Von Heike Hupertz
29. November 2004Die deutsche Aneignungsgeschichte der Nibelungensage darf als ein gravierender Fall von Mißbrauch gelten. Dabei war ihre wichtigste Überlieferung das mittelhochdeutsche höfische Nibelungenlied, das um 1200 im Raum zwischen Passau und Wien entstand und von Siegfried aus Xanten berichtet, dem tollkühnen Drachentöter, und von den dramatischen Ereignissen am Burgundenhof zu Worms, deren historische Wurzeln im vierten bis sechsten Jahrhundert liegen.
Es handelt von Hagen von Tronjes List, Brünhildens Stärke und Kriemhilds blutiger Rache für den Tod Siegfrieds, für mehr als zweihundert Jahre geriet es in Vergessenheit, nachdem es zum letzten Mal Anfang des sechzehnten Jahrhunderts in Kaiser Maximilians Ambraser Heldenbuch aufgezeichnet worden war.
Erst als im achtzehnten Jahrhundert zwei Handschriften in Schloß Hohenems bei Bregenz gefunden wurden, entdeckten und übersetzten es romantische Autoren - in deutlicher Absicht und Zurichtung. Das Nibelungenlied wurde zum historisch-politischen Demonstrationsobjekt par excellence. Der Zeitgeist, vom Nationalstaatsgedanken wie besoffen, schien nur darauf gewartet zu haben.
Mit Hilfe des Nibelungenlieds sollte nun ohne Umstände bewiesen werden können, daß die Deutschen ähnlich wie die Griechen mit der Ilias einen Gründungsmythos respektive ein Nationalepos besäßen, in dem der deutsche Nationalcharakter, besonders der angeblich moralisch überlegene Wesenszug der Treue, schon in altgermanischer Vorzeit mustergültig der Historie eingeschrieben worden sein sollte. Im Ersten Weltkrieg wurde zwecks Stärkung des Durchhaltewillens diese "heroische Nibelungentreue" instrumentalisiert; Hermann Göring schließlich verglich den Kampf vor Stalingrad mit dem aussichtslosen Überlebenskampf und der Opferbereitschaft der Burgunden in der brennenden Halle, die Kriemhilds blinder Wut ausgeliefert sind.
Mit dem Nibelungenlied selbst, das gerade nicht moralisierend, sondern hoffnungslos tragisch vor allem von Betrug, Streit, Mord und maßloser Rache handelt, hatte diese schauerliche Indienstnahme kaum je zu tun. Auch gegenwärtig schert es höchstens Fachwissenschaftler, daß - nur zum Exempel - die mittelalterliche "triuwe", die die Burgundenkönige im zweiten Teil des Nibelungenlieds daran hindert, Hagen auszuliefern und somit das eigene Leben zu retten, ein Lehens- und damit ein historischer Rechtsterminus ist. Das Nibelungenlied bleibt im kollektiven Gedächtnis ein berüchtigter Text, so verdächtig wie das Reden von deutscher Identität. Das ist der Nibelungen wahre Not nach 1945 geblieben.
Doch was tun, wenn man, wie Regisseur Uli Edel ("Die Nebel von Avalon") vor dem Nibelungenstoff zwar ein gewisses Unbehagen verspürt, gleichwohl aber nicht davon lassen will? Wenn der "naive" Expressionismus, der noch Fritz Langs Stummfilm der "Nibelungen" kennzeichnet, zeitgeschichtlich betrachtet keine Möglichkeit mehr ist? Müßte man nicht die Rezeption des Nibelungenlieds als deutsches Trauma auch in einem aktuellen Unterhaltungsfilm, gerade in einem Fernsehfilm, der sich als "TV-Event des Jahres" anpreist, mitbedenken? Muß man, soll man, kann man damit punkten?
In Uli Edels zwei Abende füllender Hochglanzproduktion "Die Nibelungen", die Sat.1 heute und morgen zeigt, heißt die Antwort, wie in anderen Verfilmungen zuvor: Ach nee. Aber hier wird die Naivität zur Schablone gemacht und kurzerhand vom Nibelungenstoff und den Abenteuern Jung-Siegfrieds, wie sie auch durch die Lieder-Edda, die Wälsungensage und natürlich den Ring von Wagners Gnaden auf uns gekommen sind, alles weggelassen, was schwierig sein könnte, dann der Rest der nun selbstvergessenen Motive und Schlüsselreize - Drache, Schatz, Zwerg, Schwert, Ring und so weiter - wie Konfetti in die Luft geworfen und so benutzt, wie die bunten Teilchen grad so runterfallen. Konflikte, Binnenlogik und wer da wen umbringt: alles völlig unwichtig - denn der Hauptdarsteller hört auf den Namen Action.
