Von Michael Ludwig, Warschau
03. Juni 2003 Polen sind stolz darauf, daß bei ihnen das Absurde zu Hause sei. "To jakis absurd" ("das ist ja absurd") gehört zu den festen Redewendungen, mit denen "Pan Kowalski", der Durchschnittspole, Schildbürgerstreiche der Politiker kommentiert. Das klingt besser als "Schlamperei" oder "Unsinn", und Literaten von Witold Gombrowicz über Slawomir Mrozek bis zu Andrzej Stasiuk haben schwer an dieser Überhöhung des Gewöhnlichen gearbeitet, welche Polen das Image einer Heimat des Absurden eingebracht hat.
Klar, daß Steffen Möller, ein deutscher Unterhaltungs-Gastarbeiter Anfang dreißig, der - aus polnischer Sicht betrachtet - den Wahnsinn begangen hat, mit einem deutschen Hochschuldiplom in der Tasche vor acht Jahren nach Polen zu gehen, um hier zu arbeiten, vom polnischen Zoll nicht mehr kontrolliert, statt dessen an der Grenze - als inzwischen berühmt gewordener Held und Verkörperung des angeblich Absurden - um Autogramme gebeten wird. Einen Teil seiner Freizeit verbringt Möller zudem damit, Polen die Entscheidung für den Ortswechsel zu erklären, denn schließlich drängt doch die jüngere Generation der Polen in die entgegengesetzte Richtung, nach Westen, weil sie dort auf Arbeit in besser organisierten Gesellschaften hofft.
Polen ist doch stinknormal
Möllers Antwort ist immer dieselbe, daß er nämlich überall auf der Welt Kabarett machen würde, weil er nun einmal Spaß daran habe, warum also nicht auch in Polen. Das vermittelt dem Fragenden das Gefühl, Polen sei im Grunde wohl doch ein "stinknormales" europäisches Land, ist aber zugleich ein fieser Nadelstich gegen das Bewußtsein von dem "absurden" Sondercharakter Polens.
Polen sind ebenfalls stolz darauf, daß ihre Sprache für Ausländer, Deutsche zumal, nahezu unbeherrschbar und unaussprechbar sei. Die polnische Bezeichnung der Deutschen als "Niemcy", jene, die (das polnische Idiom) nicht sprechen, spricht Bände über die lange Geschichte dieses Vorurteils. Einen Teil seiner Beliebtheit verdankt der studierte Theologe und Philosoph Möller der Neugier darauf, wie es sich wohl anhöre, wenn "dieser verrückte Deutsche" das Gegenteil beweisen will. Er gibt die Frau ohne Unterleib, zieht mit einer nahezu körperlichen Absonderlichkeit die Zuschauermassen an.
Stereotypen gibt's genügend
Ob sich aber wirklich alle freuen, wenn Möller ihnen mit seinen Auftritten beweist, daß sie Menschen sind, die sich einer ganz normalen europäischen Sprache bedienen, und daß selbst ein Deutscher das Polnische erlernen kann, ist eine offene Frage. Das einzige Zugeständnis, das Möller seinem Publikum macht, sind ein deutscher Akzent und grammatikalische Patzer, die er freilich ganz bewußt als kabarettistisches Stilmittel einsetzt, um die Lacherquote nach oben zu treiben, schließlich unterrichtet er nebenbei auch am Institut für angewandte Sprachwissenschaft der Universität Warschau. Das Spektrum der Witze ist breit, und Stereotype zu zerpflücken - jene, mit denen Deutsche "die" Polen einordnen, und jene, mit denen Polen operieren, wenn sie Deutsche typisieren, aber auch die Autostereotype, die in beiden Völkern gepflegt werden - hat es Möller besonders angetan.
Dabei geht es keineswegs nur um negative Vorurteile (à la "Polacke" oder "Preußenschwein"), sondern auch um die "gutmenschenhafte", von historischem Schuldbewußtsein getränkte, kritiklose Überschätzung alles Polnischen auf deutscher Seite, etwa von der Art, daß ein guter Jazzmusiker, den man hört, bestimmt Pole sei oder daß ein Restaurator mittelalterlicher Gemäuer oder Wandmalereien, dessen Werk man bewundert, sein Handwerk sicherlich zwischen Oder und Bug gelernt habe.
