Von Nils Minkmar
15. April 2007 Das Cinestar in Hellersdorf, weit im Nordosten Berlins, ist ein weltraumbahnhofartiger Unterhaltungskomplex mit Eiscafé, Orion Sex Shop und einem Multiplexkino, das so etwas wie eine Stadtmitte simulieren soll in einer weiten Siedlung von hingelegten und senkrecht aufgestellten Plattenbauklötzen.
Auf dem öden, leeren Platz vor dem Kino hängt eine kleine böse Gang ab, wie vom Fremdenverkehrsamt dorthin bestellt. Es ist der letzte Ort auf Erden, an dem man Oliver Pocher suchen würde. Und doch steht er etwas verloren im Foyer, gibt ein Interview und lächelt in Fotohandys.
Er füllt den Schirm glänzend aus
Das Fernsehen steht ihm gut. So würde man ihn leicht übersehen, aber das Querformat und die innere Illumination des Bildschirms verhelfen seiner schmalen Statur zu einer optimalen Erscheinung, er füllt den Schirm glänzend aus, jeden Schirm. Als einer der wenigen funktioniert er als Gast, als Moderator, als Comedian, als Sidekick und Außenwettenmoderator. Selbst auf You-Tube wirken seine Sketche, er beherrscht die kurze wie die lange Strecke - und bleibt dabei immer er selbst, wiedererkennbar und gleich gut.
Als erster Comedystar ist er ebenso durch Werbung (seine sehr witzigen und ironischen Spots für Media-Markt) bekanntgeworden wie durch seine Auftritte. Einen solchen Markt gibt es auch in Hellersdorf, schon lange vor der Ankunft am Cinestar kann man die großen roten Hinweisschilder sehen wie einen Trost: Auch wer räumlich und sozial abgekoppelt ist, auch wer wenig Geld hat, wird von der Unterhaltungsindustrie bedacht. Hier sind auch die neuesten technischen Spielzeuge bezahlbar. Die großen Elektronikmärkte sorgen dafür, dass sich, auch wer wenig Geld hat, Oliver Pocher ins Haus holen kann, auf Flachbildschirm, als DVD oder zum Downloaden. Und das ist auch gut so.
Ach so, ein Witz
Heute Abend ist Pocher zur Abwechslung mal analog und in 3-D gekommen, denn er spielt die Hauptrolle in einem Kinofilm - einen verschuldeten Angestellten ohne Freundin -, und er wirbt dafür dort, wo sein Publikum wohnt. Begeisterung für Pocher in Hellersdorf, umgekehrt eher konsequente Professionalität, Oliver Pocher wirkt müde. Als ich zu ihm in den schwarzen Kleinbus steige, der ihn zur nächsten Kinovorstellung des Abends fahren soll, sagt er leise: Wir haben echt Glück. Es hätte ja auch ein Wochenende mit schönem Wetter werden können. Der Bus hat getönte Scheiben, es ist stockfinster draußen. Er setzt wieder an: Wir hätten ja auch Sonne und über 25 Grad in ganz Deutschland haben können, stattdessen dieses schöne Kinowetter.
Ach so, ein Witz. Pochers Witze sind kurz, Amerikaner würden Oneliner dazu sagen. Pocherianer sagen Sprüche, und wenn sie seine Arbeit beschreiben sollten, in Hellersdorf und sonstwo, sagen sie: Der Olli bringt Sprüche. Wie bei einer Party klingt das, einer bringt das Bier, Olli eben die Sprüche. Pocher pflegt eine elementare, aber nicht voraussetzungslose Form von Komik. Sie ist nicht hochkomplex, uhrwerksmäßig wie bei Loriot; Pocher fährt nicht in andere Menschen wie Olli Dittrich, lotet nicht düster und nerdy die Abgründe seiner Zeitgenossen aus wie Christian Ulmen und schwelgt nicht im Reich der Parodien wie Bully Herbig.
Er ist einfach der Typ, der kommt und Sprüche bringt, die mal auf Kosten der Umstehenden, oft genug auf seine eigene Kappe gehen - eine Komik der Reduktion, die gerade darum allen medialen Kontexten angepasst werden kann. Manchmal, selten, hat er damit Pech, aber diese Fälle begründeten seinen Ruf als böser Spotter zumindest bei denen, die seine Auftritte sonst nicht sehen: Bei einer Wetten, dass ...-Außenwette empfahl er nach kurzem Wortwechsel einer Zuschauerin eine Gesichts-OP, und zur nur wenige Meter entfernt stehenden Mariah Carey fiel ihm die Frage ein, was Presswurst auf Englisch heißt.
Die Mädchen sehen Pocher gerne
Dabei steigert das bloß seine Sympathie bei den Zuschauern in Hellersdorf und anderswo: Da kommt einer als ihr Botschafter, der den Stars nicht auf einer Schleimspur folgt, sondern mal klarstellt, dass Britney Spears ein Zwerg mit abgekauten Fingernägeln ist. So haben ihm die Empörung und das Gerichtsverfahren wegen seiner frechen Sprüche kaum geschadet, man weiß, es gibt weit schlimmere als ihn. Pocher ist frech, aber nicht krass.
Einer seiner allerersten Sketche kam ganz ohne Worte aus, eine Baby-Fütterungsszene in der Tradition von W. C. Fields: Pocher sitzt am Tisch, daneben das Kind in einem Babystuhl. Der Erwachsene probiert den Brei, macht vor, wie gut der schmecken soll, aber er hört dann nicht auf, sondern nimmt hingebungsvoll Löffel auf Löffel, bis das Tellerchen leer ist, und das Baby, na ja, guckt ziemlich dumm. Das muss man sich auch erst mal trauen: Babys ärgern.
