Medien

Bewegte Bilder in der Tageszeitung

Von Manfred Lindinger

Ist das die Zeitung der Zukunft?

Ist das die Zeitung der Zukunft?

31. Januar 2006 Die Tageszeitung bei einer Tasse Kaffee in aller Ruhe lesen zu können gehört für viele zum Angenehmsten, was der Morgen zu bieten hat. Doch für so manche Zeitungsmacher hat das bewährte Printmedium ausgedient. Sie erträumen sich eine Tageszeitung, deren Informationen laufend aktualisiert werden. Statt auf starre Fotos würde man auf bewegte Bilder blicken. Ein Interview könnte man nicht nur lesen, sondern auch hören.

In Belgien soll diese Vision jetzt teilweise Wirklichkeit werden. Vom März dieses Jahres an werden die Leser der Tageszeitung „De Tijd“ ihr „Blatt“ auf sogenanntem elektronischem Papier lesen können. Dieses Printmedium vereint die Vorzüge von herkömmlichem bedrucktem Papier mit denen flacher Computerbildschirme. Zwei Monate lang werden 200 ausgewählte Leser „De Tijd“ in elektronischer Aufmachung auf Herz und Nieren testen. Verläuft die Probephase erfolgreich, ist das belgische Blatt die erste tragbare vollelektronische Zeitung. Ähnliche Projekte sind in den Vereinigten Staaten, Schweden und Großbritannien für dieses Jahr geplant.

„Umgeblättert“ wird auf Knopfdruck

Jede Seite von „De Tijd“ erscheint auf dem rund 16 mal 22 Quadratzentimeter großen Display gestochen scharf, so als sei sie auf normalem Papier gedruckt worden. „Umgeblättert“ wird auf Knopfdruck. Die jeweils tagesaktuelle Ausgabe von „De Tijd“ soll sich auf einfache Weise aus dem Internet herunterladen lassen.

Seit zwei Jahren arbeitet die niederländische Firma iRex-Technologies nunmehr an einem tragbaren elektronischen Lesemedium für Tageszeitungen. Dabei nutzt sie die Anzeigentechnik der in Cambridge (Massachusetts) ansässigen Firma E-Ink. Herzstück des von E-Ink entwickelten elektronischen Papiers sind etwa eine halbe Million winziger Kapseln. In jeder schwimmen elektrisch geladene schwarze und weiße Partikeln. Legt man eine Spannung an, wandern die weißen oder schwarzen Teilchen entsprechend ihrer Polarität an die Oberfläche. Die etwa hundert Mikrometer großen Kapseln - je eine stellt einen Bildpunkt dar - erscheinen dadurch hell oder dunkel. Die Färbung bleibt auch nach Abschalten der Spannungsquelle mehrere Minuten lang erhalten. Auf diese Weise lassen sich in einfacher Weise Buchstaben oder graphische Zeichen darstellen.

Die Auflösung von bedrucktem Zeitungspapier

Um die Kapseln der Spezialtinte möglichst einzeln ansteuern zu können, haben die Ingenieure von E-Ink hauchdünne Schaltungen mit elastischen Feldeffekt-Transistoren auf Kunststoffbasis entworfen, die sie auf eine flexible dünne Stahlfolie aufbringen. Darüber befindet sich eine leitfähige Schicht, in der die Mikrokapseln eingebettet sind. Das Ganze ist mit einem transparenten Film aus Indium-Zinnoxyd überzogen, der gleichzeitig als großflächige Elektrode dient. Eine Spannung von wenigen Volt genügt, und die Mikrokapseln wechseln ihre Tönung - ein Bild oder ein Text erscheint. Der entscheidende Vorteil der Anzeigetechnik: Eine eingebaute Lichtquelle wie bei Flüssigkristallanzeigen ist nicht erforderlich. Die Schrift ist zudem von jedem Blickwinkel aus gut zu erkennen.

Das elektronische Papier besitzt mittlerweile 16 Graustufen. Mit etwa 400 Bildpunkten pro Quadratzentimeter erreicht es etwa die Auflösung von bedrucktem Zeitungspapier. Mit nur etwa 0,3 Millimetern ist es zudem nur wenig dicker als echtes Papier. Gleichzeitig ist es so elastisch, daß es sich im Prinzip ohne Schwierigkeiten zu einer vier Millimeter dicken Röhre zusammenrollen läßt. Nur zusammenfalten und zerknüllen läßt es sich noch nicht ohne weiteres.

Große Akzeptanz?

Daß sich die elektronische Version von „De Tijd“ nicht beliebig verbiegen läßt, liegt an der erforderlichen Elektronik, die noch eines festen, etwa zwei Zentimeter dicken Gehäuses bedarf. Neben Speicherchips, einem Mikroprozessor, einem Lautsprecher für die Musik- und Sprachwiedergabe und einem Akku besitzt das Anzeigegerät diverse Anschlüsse und eine Netzwerkkarte für den Anschluß an einen Computer. Verarbeiten lassen sich die drei wichtigsten Dateiformate, so daß unterwegs außer der Tageszeitung und elektronischen Büchern auch Bürodokumente betrachtet werden können. Dank einer druckempfindlichen Schicht über dem elektronischen Papier ist das Display zudem beschreibbar. Damit der Lesestoff auch auf einer längeren Reise nicht so schnell ausgeht, verfügt das Lesegerät über ausreichend Speicherplatz. Dieser reicht für die Tageszeitungen eines ganzen Monats oder für dreißig elektronische Bücher.

Trotz der bestechenden Vorteile, die das elektronische Papier ohne Zweifel bietet, ist es dennoch höchst ungewiß, ob es auf so große Akzeptanz stößt, wie sich die Hersteller versprechen. Denn eine Tageszeitung auf einem Monitor hat auch Nachteile. Ohne einen schnellen Internetzugang und einen großen Bildschirm kann das Lesen äußert mühsam werden. Denn die Seiten großblättriger Tageszeitungen müssen auf Bildschirmformat verkleinert werden, was die Lesbarkeit deutlich beeinträchtigt. Die Lektüre erfordert auch ein anderes Leseverhalten: Das Querlesen und die Orientierung an Titeln, Bildzeilen oder Zwischenüberschriften, wie man es bei der normalen Tageszeitung gewohnt ist, sind bei der Lektüre am Bildschirm deutlich schwieriger.

Schwierigkeit bewegte Bilder

Viele Firmen arbeiten seit langem mit Hochdruck an der Entwicklung von elektronischem Papier. Die Prototypen funktionieren so ähnlich wie das Medium von E-Ink. Bis das elektronische Papier allerdings mit dem Original vollends konkurrieren kann, ist noch viel Forschungsarbeit notwendig. Schwierigkeiten bereiten noch die schnelle Darstellung von bewegten Bildern und die Abbildung von Farbfotos. E-Ink will diese Hürden bis Ende des Jahres genommen haben und ein ausgereiftes Produkt vorstellen. So wird man vielleicht eines Tages die Morgenzeitung mit kleinen Videos und stündlich wechselndem Inhalt auf einem aufrollbaren Bildschirm lesen können.

Text: F.A.Z., 01. Februar 2006
Bildmaterial: De Tijd

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