Auch Fryc darf leiden
Auf der anderen Seite gibt es die komplexbeladene Überschätzung, der zufolge die Deutschen unfehlbare Götter des Organisierens seien oder daß in Deutschland die Rationalität an der Macht sei. "Je mehr Stereotype es gibt, desto besser ist die Ausgangslage für den Satiriker", sagt Möller zufrieden mit seinem Arbeitsfeld. Missionar der deutsch-polnischen Versöhnung will er nicht sein, der didaktische Zeigefinger ist ihm ein Graus, und dennoch ist das Ergebnis seiner lustvollen Scherze Aufklärung. Das geht freilich nur, wenn moralinsaure politische Korrektheit nicht Offenheit, bis hin zur Brutalität, verhindert.
Seit einem Jahr hat Möller im polnischen Fernsehen zusätzlich Arbeit als Serienheld "Stefan Müller" gefunden. Als deutscher Jungbauer, der in Polen Kartoffeln für Pommes frites anbaut, darf Möller in der beliebten Seifenoper "L. wie Liebe" ("M. jak milosc") sich unter polnischen Dorfbewohnern wohl fühlen, eine polnische Frau begehren und - fast - zum Altar führen. Daß die Dame sich dann doch noch anders entscheidet, ist freilich keine moderne Version der aus dem frühmittelalterlichen Krakau bekannten Legende von Wanda, die sich lieber in der Weichsel ertränkte, als einen Deutschen zu nehmen, sondern einfach Jungbauernpech. Die Angebetete gibt einer alten Jugendliebe den Vorzug vor dem ganz und gar sympathischen Liebhaber aus Deutschland. Auch "Fryc" (Fritz, einer von vielen Spottsammelnamen für Deutsche) darf also leiden. Ist Mensch, kein stählerner Automat ohne Gefühle. Das ist doch schon was.
Möller nimmt Polen die Angst
Im polnischen Rundfunk hat man sich jetzt auf Möllers Popularität besonnen, als es darum ging, die Menschen für den Beitritt ihres Landes zur EU zu gewinnen. Regelmäßig zerstört Möller zu früher Morgenstunde so ganz nebenbei mit kleinen Geschichten Mythen oder zerlegt polnische Angstvorstellungen vor dem großen Unbekannten Europa in lächerliche Bestandteile. Und gemeinsam mit anderen Kollegen aus europäischen Ländern nimmt sich Möller seit einigen Monaten in einer Fernsehsendung, die inzwischen zur beliebtesten Talkshow Polens aufgestiegen ist, des Alltags in Ländern an, die Polens EU-Partner sein werden. Anekdoten sind ein beliebtes Mittel dieser Runde, die europäischen Nachbarn vorzustellen.
Der verrückte Deutsche aus Wuppertal, der ostwärts zog, um auf polnisch Polen zum Lachen und bisweilen zum Nachdenken zu reizen, "Stefan Müller", der Serien-Mensch von nebenan, ist jetzt fast schon eine Art "Obereuropäer" zwischen Oder und Bug geworden, der mit "Dönekes" beiträgt, Polen die Angst vor der EU zu nehmen. Die Fernsehrunde mit Möller und den anderen sehen regelmäßig 3,6 Millionen Zuschauer, das sind gerade einmal eine halbe Million Menschen weniger, als die Zeitung "Unser Tagblatt" (Nasz Dziennik) und Radio Maryja zusammen an Lesern und Zuhörern aufweisen können. Die Zeitung und die Thorner Radiostation ("die katholische Stimme in deinem Haus") sind verbandelt und die stärksten Waffen der polnischen Insulaner, welche die Integration in die EU ablehnen, weil sie fürchten, die national-katholische Identität an der Brüsseler Garderobe abgeben zu müssen. Das sind die Gegner der Apologetiker des Normalen im Fernduell um die polnische Seele. Nach diesem Wochenende, an dem die Polen über ihren Beitritt zur EU abstimmen, wissen wir, wie der Zweikampf ausgegangen ist.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.06.2003, Nr. 128 / Seite 40
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