Kino

Epochenumbruch in Hollywood

Von Verena Lueken, Toronto

Der Irak-Krieg im Kino: “Redacted“

Der Irak-Krieg im Kino: "Redacted"

17. September 2007 Ein ägyptischer Naturwissenschaftler, seit zwanzig Jahren wohnhaft in Chicago, mit Greencard, einer amerikanischen Frau und einem amerikanischen Kind, wird auf dem Rückflug von einer Konferenz in Südafrika beim Zwischenstopp in Washington überwältigt und in ein nordafrikanisches Land entführt, dort gefoltert, bis er falsche Aussagen macht, während seine Frau nach ihm sucht und keine Auskunft bekommt. Hinter der Entführung steht die CIA. Diese Geschichte erzählt Gavin Hood in seinem Film „Rendition“.

Eine Gruppe amerikanischer Soldaten vergewaltigt ein fünfzehnjähriges irakisches Mädchen und ermordet dann dessen gesamte Familie, um die Spuren ihrer Tat zu verwischen. Auf der Grundlage tatsächlicher Ereignisse baut aus dieser Geschichte Brian de Palma seinen Film „Redacted“ (siehe auch: Lust, Schuld und melancholische Männer im Spiegel der Blicke).

Massaker an Frauen und Kindern

“Operation: Kingdom“ mit Jennifer Garner, Ali Suliman, Jamie Foxx und Chris Cooper

"Operation: Kingdom" mit Jennifer Garner, Ali Suliman, Jamie Foxx und Chris Cooper

Irakische Aufständische vergraben eine Bombe, warten auf einen amerikanischen Konvoi, der diese Stelle passieren wird, und zünden die Bombe mit einer primitiven Fernsteuerung. Die Explosion tötet einen amerikanischen Offizier und verletzt zwei weitere. Der Rest der Truppe stürmt das nahe liegende Dorf und ermordet vierundzwanzig Zivilisten, darunter viele Frauen und Kinder. Den Film, der dieses Massaker vom 19. November 2005 zum Ausgangspunkt einer Recherche nimmt, hat Nick Broomfield gedreht: „Battle for Haditha“.

Kaum aus dem Irak zurückgekehrt, verschwindet ein Marine aus dem Camp. Sein Vater, ein Vietnam-Veteran, macht sich auf die Suche nach ihm und entdeckt, dass im Krieg aus seinem Sohn ein Mörder geworden ist. Paul Haggis erzählt diese Geschichte in seinem Film „In the Valley of Elah“.

Kassenträchtige Besetzung

Das Filmfestival in Toronto, das gestern zu Ende ging, zeigte diese vier Filme, die teilweise zuvor schon in Venedig zu sehen waren, teilweise hier ihre Weltpremiere erlebten, und dazu noch eine Reihe von Dokumentarfilmen zum Thema, innerhalb weniger Tage. Es sind sämtlich amerikanische Produktionen, und ihre Regisseure sind keineswegs Außenseiter, sondern arbeiten mitten in Hollywood oder an dessen Rändern. Noch mindestens fünf weitere Filme zum Irak-Krieg werden in den nächsten Wochen in die Kinos kommen - von Peter Berg „The Kingdom“, von Robert Redford „Lions for Lambs“, von James C. Strouse „Grace is Gone“, von Mike Nichols „Charlie Wilson's War“ und schließlich von Kimberly Pierce „Stop Loss“. Einige der Regisseure haben sich für eine kassenträchtige Besetzung entschieden, und so sehen wir in ihren Filmen Schauspieler, die zu den populärsten des amerikanischen Kinos gehören: Tom Cruise, Meryl Streep und Robert Redford, Tom Hanks, John Cusack, Jake Gyllenhaal und Reese Witherspoon, Tommy Lee Jones, Charlize Theron und Susan Sarandon, Chris Cooper und Jennifer Garner. Andere drehten mit vollständig Unbekannten, um ihren Filmen höchstmögliche Authentizität zu verleihen.

