Viva

Furzende Klingeltöne

Von Andreas Rosenfelder

Machtlose Vaterfigur: Dieter Gorny

Machtlose Vaterfigur: Dieter Gorny

07. Januar 2005 Als Dieter Gorny vor zwei Jahren Journalisten durch die neubezogenen Viva-Gebäude an der Kölner Schanzenstraße führte, als Umzugskartons und Kabeltrommeln auf den Fluren standen, da trat er noch als Eroberer auf.

Gorny malte eine leuchtende Zukunft des Musikfernsehens jenseits der Musik aus, schwärmte vom Angriff auf die Primetime und vom Import amerikanischer Unterhaltungsformate. Die neuen Großraumbüros schienen diesen neuen Geist zu verkörpern - Mitarbeiter, die Musik als Inspirationsquelle brauchten, hatten von nun an schlechte Karten und waren gezwungen, sich Kopfhörer aufzusetzen.

Der „Beherrschungsvertrag“

Inzwischen hat die Überwindung des klassischen Musikfernsehens, von Gorny damals als Vision verkauft, in Viva ihr erstes Opfer gefunden, zumindest in jener Form, für welche die Marke seit Dezember 1993 stand. Zwar soll der „Beherrschungsvertrag“, der die Übernahme durch den MTV-Mutterkonzern Viacom besiegelt und die aktienrechtliche Grundlage für eine Fernsteuerung des Kölner Senders schafft, erst am 14. Januar durch die Hauptversammlung der Viva Media AG beschlossen werden, doch daß im Hause schon jetzt neue Gesetze herrschen, ist unübersehbar.

So tritt zum 17. Januar das neue Programmschema in Kraft, das einen Vorgeschmack jener Zukunft gibt, die Viva blüht: Flaggschiffe wie Charlotte Roches „Fast Forward“ und das Modemagazin „Inside“ wurden bereits stillgelegt, ebenso „Interaktiv“ und „News“. Nun verteilen sich die plötzlich überflüssigen Mitarbeiter auf Arbeitsbereiche wie die Abspielstation „Club Rotation“. Immerhin fallen die Umschichtungen und brachliegenden Talente in den Großraumbüros nicht sonderlich auf.

Gemischte Gefühle

Wie die meisten der 292 Mitarbeiter blickt auch Georg Hermens, seit 1993 bei Viva und ehemaliger Chefautor, mit gemischten Gefühlen auf die Zeit nach der Fusion. Die Meldung, daß MTV seine Berliner Firmenräume um 46 Arbeitsplätze erweitert, wird als klarer Hinweis auf die Höchstzahl der aus Köln zu übernehmenden Mitarbeiter interpretiert. Für inhaltliche Kompetenz sieht Hermens im neuen Senderprofil kaum Bedarf. Schließlich kehre Viva mit einem auf „Dancefloor“ und „furzende Klingeltöne“ konzentrierten Programm wieder zu jenem Image zurück, das ihm einst als Stigma anhaftete: „Viva wird wieder der kunterbunte Plastiksender für dreizehnjährige Mädchen vom Land.“

Hermens gehört zum Betriebsrat des Senders, der in der Belegschaft - junge Leute, die für 1200 Euro arbeiten und in besseren Zeiten Tag und Nacht Party gemacht haben sollen - lange Zeit kaum auf Interesse stieß. Das ist jetzt anders. Die befristeten Verträge, sonst stets um ein ganzes Jahr verlängert, laufen nur bis zum 31. März. „Wir sind keine linken Revoluzzer“, sagt Hermens, „wir wollen hier einfach fair und menschenwürdig abgewickelt werden.“ Doch die Kommunikation über die Zukunft des Unternehmens liegt auf Eis, da der Käufer vor der Eintragung des Beherrschungsvertrags ins Handelsregister keine sichtbaren Fäden im Unternehmen ziehen darf.