So etwas kommt dabei heraus, wenn das Zauber- und Quotenwort "Fantasy" heißt und diese mit den Drehbuchschreibern komplett durchgeht. Der zweite Teil des Nibelungenlieds, der dreizehn Jahre später spielt als der erste und der den Untergang des Burgundenreiches durch Kriemhilds blutige Rache am Tod ihres Gatten Siegfried umfaßt: gestrichen, man will ja zu Potte kommen. Benno Fürmanns hölzerner Siegfried ist nun nicht mehr blond, erscheint auch nicht mehr durch unbesonnene Tollkühnheit früh dem Untergang geweiht, sondern trägt eine dunkelbraune Langhaarperücke (weil die besser paßte) und ist so tumb, daß es für den heiligen Toren Parzival eine Beleidigung wäre. Mit der hell erblondeten Brünhilde (Kristanna Loken, der weiblichen Kampfmaschine TX aus "Terminator 3") verbringt er im Glauben, er sei Erik, der Schmied, eine heiße Liebesschnulzennacht am Rand eines rauchenden Meteoritenkraters, ohne daß die Frisur leidet, und schmachtet fortan so sehr, daß er seinen Text beständig zu vergessen scheint und wohl improvisieren muß.
Mit den schattenwesenden Nibelungen, die ihm, getragen vom Fluch des Schatzes, berichten, steht er - "hey" - ohnehin auf gutem Neckefuß. Für Kriemhild (Alicia Witt) interessiert er sich keinen Pfifferling, ganz anders als in der Sage, tröstet sie aber beim Ehestreit generös: "Nich' mehr weinen." Auch Kriemhild und Gunther (Samuel West) sprechen in der deutschen Nachsynchronisation des auf englisch gedrehten Fernsehfilms wie du und ich nicht: "Findest du nich' auch, daß Brunhild unheimlich schön ist?" "Dann ist meine Ehe nur ein Witz." Kriemhild liebkost das Unglücksgold wie Gollum den Ring, wenn er ihn nur hätte. Gottvater Odin öffnet und schließt sein Auge wie Sauron. Hagen von Tronje, der immerhin von Julian Sands schön verschlagen verkörpert wird, ist hier - o zaubrisches Wunder - der heimliche Sohn des Zwerges Alberich. Nicht Kriemhild verrät auf tragische Weise das Geheimnis der Verwundbarkeit Siegfrieds, Siegfried selbst erzählt den Burgundenbrüdern Gunther und Giselher von der einzig kritischen Stelle zwischen seinen Schulterblättern, auf die ein Eichenblatt fiel, als er im unverwundbar machenden schwarzen Blut des erlegten Drachen badete. Hey, es bleibt ja unter Freunden. Und dann tritt auch noch Ralf Moeller, auf historisierende Action seit dem oscargekrönten "Gladiator" abonniert, als hinterlistiger Sachsenkönig Thorkilt in einer Nebenrolle auf.
Doch es geht noch ärger: Im tödlichen Showdown vor Siegfrieds Leiche balgt sich alles um den von Kriemhild ins Rund geschmissenen Ring. Hagen ersticht Gunther, Giselher kämpft, die Ritter laufen zu Hagen über, Brünhilde ermordet Hagen und rächt so Siegfrieds Tod, ersticht sich am Ende, und Kriemhild steht dabei und wundert sich. Wie bitte? Wir lesen im Nibelungenlied nach und reiben uns nur noch die Augen. Allerdings kann es auch sein, daß wir wegen der durchgehend schwärzlichen Einfärbung aller Szenen, die unser Sehorgan mit der Zeit mehr und mehr tränen ließ, selbst nicht mehr ganz bei Sinnen waren und somit auch bei Sat.1 alles ganz anders ausgeschaut hat. Um mit diesem Siegfried zu sprechen: Hey, egal wär's eh. Nich' mehr weinen.
An diesem Montag und Dienstag, jeweils um 20.15 Uhr, bei Sat.1.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.11.2004, Nr. 279 / Seite 38
Bildmaterial: dpa/dpaweb