Von Verena Lueken, Cannes
19. Mai 2005 Die Franzosen zeigen sich in Cannes stets von ihrer besten Seite. Sie servieren Champagner, wann immer sich die Gelegenheit bietet, sie pflegen ihre Muttersprache und erwarten von Fremden, daß sie dies ebenfalls tun, und sie sind außerordentlich elegant.
Daß in diesen Tagen der Regen immer wieder wie aus Kübeln vom Himmel fällt, was dem Selbstbild der Cote d'Azur nicht unbedingt entspricht, ändert daran nichts. Windzerzaust stöckeln die Damen in diesem Jahr bevorzugt in bodenlangen schwarzen Taftkreationen durch die Pfützen auf dem Weg zur Festivalpremiere, neben sich die Herren, die manchmal einen Schirm und fast immer einen Smoking tragen, ignorieren die Kühle, die ihre nackten Rücken bis in die nassen Füße in den Riemchenstilettos hinabkriechen muß, während ihre Begleiter vor Betreten des Filmpalasts verschämt die Rinnsale von den Lackschuhen an die Rückseite ihrer Hosenbeine wischen. Das alles sieht aus, als müsse es so sein, und in Cannes wird es wahrscheinlich lange noch so bleiben - ungeachtet der Umstände bleiben die Franzosen bei ihrem Stil.
Die Wirklichkeit in den Vorstädten
Im Kino aber kann man sehen, daß Frankreichs beste Seite eine Konserve ist. Die Wirklichkeit, die seit Jahren viele französische Filme durchdringt und viele vor allem der jüngeren Filmemacher interessiert, liegt ganz woanders. In den Banlieues vor allem, in den Vorstädten mit ihren gemischten Gesellschaften, in denen es wenig Arbeit gibt, viele Kulturen, eine rassistische Polizei und eigene Gesetze. Keinen Champagner, keinen Taft und eine Sprache, die auch Franzosen teilweise nur untertitelt verstehen werden. Nur den Regen, den gibt es dort auch.
Zim and Co. von Pierre Jolivet etwa, gezeigt in der Reihe Un Certain Regard, ist ein solcher Film. Er beginnt mit einem Rockkonzert in einer Taubstummen-Schule und endet im Gefängnis - eine Komödie, die auch ein Sozialdrama hätte werden können und deren Schwachpunkt vielleicht ist, daß sie mit allzuviel Charme ihre wohlerzogenen jugendlichen Außenseiter mit ihren Zukunftsängsten jonglieren läßt. Zim, der Titelheld, gespielt vom Sohn des Filmemachers, ist zwanzig, wie seine Freunde Cheb (Mhamed Arezko) und Arthur (Yannick Nasso) und Safia (Naidra Ayadi), das Mädchen, in das er verliebt ist.
Komische Lösungen
Zim ist weiß, Cheb und Safia arabisch, Arthur schwarz, und sie lassen einander in keinem Schlamassel allein. Den größten Ärger hat Zim. Von einer Polizeistreife nach dem Rauchen eines Joints auf seinem Motorroller aufgegriffen, muß er innerhalb kurzer Zeit eine feste Arbeit nachweisen, sonst droht ihm eine Gefängnisstrafe. Für den Job, den er in einem Sportstudio findet, braucht er ein Auto, das er nicht hat, für das Auto einen Führerschein, den er auch nicht hat, für beides Geld, das ihm ebenfalls fehlt.
Für jeden Mangel findet sich eine kreative und oft komische Lösung, die niemals zum Erfolg führt, und auf der Tonspur sorgt eine Mischung aus Rock, Heavy Metal und Hip-Hop für rhythmische Bewegung und ein zügiges Voranschreiten dieses Hindernislaufs. Das Ende ist eigentlich düster, aber über ihm liegt das entspannte Gefühl, daß die Jugendlichen bei all ihren Ängsten und minimalen Chancen zur Hoffnungslosigkeit noch nicht fähig sind. Ein ungewöhnliches, sympathisches, nur für Gutgelaunte glaubwürdiges Happy-End.
Auf der untersten Stufe
Daß die Wirklichkeit in Belgien von der Frankreichs nicht sehr weit entfernt ist, zeigte L'Enfant von Jean-Pierre und Luc Dardenne, der belgische Beitrag zum Wettbewerb. Um ein Vielfaches düsterer als Zim and Co. erzählen die Brüder von einem Paar auf der untersten Stufe der sozialen Leiter, von Bruno (Jeremie Renier) und Sonia (Deborah Francois). Sie sind etwa so alt wie Zim und seine Freunde, aber noch ein wenig chancenloser.