So oder so, gemeinsam ist ihnen, dass in keinem der Filme die amerikanische Regierung und ihre Institutionen geschont werden. Im günstigsten Fall sind sie ein Haufen arroganter, mitleidloser Karrieristen und Geschäftemacher, im pessimistischeren Fall sehen wir bigotte Fanatiker. Und oft blicken wir einfach in Gesichter abgrundtiefer Interesselosigkeit. Die Soldaten, die sie in den Krieg geschickt haben, treten uns als verlassene, innerlich verwahrloste und verrohte Kinder gegenüber, die wissen, was sie tun, aber keine Ahnung haben, was es bedeutet.

Die Nase voll von Bush

Was indes diese Flut amerikanischer Filme zum Thema Irak bedeutet, liegt auf der Hand. Die Filmemacher haben die Nase voll von Präsident Bush und seiner Politik, sie sind tief besorgt und auch verzweifelt über die Aktionen und den Zustand ihres Landes, und die Studios, die ihre Arbeit finanzieren - darunter die größten oder ihre Ableger: Warner und Paramount, Universal und MGM - geben ihnen recht oder zumindest das Geld, ihren Zorn unters Volk zu bringen. Und das Volk, das der Regierung kaum mehr Vertrauen entgegenbringt, wird aus dem einen oder anderen dieser Filme einen Erfolg machen.

Tom Cruise in "Lions for Lambs" von Robert Redford

Während die politischen Kommentatoren seit langem darüber streiten und noch lange weiterstreiten werden, ob und wo es Parallelen zwischen den amerikanischen Kriegseinsätzen in Vietnam und im Irak gibt, hat das Kino seine Antwort bereits gefunden: Es sind gänzlich unvergleichbare Einsätze, sagen und zeigen sie einerseits. Was das Fehlen jeglicher Legitimation in beiden Fällen angeht und was dies für die Selbstwahrnehmung Amerikas und das Lebensgefühl zu Hause bedeutet, ist andererseits aber doch vergleichbar. Sicher ist jedenfalls, dass es wie damals in den siebziger und achtziger Jahren den Vietnam-Film von nun an in den Kinos der Welt den amerikanischen Irak-Film gibt.

Verlorenes Vertrauen

Die Ausgangslage, die sich in diesen Filmen spiegelt, ist allerdings eine deutlich andere. Während Fernsehbilder und Kriegsfotografien aus Vietnam in den sechziger Jahren die Öffentlichkeit erschütterten und eine Massenbewegung gegen den Krieg in Gang setzten, der das Kino erst mit einiger Verspätung Jahre nach dem Rückzug der Amerikaner aus Indochina mit Filmen wie „The Deer Hunter“ (1978), „Apocalypse Now“ (1979), „Rambo“ (1982), „Platoon“ (1986) oder „Born on the Forth of July“ (1989), um nur die bekanntesten zu nennen, folgte, hat die Öffentlichkeit heute das Vertrauen in die Nachrichtenbilder vom Krieg vollständig verloren. Zu zeigen, was ist - das ist jetzt Aufgabe des Kinos geworden.

John Cusack in “Grace is Gone“

John Cusack in "Grace is Gone"

Das bedeutet, dass die Filme einen quasidokumentarischen Duktus pflegen und individuelle Aufnahmeapparaturen wie Camcorder und Digitalkameras sowie militärische Überwachungsgeräte, die die Schauplätze im Blick haben, neben dem Kameraauge, das den fiktionalen Filmsträngen folgt, eine fast gleichberechtigte Bedeutung erlangen. Videoblogs der Soldaten wie in Brian de Palmas „Redacted“ oder ein die Ereignisse protokollierender Studentenfilm, mit dem einer der GIs sich in Nick Broomfields „Battle for Haditha“ nach dem Einsatz bei einer Filmschule bewerben will, geben uns Bilder von Kampfeinsätzen und aus den Camps, wie wir sie von professionellen Medienbeobachtern niemals zu sehen bekommen.