Traditionell kündigten Komiker ihre Qualität durch ihr Äußeres an, Dieter Hallervorden, Karl Dall und Rudi Carrell nutzen ihr windschiefes und gegerbtes Gesicht schon als Vorwarnung. Pocher aber sieht gut aus, auf eine unbeschwerte, nicht einschüchternde Art. Die Mädchen sehen ihn gerne, und die Jungs wären gern wie er. Er gehört auch nicht zu jenen mittelalten Showgrößen und Komikern, die gerne mit ihrer Bildung angeben - Gottschalk mit seiner Lehrervergangenheit, Schmidt als Intellektueller im Studio 405, Jürgen von der Lippe mit seiner Vorliebe für Lyrik. Pocher wollte wegen des Fernsehens zum Fernsehen und hat jung damit angefangen.
Den Leuten auf den Sack gehen
Pocher ist Jahrgang 1978, vor dem Showbusiness war nicht viel, seine Eltern hatten ihn zwar zu einer Versicherungskaufmannslehre verpflichtet, aber das eigentliche Studium absolvierte er vor dem Fernseher: Otto, Kerkeling, Schmidt, Raab. Als Kind pilgerte er mit seinem Vater zum Otto-Huus nach Emden, später nahm er ihn mit zu einem Auftritt von Hape Kerkeling. Richtig showbusinessaffin waren die Pochers, aktive Zeugen Jehovas, nicht. Später musste auch Oliver auf die Touren mitgehen, wo man versucht, den Wachturm oder Erwache per Hausbesuch an die Seele zu bringen. 99 von 100 Türen gingen dann sofort wieder zu, da lernt man, den Leuten auf den Sack zu gehen, hat er später mal dem Stern erzählt.
Die Kunst des passenden Spruchs kommt einem da in mehr als einer Hinsicht zugute, etwa wenn Mitschüler sich lustig machen. Pochers reduzierter Humor kann in jeder Situation ankommen und lenkt ab. Den Beruf hat er, nach einer Reihe ordentlicher Casting-Absagen, passenderweise in einer Nachmittagstalksendung gewonnen: Im September 1999 hieß es bei Hans Meiser Hans macht dich zum Viva-Star, und Pocher gewann eine Woche Gastmoderation bei Viva, und dann blieb er da, drei Jahre lang. Schließlich bekam er, nach zahllosen Auftritten als Assistent des Showpraktikanten Elton bei Stefan Raab, eine eigene wöchentliche Show: Rent a Pocher. Und weil er früh kapiert hat, dass die Bühne die Schule des Comedian ist, ging er auch auf Tour: Aus dem Leben eines B-Promi hieß das Programm.
Comedy ohne Schwulenwitze
Nun versucht Pocher, eine neue Stufe zu erreichen und einen ganzen Film zu tragen. Vollidiot, die Verfilmung des Tommy-Jaud-Bestsellers, ist ganz und gar Pochers Film, in neunzig Prozent der Einstellungen ist er zu sehen. Es ist ein hervorragend gemachter, meisterlich selbstreflexiver Film, durchsetzt mit Media-Markt- und Zeugen-Jehovas-Anspielungen. Das Fernsehen und die in ihm beworbenen Marken, die Telekom, Starbucks und Ikea, spielen zentrale Nebenrollen.
Vollidiot, von Tobi Baumann mit großer Sorgfalt inszeniert, basiert auf Szenen, die jeder kennt. Der Konsument und Zuschauer ist der Adressat dieses Humors, der nicht harmlos ist, aber auch sehr genau Grenzen respektiert. Vollidiot dürfte die einzige in Köln spielende Comedy sein, die ganz ohne Schwulen- oder zumindest Tuntenwitze auskommt. Das Milieu ist das der kleinen Angestellten, Schulden, Pfändungen, die Chefinnen (Anke Engelke gibt eine ergreifende Eule) und die vielen Chefs der Chefinnen beschweren einen ohnehin geschlechtertechnisch komplizierten Alltag. Man lernt aus Vollidiot sicher mehr über das heutige Deutschland als in allen grimmepreisgekrönten Filmen des vergangenen Jahres zusammen, es ist ein Film in der Qualität britischer Romantic Comedies ohne deren Oberschichtendünkel, ebenso komisch, aber wesentlich zeitgemäßer.
In der ersten regulären Nachmittagsvorstellung am vergangenen Donnerstag strömten jedenfalls trotz des vorgezogenen Sommerwetters über hundert Teenies in das Kino am Alexanderplatz und imitierten beim Rausgehen bester Laune die stärksten Sprüche und Szenen im Sonnenuntergang. Pocher schafft auch neunzig Minuten locker, und immer merkt auch das Hellersdorfer Publikum, er hat etwas mit mir zu tun, kein Star für Reiche oder Gebildete, kein Grübler, gewissermaßen, in dieser Phase seiner Karriere, der Antipode zu Hape Kerkeling: Ich bin dann mal da, sagt Pocher. Es gibt keine Kunstfigur Olli Pocher, sagt Oliver Pocher, während wir ewig von Berlins Rand in Berlins anderen Rand fahren. Ich ziehe mir zu Hause keine anderen Klamotten an, setze mich vor den Kamin und denke traurige Gedanken. Macht nix, das können wir auch alleine.
Vollidiot läuft seit Donnerstag im Kino.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: AP, ddp
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