Bruno lebt auf der Straße, verkauft, was zwei Kinder für ihn stehlen, hat daher manchmal viel, meistens aber gar kein Geld. Sonia hat gerade ein Kind geboren, Jimmy, das sie durch die Straßen trägt oder auf dem Rücksitz eines Motorrollers an sich preßt. Wir sehen das Baby nur einmal kurz, ansonsten bleibt Jimmy ein Bündel in hellblauem Steppanzug, so daß keine Gefahr besteht, eine Babyniedlichkeit mit all den damit verbundenen Gefühlen ins Zentrum des Films zu rücken.
Bekanntes Territorium
Das Kind, das dem Film den Titel gibt, so darf man vermuten, ist Bruno. Er verkauft seinen Sohn eines Tages mehr oder weniger beiläufig. Als Sonia darüber zusammenbricht, versucht er, ihn zurückzukaufen, und ganz langsam wächst über einer Reihe für ihn unglücklicher Entwicklungen eine Art Verantwortungsgefühl in ihm, nicht für den Sohn, sondern für eines der Kinder, das für ihn stiehlt.
Gefilmt im quasidokumentarischen Stil bei ungefiltertem Licht, der auch die früheren Filme der Brüder Dardenne prägte, ist dies kein ungewöhnliches Thema für die Belgier, und auch der Schauplatz der Geschichte, die Industriestadt Seraing, ist bekanntes Territorium. Aber wie schon bei Jim Jarmusch, der mit seinen Broken Flowers zurückkehrt in die Welt seiner frühen Filme, ist hier keine Routine im Spiel, mehr ein Interesse an den harschen Lebensumständen der Figuren, die sie ein ums andere Mal beobachten.
Kleinod des guten Geschmacks
Zurück in die Welt von Cannes und nach Frankreich, wie es sich dort noch lange erhalten wird, führt der Wettbewerbsbeitrag der Brüder Arnaud und Jean-Marie Larrieu Peindre ou faire l'amour. Ein gepflegtes Paar der höheren Mittelklasse (Sabine Azema und Danielle Auteuil) kauft ein verfallenes Bauernhaus am Fuß der Berge, das sich, ohne daß wir mit den Renovierungsarbeiten belästigt würden, in kurzer Zeit in ein Kleinod des guten Geschmacks verwandelt. Zum Haus gehören neue Nachbarn (Amira Casar und Sergi Lopez), ein geheimnisvolles Paar. Er ist blind und Bürgermeister, sie schön und hingebungsvoll, und sie heißen Adam und Eva.
Als sie zum ersten Mal zum Abendessen kommen, am allerersten Abend des Paars im neuen Haus, wäre ein guter Augenblick gewesen, das Kino zu verlassen. Doch der Morgen war noch sehr jung, die Glieder müde und wahrscheinlich regnete es draußen wieder, so daß wir diesem großen Unfug bis zum Ende zusahen. Es wurde ohne sichtbare Folgen sehr viel Cognac getrunken, seltsame Abhängigkeiten machten sich breit, gemalt wurde immer weniger, dafür immer mehr Liebe gemacht, und die Partner und Konstellationen ergaben sich genau so, wie es von Beginn an angelegt war. Ruheständler als Swingers.
Wie das anderswo aussieht, hatte Ang Lee vor Jahren in seinem Ice Storm gezeigt, die Geilheit, die Verklemmtheit, den Eishauch durch Alkohol enthemmter Frustration, doch bei den Brüdern Larrieu bleibt alles in zivilisiertem Rahmen. Ein Umzug auf ein pazifisches Eiland immerhin findet nicht statt, obwohl es eine Weile so aussehen sollte. Peindre, vor allem Sonnenuntergänge, faire l'amour und Cognac, laue Abende auf großen Terrassen - nur in Cannes und im altmodischsten Winkel des französischen Kinos glaubt noch irgendwer, daß so das Leben ist.
Text: F.A.Z., 19.05.2005, Nr. 114 / Seite 43
Bildmaterial: REUTERS
Wie die Finanzkrise die Grundlagen unseres Denkens in Frage ![]()
Amerikanische Präsidenten im Film: Das Weiße Haus taugt auch als Studio
Zur Buchmesse: Andrea Diener bloggt für FAZ.NET
Schwarze Magie, Scheinehe und SchiffbruchDie neuen Filme in den deutschen Kinos: Bild für Bild zum![]() | ![]() |