterwerke. Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit hingegen applaudiert: "Der Vorschlag hat Charme, und ich bin sicher, die Berliner Werke könnten an den Erfolg der MoMA-Ausstellung anknüpfen." Denn: "Wer es versteht, die Kunst zum Ereignis zu machen, kann ein Riesenpublikum erreichen. Mehr noch: Er weckt den Hunger nach weiteren Besuchen, macht neugierig auf die vielfältige Landschaft aus Museen und Galerien, in denen die Meisterwerke liegen."

Vielleicht lassen wir sie dort besser liegen, versteigt sich Akademie-Präsident Muschg doch zu einem gewagten Vergleich, wenn er für eine Schau plädiert, in der "eine Weile ein bestimmtes Gemälde an einem Ort zu sehen ist, wo es sonst nicht gesehen wird und dann ein bißchen wie ein Zuhälter oder eine Zuhälterin in das Museum selber lockt". Wäre das so leicht, es wäre längst gemacht worden.

Kunst in der Schlachthalle

So blicken viele in die Glaskugel, glauben die Nebel der Museumszukunft durchdringen zu können und hören schon das Geld zahlungskräftiger Touristen in der Kasse klingeln. Mit seriöser Museumspolitik hat das nichts zu tun. Auch wenn die Vorsitzende des Berliner Kulturausschusses, Alice Stöver, wenigstens metaphorisch mit ihrem Vorschlag ins Schwarze trifft, die Kunst-Hitparade in der Schlachthalle des ehemaligen Zentral-Viehhofs in Friedrichshain abzuhalten.

Anzunehmen, man müsse nur eine Phalanx von Meisterwerken aufstellen und schon werde alles gut, zeugt bestenfalls von Naivität. Denn Mega-Events wie das "MoMA in Berlin" funktionieren nie am Ort der gewachsenen Sammlungen selbst. Nur in der Ferne verströmen die Highlights ihre süßlichen Lockstoffe. Sahne ohne Kuchen ist auch nur einmal lecker.

Was aufs Spiel gesetzt wird

Und wer wollte, ohne Caspar David Friedrichs "Mönch am Meer" dort sehen zu können, noch in die Alte Nationalgalerie, wer ohne Caravaggio in die Gemäldegalerie, wer ohne Nofretete ins Ägyptische Museum und wer ohne Werke von Picasso, Dix und Newman in die Neue Nationalgalerie? Wer ungeniert aufs Populäre zielt, muß wissen, was er aufs Spiel setzt. Außerdem: Was mit dem MoMA geht, das geht nicht mit dem vielgestaltigen, viel reicheren und verzweigteren Berliner Fundus. Dieser verlangt, gerade weil er weit zurückgreift und mehr als Gemälde und Skulpturen umfaßt, nach ganz anderen Verbindungen und Resonanzen.

Berlin mangelt es nicht an "Meisterwerken" und schon gar nicht an Sammlungen, die einen Vergleich scheuen müßten. Die Diskussion über ein "Best of" aber offenbart abermals, daß man zuwenig an die Qualität des Gewachsenen glaubt und politisch dafür eintritt. Statt dessen werden die wirklichen Probleme weiter mit Events vernebelt. Wer nur ganze Kollektionen kauft und leiht und zwischen möglichen Standorten herumschiebt, der muß am Ende wie die Politik zum Marketing beten und wie der Generaldirektor der Berliner Museen, Peter-Klaus Schuster, frech behaupten: "Berlin ist MoMA - Metropolis of Museum Art." Aus lauter Meisterwerken.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.09.2004, Nr. 208 / Seite 35
Bildmaterial: AP

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