Von Peter Körte
24. November 2003 Es gibt einige, die ihn für durchgeknallt halten, für einen politischen Geisterfahrer, der sich in so viele Charaktere verwandelt hat, daß er selbst nicht mehr weiß, wer er denn nun ist. Der Mann, der sich vor vielen Jahren mit Madonna einen turbulenten Ehekrieg lieferte, ist im Dezember 2002 nach Bagdad gefahren - und hat später erklärt, man habe ihn zu Propagandazwecken mißbraucht. Er hat gegen einen Produzenten prozessiert, weil er sich wegen seiner Kritik an der Irak-Invasion aus einem Projekt gedrängt sah. Und er hat den Krieg kritisiert wie ein schlechtes Drehbuch: "Es gibt unglaubliche Handlungslöcher. Die Besetzung ist furchtbar. Der Typ, der Donald Rumsfeld spielt, sollte Dinnertheater spielen. Es ist ein wirklich dürftiger Film, und er tötet Menschen." Er hat vor Jahren auch schon mal für einen Monat im Gefängnis gesessen, weil er einen Komparsen verprügelt hatte, und wenn der Blick aus den graugrünen Augen von der Leinwand fällt, traut man ihm das alles zu.
Sean Penn ist der wilde Mann des amerikanischen Kinos, in dem es inzwischen weit weniger wilde Männer gibt, als man in Hollywood glaubt. Mit 43 Jahren, mit der zerfurchten Stirn, dem schmalen Mund, den hochgekämmten Haaren, der aggressiven Körpersprache wirkt er meist wie ein Mann am Rande des Kontrollverlusts. Er hat in drei Dutzend Filmen mitgespielt, von denen man einige vergessen kann, und er hat selber bei vier Filmen Regie geführt, die kommerziell alle nicht sonderlich erfolgreich waren, aber für jeden, der das Hinsehen nicht verlernt hat, außergewöhnliche, schroffe Kriegserklärungen an den Mainstream waren. Zu zweien dieser Filme hat er auch das Drehbuch geschrieben, zu einer Zeit, als er öffentlich erklärte, er habe auf die Schauspielerei keine Lust mehr. Aber weil er zur Arbeitslosigkeit auch keine Lust hatte, hat er weiter Rollen angenommen, darunter auch die des Todeskandidaten in "Dead Man Walking" (1995).
Maßgeschneiderte Rolle
Sean Penn war nie einer, der sich zum Sympathieträger oder zur Identifikationsfigur eignete, weder auf der Leinwand noch im sogenannten wirklichen Leben. Um so besser kann man ihm dabei zusehen, was er aus seinen Rollen macht, wenn ein Regisseur ihn tun läßt, was er kann. So wie Penn für "The Crossing Guard" und "The Pledge" in Jack Nicholson eine Art Seelenverwandten fand, so hat Clint Eastwood Penn in "Mystic River" in einer Rolle besetzt, die für ihn maßgeschneidert ist: das Porträt eines amerikanischen Mannes, der mit den Dämonen seiner Vergangenheit kämpft, der sie mit Gewalt exorzieren will, der das Recht bricht und sich seinem Ehrenkodex verpflichtet fühlt; der auf eine gefährliche Weise loyal ist, bei dem Liebe und Haß, Zärtlichkeit und wilder Zorn nur ein Wimpernschlag trennt.
Wenn man ihn in "Mystic River" das erste Mal sieht, sitzt er an einem Schreibtisch in einem winzigen Büro. Wie er da sitzt, wie er auf seine halbwüchsige Tochter reagiert, sie auf den Schoß nimmt, da wird mit minimalen Gesten eine fatale Gemütslage aus Mißtrauen, Vaterliebe und leicht entflammbarem Jähzorn sichtbar. Und wenn er in Zorn und Verzweiflung gerät, als seine Tochter kurz darauf ermordet in einem Park aufgefunden wird, wenn er schreit, tobt, Rache schwört, sind da überall scharfe Kanten, die gefährlich werden für die Menschen um ihn herum.
Geläuterter Gangster
Penn ist Jimmy Markum, ein halbwegs geläuterter Gangster, der einen Supermarkt betreibt. Er lebt in einer proletarischen Gegend von Boston, am River Charles, den man dort "mystic river" nennt. Man ist katholisch, man weiß, was Schuld, Sühne und Erlösung sind. Jimmy ist ein guter Vater, und er ist ein Mann, dem es nichts ausmacht, daß andere Kinder vaterlos werden durch sein Handeln. Und er hat eine Geschichte, die nicht vergeht. Sie kehrt wieder, weil der Polizist Sean, der den Mordfall bearbeitet, ein Schulfreund ist und Dave, der erste Verdächtige, auch. Sie verbindet ein Samstagnachmittag, den der Vorspann des Films in ein seltsam unwirkliches, sepiafarbenes Licht taucht. Die drei Jungs, die ihre Namen in eine noch feuchte Betonfläche gekratzt haben, werden von Männern zur Rede gestellt, die sich als Polizisten ausgaben. Sie nötigen Dave, in ihr Auto einzusteigen. Sie halten ihn tagelang fest und mißbrauchen ihn. Noch 25 Jahre später sind die schwachen Konturen der Namen auf dem Bürgersteig zu sehen.
