Filmfestspiele Venedig

Verzweiflung des Dackelblicks

Von Dirk Schümer, Venedig

In einem Festivalfilm wird Italien mit Norwegen gleichgesetzt - um einen Krimi zu adaptieren

In einem Festivalfilm wird Italien mit Norwegen gleichgesetzt - um einen Krimi zu adaptieren

04. September 2007 Es hat den Anschein, als wäre das italienische Kino am Lido ausgezeichnet vertreten, doch die lange Liste heimischer Produktionen besteht zum Großteil aus rekonstruierten Spaghettiwestern. Vorzeigbare neue Werke aus dem Land Viscontis, Fellinis, Antonionis sind rar. Die Lage hat sich fatal gedreht: Die billigen Djangostreifen der siebziger Jahre haben durch ihre ironisch-musikalische Beatmung des bereits toten Wilden Westens die Welt erobert, während von den heutigen Fließbandproduktionen im Ausland kaum jemand etwas mitbekommt. Und es ist nicht zu erwarten, dass die arg konventionellen, arg italienischen Festivalbeiträge an dieser tristen Situation etwas ändern.

„La ragazza del lago“ (Das Mädchen vom See) ist die norwegische Krimivorlage in jeder Pore anzumerken: Die Ermordete litt letal am Hirntumor, der Hauptverdächtige ist geistesgestört, sein Vater sitzt im Rollstuhl, der Täter hat vorher bereits sein behindertes Kind umgebracht, die Frau des Kommissars hat unheilbar Alzheimer, und die depressive Staatsanwältin ist, oje, schwanger. Statt eine Familientherapie zu beginnen, hat sich die Autorin Karin Fossum ihre Ängste um Kinder, Krankheit und Lieblosigkeit von der Seele geschrieben, und es bedurfte schon einer Verlagerung ins gebirgig-aufgeräumte Friaul, zu den Skandinaviern Italiens sozusagen, um dieses elendstrunkene Fjord- und Inzucht-Szenario überhaupt fürs sonnige Italien zu adaptieren.

Bei uns ginge so etwas als mittelguter „Tatort“ durch

Elendstrunken: Szene aus “La ragazza del lago“

Elendstrunken: Szene aus "La ragazza del lago"

Die kühle Regie, bei welcher der Römer Andrea Molaioli den Kamerablick fassungslos über die makellosen Betonmauern, Isofenster und akkuraten Vorgärten seiner friulanischen Landsleute schweifen lässt, ist ebenso wenig der Rede wert wie das Drehbuch. In Deutschland ginge so etwas als mittelguter „Tatort“ durch. Wäre da nicht das abgrundtief melancholische Gesicht von Toni Servillo, der in seinen illusionslosen Dackelblick alle Verzweiflung des nach Norden versetzten neapolitanischen Kommissars zu legen versteht.

Servillo, auch auf der Theaterbühne Legende, gehört zur absoluten Crème der italienischen Schauspielerei; schade, dass er nach herrlichen Titelrollen als Mafia-Geldbote, Mafiaboss und schmieriger Schlagersänger in dieser Saison nur einen Allerweltskrimi adelt. Aber man ist – wie bei einigen Alterswerken Mastroiannis – bereits froh, in einem italienischen Film sein clowneskes Tragödengesicht zu genießen.

Mit den Jahren gerät alle Milieuschilderung zum Klischee

Luigi LoCascio gehört dagegen seit Marco Tullio Giordanas „Meglio Gioventù“ (Die besten Jahre) zur Handvoll Jungstars in Italiens Kinoszene. Der Sizilianer hat für „Il dolce e l’amaro“ (Das Süße und das Bittere) die Rolle eines kleinen Mafiahandlangers, der es – bevor ihn die Killer schaffen – bis zum Killer schafft, förmlich auf den schmächtigen Leib geschrieben bekommen. Allein schon für den einzigartigen Gossendialekt Palermos müssen andere Schauspieler lange Sprachunterricht nehmen; hier aber spielt einer die Tragödie seiner Heimat, legt in jede Geste die eigene sizilianische Jugend, in jeden wehen Blick all sein Wissen um die vermaledeiteste Insel des Mittelmeers.

Ansonsten bleibt Andrea Porporatis Film beim ewigen Mafia-Epos, gespickt mit zynischen Paten im Hinterzimmer, pittoresken Killerszenen am Strand, heißblütiger Liebe in abbröckelnden Palermitaner Mietskasernen und viel Armut, Gefängnis, Polizei und Gewalt. Dass Italien seit seiner Gründung die Mafia nicht besiegt und wohl auch niemals besiegen wird, hat das italienische Kino bei seinem optischen Aufbegehren gegen die Missstände lange beflügelt und Hollywood eines seiner schönsten Epen, „Der Pate“, vorgegeben. Mit den Jahren des Stellungskrieges aber ermüdet die Optik, gerät alle Milieuschilderung – hundertmal von jedem Kriminalsoziologen vorweggenommen – nur mehr zum Klischee. Und Klischees waren beim Italowestern, der sich auf keine traurige Wirklichkeit bezog, besser aufgehoben.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Festival

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