Wir verlangen viel Geduld

Das berüchtigte Word-Dokument, das der Vorstand im November an die Belegschaft verschickte („Wir wissen, daß wir unseren Mitarbeitern viel Geduld abverlangen“), trug nicht nur unter „Eigenschaften“ den fatalen Titel „Kommunikation Betriebsschließung LIFE“ - es führte im Autorenfeld „Schultz Kommunikation“ jene Agentur auf, die am 2. November die Pressemeldung zur „neuen Management-Struktur“ von „MTV Networks“ in Deutschland herausgab.

Als die Betriebsräte nach dem Durchsickern der Schließungspläne von der Viva-Personalchefin die Bezahlung eines Anwalts forderten, mußten sie per Telefonkonferenz mit dem Münchner MTV-Anwalt um das Honorar feilschen. Erst als der Betriebsrat in einem Schreiben an die MTV-Chefin Catherine Mühlemann seine Verwunderung bekundete, stellte Mühlemann klar: „Lieber Betriebsrat, wir stimmen mit Ihnen vollkommen überein, daß der Viva-Vorstand nach wie vor Ihr Ansprechpartner ist.“

Kein Übervater mehr

Doch Dieter Gorny, der bei Belegschaftsversammlungen einst Weltkarten mit blau eingefärbtem Viva-Territorium an die Wand warf und vom Viva-Emblem am New Yorker Times Square träumte, scheint die Rolle des popkulturellen Übervaters nicht mehr auszufüllen. „Im Hause greift MTV schon auf allen Ebenen in die Geschicke ein“, sagt auch Stephan Faber. Sein ambitioniertes Hiphop-Magazin „Mixery Raw Deluxe“ sollte schon zum Jahresende aus dem Programm verschwinden, doch der Sponsor „Karlsberg“ bestand auf der Erfüllung des Vertrags bis Ende März. Allerdings fanden die Verhandlungen über die Fortsetzung der Viva-Sendung laut Faber seltsamerweise bei MTV in Berlin statt - für den Betriebsrat ein klares Indiz, daß bereits die nun anstehende Programmreform von Catherine Mühlemann ausbaldowert und vom entmachteten Dieter Gorny lediglich abgenickt wurde.

Auch Thomas Diekmann, der Vorsitzende des Betriebsrats, sieht klare Anzeichen dafür, daß die ehemalige Bastion des deutschen Musikfernsehens schon vor der Übernahme gekapert wurde. So hätten bereits zwei MTV-Mitarbeiter in den Kölner Räumen ihre Büros bezogen und die Kontrolle über Verkauf und Promotion übernommen - offiziell nur „Berater“, doch mit Viva-E-Mail-Adresse und Telefondurchwahl ausgestattet.

Beweise vor dem Arbeitsgericht

Der Betriebsrat will die Beweise für die vorzeitige Einmischung von MTV am Montag vor dem Kölner Arbeitsgericht vorlegen. An eine Verhinderung der Fusion glaubt niemand ernsthaft - allenfalls an einen guten Sozialplan für die Mitarbeiter, die angesichts der darbenden Musikindustrie und des abgespeckten Medienstandorts Köln wenig Ausweichmöglichkeiten sehen.

Für einen Moment hat Stephan Faber gehofft, Viacom fasse sich ein Herz und baue einen seiner vier Musikkanäle zu einem anspruchsvollen Musiksender mit „Genre-Inseln“ im Geiste von „Viva Zwei“ aus - dem Sender, mit dessen Schließung vor zwei Jahren für viele der Niedergang von Viva begann. „Aber das kostet mehr Geld als eine Maschine, die von drei Leuten bedient wird und dieselben Quoten bringt.“ Faber, seit zehn Jahren bei Viva, ist inzwischen achtunddreißig Jahre alt und hat zwei Kinder - er muß nicht in alle Ewigkeit Musikfernsehen machen.

"Wir sind keine linken Revoluzzer, wir wollen hier einfach fair und menschenwürdig abgewickelt werden."

Georg Hermens, Viva-Betriebsrat

"Im Hause greift MTV schon auf allen Ebenen in die Geschicke ein."

Stephan Faber, Musikmoderator

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.01.2005, Nr. 5 / Seite 40
Bildmaterial: AP

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