Eastwoods Film beruht auf einem Bestseller von Dennis Lehane. Eine düstere Geschichte, ein Stoff, den andere wie einen jener ambitionierten "Tatorte" erzählen würden, in denen die Ermittlungsprozedur zugunsten einer sogenannten Atmosphäre in den Hintergrund tritt. Auch Eastwood interessiert sich nicht mehr als nötig für die Ermittlung, und man sieht daran einmal wieder, daß es eben nicht allein die Plots und Stories sind, sondern das Wie ihrer Inszenierung, die Wahl der Schauspieler, das Wissen, was man tun und was man besser lassen soll. Eastwood hat neben Penn auch Kevin Bacon, Tim Robbins und für kleinere Rollen Laurence Fishburne, Marcia Gay Harden und Laura Linney verpflichtet. Und er hat selbst verzichtet, weil er offenbar ahnt, daß es selbst für einen fitneßbewußten 73jährigen hier keine passende Rolle gibt. Er ist präsent als Komponist des makellosen Scores, und seine Art, Regie zu führen, ist so straight wie immer.
Nicht stimmig, aber glanzvoll
Eastwood ist dabei alles andere als ein Perfektionist. Bei Szenen, die nur dem Fortgang der Handlung dienen, gibt er sich bisweilen mit Fernsehstandards zufrieden, um seine Energie auf die wirklich wichtigen Momente zu konzentrieren. Daraus spricht das Selbstbewußtsein, daß solche Unebenheiten aus der Erinnerung an den Film irgendwann einfach verschwinden. Und darin ähnelt er dem Regisseur Sean Penn, in dessen Filmen längst nicht alles stimmig war - doch die entscheidenden Momente waren glanzvoll. Penn, sagt Eastwood, "wird hoch eingeschätzt, und er ist noch besser" - vor allem, weil er sich im Zusammenspiel mit der nervösen Nüchternheit Kevin Bacons als Sean und der Verlorenheit Tim Robbins' als Dave, der wie ein Untoter durch die Welt geht, so entfalten kann wie kaum je zuvor.
Am Ende hat Sean herausgefunden, daß Jimmy zwei Morde begangen hat. Zerstört, mit einem Gesicht wie ein Schlachtfeld, sitzt er im Morgengrauen auf dem Bordstein, doch noch immer geht eine mühsam zurückgestaute Aggressivität von ihm aus, wenn er mit der Whiskeyflasche fuchtelt, als sei sie eine Pistole. Er weiß nicht nur, daß er den "Falschen" umgebracht hat, er hat auch begriffen, daß nicht einmal die Selbstjustiz am "Richtigen" ihm die Tochter wiedergebracht hätte. Und doch würde er es vermutlich wieder tun. Wie Penn diese Szene spielt, allein dafür hätte er einen Oscar verdient.
Grandioses Schlußbild
Souverän läßt Eastwood offen, was Sean mit seinem Jugendfreund tun wird. Daß es nicht um die Lösung eines Falls, sondern um die Unauflöslichkeit eines Konflikts geht, dafür findet Eastwood ein grandioses Schlußbild, in dem die Sonne so hell scheint wie im ganzen Film nicht. Eine lokale Parade zieht durch die Straße. Jimmy, seine Frau und Sean tauschen einfach nur Blicke über die Straße hinweg, und am Rand steht die Frau, die ihren Mann verraten hat, und winkt verzweifelt ihrem Sohn auf einem der Wagen zu. Der Film läßt sie miteinander allein. Subtiler kann man die Vigilantenmentalität in ihrer Sinnlosigkeit nicht zeigen - als erzählte der alt gewordene Dirty Harry von etwas, was ihm nie passiert wäre: von der Leere, die nach der Gewalt bleibt, von der Verzweiflung der Männer an ihrem Handeln, von der Liebe, die zerstörerisch wird, und er hat in Sean Penn dafür den Schauspieler gefunden, der das in all seinen Nuancen spielen kann.
Penn modelliert seinen Charakter ohne den Meißel der Moral: keine Läuterung, keine Bestrafung und keine Reue, einfach das beängstigend präzise Porträt eines Mannes in einer Welt ohne Mitleid und ohne Helden. Er ist nicht einfach gut und nicht einfach schlecht, das eine steckt im anderen. Wenn darin eine Moral liegt, dann gerade deshalb, weil keine Moral die Geschichte imprägniert. Es ist ein Kino, das zum Schauspieler und Regisseur Sean Penn paßt - und sogar noch zum amerikanischen Bürger Penn, der eine tiefe Verwandtschaft sieht zwischen denen, die in Hollywood Actionfilme produzieren, und denen, die den zweiten Golfkrieg führten. Beide ähnelten einander in ihren schlichten Heldenträumen und "in ihrem Versuch, das amerikanische Publikum zu verblöden", hat er im Magazin "Time" gesagt. Und deshalb hat er die Tatsache, daß "Time" ihn vor zwei Jahren zum besten amerikanischen Schauspieler erklärte, auch bloß mit den Worten kommentiert: "Ich glaube nicht, daß ich je in Gefahr war, Amerikas bester Filmstar zu sein."
Mystic River kommt am Donnerstag ins Kino.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.11.2003, Nr. 47 / Seite 32
Bildmaterial: 20th Century Fox, AP, AP/Warner Bros., Arthaus, dpa, obs
Wir brauchen eine Geschichte für die Zeit nach dem ![]()
Das Pariser Grand Palais entdeckt den deutschen Expressionisten Emil Nolde
Physiknobelpreis: Die gebrochene Symmetrie des Mikrokosmos
Agenten, Aufleger und AmateureDie neuen Filme in den deutschen Kinos: Bild für Bild zum![]() | ![]() |