Tagung

„Wenn Journalisten verwirrt sind, ist das nachvollziehbar“

Von Christoph Ehrhardt, Berlin

Cohn-Bendit im EU-Parlament

Cohn-Bendit im EU-Parlament

06. Februar 2006 „Huntington hat gewonnen.“ Früher hätte man sich über diese Einlassung aus dem Munde Daniel Cohn-Bendits, Übervater des multikulturellen Gesellschaftskonzeptes, gewundert. Heute scheint der Name des amerikanischen Politologen jedoch für den allgemeinen Grundkonsens in der Weltwahrnehmung deutscher Meinungsbildner zu stehen: Der Islam und die westliche Welt prallen im Kulturkampf aufeinander. Die Empörungskampagne über die Mohammed-Karikaturen in der islamischen Welt, die völlig außer Kontrolle geraten zu sein scheint, war folgerichtig das Thema, das die Tagung „Islamismus - eine journalistische Herausforderung“ der Bundeszentrale für politische Bildung in Berlin dominierte.

Dabei bestand weitgehend Einigkeit darüber, daß die Pressefreiheit nicht dem Zorn religiöser Eiferer geopfert werden dürfe. Man müsse plumpe und beleidigende Karikaturen nicht drucken - aber man müsse es dürfen. Henryk M. Broder konnte man gar so verstehen, daß die beste Verteidigung westlicher Werte im Angriff bestehe: Der Vormarsch der Islamisten erfordere eine unmißverständliche Antwort, forderte der Publizist. Seine Thesen ließen es an Schärfe nicht fehlen.

„Nur nicht provozieren“

Deutsche Medien zwängen sich viel zu oft zu übertriebener Milde in der Beurteilung islamischer Fehlentwicklungen. „Nur nicht provozieren“ sei ihre Devise - eine Taktik, die man als Appeasement bezeichnen kann. Die Europäer seien von Wohlstand korrumpiert, weil sie schon lange keinen echten Krieg mehr erlebt hätten, sagte Broder, ihnen sei deshalb die Fähigkeit abhanden gekommen, auf existentielle Probleme angemessen zu reagieren.

Der Westen begehe gewissermaßen kollektiven politischen Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Es handele sich um eine Art von verhülltem Rassismus, wenn die westliche Publizistik islamistischen Auswüchsen mit einer Milde begegne, als habe sie es mit gestörten Kindern zu tun. Seine strategische Alternative brachte Broder hingegen schneidig auf den Punkt: „gezielt und präzise eingesetzte Intoleranz“. Zwar seien nicht nur laute Töne erlaubt, aber man müsse eben „differenzieren, nicht relativieren“.

„Politisch korrekte Hemmung“

Weniger wuchtig, aber doch greifbarer war der Hinweis Richard Herzingers von der „Welt am Sonntag“ auf eine Beißhemmung deutscher Journalisten aus Angst vor dem Vorwurf, sie würden einen Pauschalverdacht gegen Muslime herbeischreiben. Zwar pauschalisierten mediengängige Formulierungen wie „die Muslime“ und „der Islam“ tatsächlich unzulässig, wenn es um unterschiedliche Gruppen einer heterogenen Religionsgemeinschaft gehe. Es gebe aber andererseits eine „politisch korrekte Hemmung, radikale Strömungen im Islam mit den Prämissen und Ansprüchen dieser Religion in Verbindung zu bringen“.

Die Sorge um das richtige Maß im Umgang mit dem Islam erscheint derweil als nur eines von unzähligen Problemen journalistischer Arbeit im islamistischen Milieu, wie sich bei den Gesprächen auf der Tagung zeigte. Einschüchterungsversuche bis hin zu Morddrohungen erschweren die Recherche in diesem Feld, das die Forschung gründlich zu erschließen erst beginnt. Spontane Zustimmung bei allen Beteiligten erfuhr die Forderung aus dem Fachpublikum nach einer Art Solidarpakt der Journalisten. Doch auch engster Zusammenhalt wird die handwerklichen Schwierigkeiten bei der Erforschung islamistischer Strukturen kaum bewältigen helfen. Diese beginnen bei sprachlichen Grenzen der Rechercheure, etwa zum Arabischen oder Türkischen. Noch schwieriger ist der nötige Arbeitsaufwand zu leisten. Monatelang mußte sich etwa der freie Publizist Ahmet Senyurt durch Berge von Vereinsregistern und Kontoverbindungen kämpfen, bis er sich ein klares Bild von den Strukturen der Islamisten-Szene in Deutschland machen konnte. Im Tagesgeschäft der Nachrichtenredaktionen sei das unmöglich, sagte er.

„Wenn Journalisten verwirrt sind, ist das nachvollziehbar“

Die Schwierigkeit, Art und Ausmaß der islamistischen Bedrohung richtig zu erfassen, begründete denn auch die unterschiedlichen Ansichten über die richtige Position in der Auseinandersetzung - so sehr Einigkeit über ihre kämpferische Natur bestand. Daniel Cohn-Bendit mahnte deshalb zur Vorsicht: „Wenn Journalisten verwirrt sind, ist das nachvollziehbar“, meinte er. Allgemeine Ansichten in der Bevölkerung würden aber nicht nur durch unmittelbares Erleben geprägt, sondern auch durch das, was medial vermittelt werde. Es sei deshalb entscheidend, in welchem Ton die Journalisten über dieses Thema berichteten. Ob die Medien den Zusammenprall der Kulturen nicht eher abfedern sollten, als konfrontativ Position darin zu beziehen, war die Frage, die aus seinem Beitrag herauszuhören war. Auch andere kritische Stimmen wiesen angesichts des „Kulturkampf-Tremolos“ in der Diskussion darauf hin, daß dänische Medien ihren Teil dazu beigetragen hätten, aus der Provokation des „Jyllands Posten“ eine politische Affäre zu machen, die nun die Imame der islamischen Welt zu einer weltweiten Kulturkrise schürten.

Letztlich konnte bei der Berliner Tagung also ein Dilemma diagnostiziert werden, dessen Lösung nicht nur feste Haltungen, sondern auch harte Arbeit erfordern wird: Journalisten sind im Kulturkampf einflußreiche Akteure eines Geschehens, dessen Mechanismen sie selbst noch nicht vollständig überschauen können. Journalisten wollen und müssen mitkämpfen, wenn es darum geht, die Pressefreiheit gegen totalitäre Ideologien zu verteidigen. Die Überzeugungskraft ihrer Werte wird dabei auch von der Qualität ihrer Arbeit abhängen. Huntington hin oder her.

Text: F.A.Z., 06.02.2006, Nr. 31 / Seite 38
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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