Von Verena Lueken
04. Mai 2004 Die Bilder von mißhandelten irakischen Gefangenen, die in der vergangenen Woche weltweit über die Bildschirme liefen, geben das ganze Ausmaß der von amerikanischen Soldaten im Abu-Ghraib-Gefängnis bei Bagdad verübten Grausamkeiten nicht preis. Wie kriminell und wie sadistisch die Folterungen tatsächlich waren, erfuhr die Öffentlichkeit erst am Sonntag von einem Journalisten in einem Interview bei CNN.
Seymour M. Hersh, der wohl bekannteste und einer der gefürchtetsten investigativen Reporter der Vereinigten Staaten, gab darin Auskunft über seine Recherchen, die man am nächsten Morgen im "New Yorker" nachlesen konnte. Dort beschreibt Hersh nüchtern die Ergebnisse eines Untersuchungsberichts von General Antonio M. Taguba über die Vorgänge in Abu Ghraib, der nicht zur Veröffentlichung bestimmt war.
Ein Dickicht von Befehlsstrukturen
Er zitiert Zeugenaussagen, beschreibt detailliert auch jene Bilder sexuellen Mißbrauchs, die wir wegen ihres besonders demütigenden Inhalts noch nicht gesehen haben, und er schafft den Kontext, in den Taguba seinen dreiundfünfzigseitigen Bericht stellt: eine Armee, die schlecht ausgebildet ist; deren Führer, die nicht die grundlegenden Standards durchzusetzen in der Lage und internationalem Recht gegenüber weitgehend ignorant sind; ein Dickicht von Befehlsstrukturen, in dem die Verantwortlichen Unterschlupf finden, auch deshalb, weil der militärische Geheimdienst und die CIA darauf gedrungen hätten, mit allen Mitteln die Gefangenen auf ihre Verhöre vorzubereiten.
Es ist nicht der erste Skandal, den Hersh aufdeckt, und nicht der erste, der im "New Yorker" ans Tageslicht kommt, in dem er seit 1971 in loser Folge über Geheimdienste und Sicherheitspolitik schreibt. Auch für die "New York Times" hat Hersh berichtet, fest aus Washington und frei von allen möglichen Schauplätzen, und noch als freier Journalist hatte der 1937 in Chicago Geborene im Jahr 1969 den größten Skandal des Vietnam-Kriegs an die Öffentlichkeit gebracht und die Welt mit der ersten Beschreibung des Massakers in My Lai verstört.
Held der unanfechtbaren Recherche
In der Liste seiner Bücher, die etwa so lang ist wie die Liste der Preise, die er gewonnen hat, finden sich Enthüllungsgeschichten über die Kriegsverbrechen des ersten Golfkriegs und die nukleare Aufrüstung Israels mit Unterstützung der Vereinigten Staaten, über die Hintergründe des Abschusses des südkoreanischen Passagierflugs 007 durch die Sowjets und auch ein Buch über die Präsidentschaft von John F. Kennedy, das ihn fast seinen Ruf als Held der unanfechtbaren Recherche gekostet hätte.
Das ist jetzt sieben Jahre her; inzwischen haben seine Berichte über die Kriege in Afghanistan und im Irak, über Pakistan und Saudi-Arabien jeden Zweifel an seiner Integrität ruhiggestellt. Seit aus dem Weißen Haus kaum etwas anderes als Propaganda verlautbart wird und die Quellen eines kritischen Journalismus zu versiegen drohen, ist immer wieder von einer schleichenden Gleichschaltung amerikanischer Medien im Dienste des Patriotismus die Rede gewesen. Hersh kann damit nicht gemeint sein. Über einen seiner Artikel stürzte im vergangenen Jahr im Pentagon Richard Perle. In höheren militärischen Rängen könnte bald wieder ein Fall zu beklagen sein.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.05.2004, Nr. 104 / Seite 44
Bildmaterial: AP
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