Willkür und Angst, Protzereien und Enthemmung

Und anders als etwa der Hubschrauberangriff auf ein vietnamesisches Dorf zur Begleitmusik des „Walkürenritts“ in „Apocalypse Now“, den die Soldaten im Golfkriegsfilm „Jarhead“ von Sam Mendes (2005) dazu benutzten, sich für den bevorstehenden Kampf aufzupeitschen (siehe auch: Video-Filmkritik: „Jarhead“ von Sam Mendes), taugen diese Bilder zur Einstimmung aufs Töten kaum. Wir sehen Willkür und Angst, Protzereien und Enthemmung, militärischen Drill und Gruppenzwang. Heroische Action oder irgendetwas, das als solche durchgehen könnte, sehen wir nicht. Die Medienkritik, die in all dem steckt, ist fundamental. Die Soldaten sind nicht nur Täter oder Opfer oder beides, sondern auch Voyeure und Kameramänner, Zeugen und Bilderproduzenten zugleich. Und wir, das Publikum, die wir nur Voyeure sind, haben keinen Anhaltspunkt mehr, ob das, was uns authentisch erscheint, tatsächlich so geschehen ist. Die Verunsicherung auf allen Seiten ist total.

Übt Selbstjustiz: Jodie Foster in “The Brave One“

Übt Selbstjustiz: Jodie Foster in "The Brave One"

Zur Zeit des Vietnam-Kriegs stürzte in Hollywood das alte Studiosystem und machte dem „New Hollywood“ Platz. Von Mitte der sechziger bis Mitte der siebziger Jahre, von „Bonnie and Clyde“ (1967) bis „Taxi Driver“ (1976), entstanden damals Filme, die von alltäglicher Gewalt erzählten, von Rassenhass und einer umfassenden Orientierungslosigkeit und Verängstigung, die sich in blutigen Aktionen entlud. Es waren diese Filme und der Umsturz in der Industrie, den sie bewirkten, die den Vietnam-Film erst ermöglichten. Der Irak-Film heute braucht keinen Umsturz der Filmindustrie mehr, er entsteht mitten im Mainstream. Und neben ihm wächst eine große Menge an Filmen, die wie damals davon erzählen, wie die Gewalt sich in die amerikanische Gesellschaft und die Familien frisst.

Selbstjustiz und Amokläufe

Das war der zweite große Block amerikanischer Filme in Toronto: Verbrechensopfer, die Selbstjustiz üben (Jodie Foster in Neil Jordans „The Brave One“) oder es vorhaben (Joaquin Phoenix in „Reservation Road“), Kinder, die ihre Eltern berauben (Ethan Hawke und Philip Seymour Hoffman in „Before the Devil Knows You're Dead“), Eltern, die ihre Kinder ermorden, Schüler, die Amokläufern zum Opfer fallen. Nähme man all die Leinwandtoten dieses Festivals, mit denen Amerika irgendetwas zu tun hat, stünden wir vor einem Leichenberg.

Das amerikanische Kino ist endgültig in eine neue Epoche eingetreten. „Post 9/11“ nennen die Amerikaner die Zeit, in der auch das Kino jetzt endgültig angekommen ist. Oder, weniger präzise, „Another New Hollywood“. Welcher Titel sich auch immer für dieses neue Zeitalter in Hollywood bei uns durchsetzen wird - klar ist, dass das amerikanische Kino seit zwanzig Jahren nicht mehr eine solch überwältigende Anzahl explizit politischer und untergründig beunruhigender Filme produziert hat wie in diesem Jahr. Das Bild Amerikas, das seine Regisseure sich machen und uns zeigen, könnte erschütternder nicht sein.

Text: F.A.Z., 17.09.2007, Nr. 216 / Seite 33
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv, reuters, Universal Pict.Int.Ger./Cinetext, Warner Bros./Cinetext

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