Springer übernimmt Pro Sieben

„Ein hochprofitables Geschäft“

Begehrlicher Blick: Springer-Vorstand Döpfner

Begehrlicher Blick: Springer-Vorstand Döpfner

05. August 2005 Die Meldung wird seit langem erwartet, immer und immer wieder ist der baldige Vollzug in Aussicht gestellt worden, doch jetzt darf man schreiben: Der Springer-Konzern übernimmt die Mehrheit an der Fernsehgruppe Pro Sieben Sat.1. Die Entscheidung gab Europas größter Zeitungskonzern am Freitag in Berlin bekannt.

Das Verlagshaus will für den Kauf des Fernsehunternehmens insgesamt rund 4,15 Milliarden Euro aufwenden. Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner erklärte am Freitag auf einer Pressekonferenz in München, 2,5 Milliarden gingen an die Großaktionäre um Haim Saban, die damit „ein glänzendes Geschäft“ machten. Eine Milliarde gehe an die Kleinaktionäre, die ihre Pro-Sieben-Sat.1-Aktien verkaufen wollten. Eine halbe Milliarde koste die Refinanzierung von Schulden.

Die Übernahme sei finanziert durch Kredite in Höhe von drei Milliarden Euro und eine Kapitalerhöhung in Höhe von 1,1 Milliarden, sagte Döpfner. Springer investiere „in ein hochprofitables Geschäft“. Die Übernahme „rechnet sich, ohne daß wir auf die Realisierung von Synergien angewiesen sind“. Der Gesamtumsatz der neuen Springer-Gruppe betrage 4,2 Milliarden Euro.

Zuversicht über die kartellrechtliche Genehmigung

Für die Übernahme erhöht die Axel Springer AG ihre bestehende Beteiligung von derzeit rund 12 auf 100 Prozent der stimmberechtigten Stammaktien sowie auf 25 Prozent der nicht stimmberechtigten Aktien. Nach Vertragsvollzug hätte Springer 62,5 Prozent des Gesamtkapitals und sämtliche Stimmrechte.

Zum Börsenkurs

Das Bundeskartellamt prüft, ob durch die Mehrheitsübernahme eine marktbeherrschende Stellung entsteht oder verstärkt wird. Entscheidend für Springer wird sein, wie die Behörde die betroffenen Märkte - Fernsehen, Presse und Hörfunk - voneinander abgrenzt. Nach gängiger Praxis vermuten die Bonner Wettbewerbshüter eine Beherrschung, wenn der Marktanteil im betrachteten Bereich über einem Drittel liegt. Allerdings hat die Behörde einen Spielraum: Bei entsprechender Stärke und Zahl der Konkurrenten etwa kann sie Fusionen auch oberhalb dieser Schwelle erlauben.

Der Springer-Konzern gibt sich optimistisch, was die kartellrechtliche Genehmigung der geplanten Übernahme angeht. „Wir sind zuversichtlich, daß es gute Gründe für eine Genehmigung des Zusammenschlusses beider Unternehmen gibt“, sagte Springer-Chef Mathias Döpfner am Freitag in München. Er verwies auf die 2001 genehmigte Übernahme der RTL-Gruppe durch Bertelsmann.

Transaktion bis Jahresende abschließen

Döpfner sagte, die Angebotsfrist für das Übernahmeangebot an die außenstehenden Vorzugsaktionäre könne Mitte oder Ende September beginnen und dürfe dann bis zu zehn Wochen dauern. Die Transaktion könne bis Jahresende abgeschlossen werden. Zum schnellstmöglichen Zeitpunkt danach sollten die Unternehmen verschmolzen werden. Das Kartellamt hat für die Prüfung maximal vier Monate Zeit. Der Kartellamtspräsident Ulf Böge sagte, eine solche Prüfung könne erst beginnen, wenn die Fakten auf dem Tisch lägen.

Durch die Übernahme entsteht der zweitgrößte deutsche Medienkonzern nach Bertelsmann, der gemessen am Umsatz aber durch sein Buchgeschäft noch um ein mehrfaches größer ist. Döpfner erfüllt mit dem Schritt auch den Traum des einstigen Verlagsgründer Axel Springer, den das Geschäft des Zeitungsverlegers aufs Fernsehen auszuweiten. Der Springer-Chef sagte, die wahren Wettbewerber der Zukunft seien „die Googles und die Yahoos“. „Wir werden auch diesen Wettbewerbern Paroli bieten können. Das ist vielleicht die wichtigste Begründung dieser Transaktion“, sagte Döpfner. Alleine wäre das für beide Unternehmen schwieriger.

Gutes Geschäft für Saban

Im Rahmen der Übernahme werden die bisherigen Pro-Sieben-Mehrheitseigner um Saban 23,37 Euro je Stammaktie bar erhalten. Die Investorengruppe war nach der Pleite der Kirch-Gruppe vor zwei Jahren bei Pro Sieben Sat.1 eingestiegen und hatte seinerzeit für die erste große Tranche ihrer Beteiligung 7,50 Euro je Aktie bezahlt. Ein kleiner Teil der Aktien soll mit Springer-Aktien bezahlt werden, wodurch die Investorengruppe einen Anteil von 2,41 Prozent an Springer erhält. Der Aufsichtsrat von Springer und der Vorstand von Pro Sieben Sat.1 hätten dem Vorhaben zugestimmt, hieß es.

Springer teilte mit, der Konzern habe die erforderlichen Finanzierungszusagen erhalten, um die fast komplett per Barzahlung geplante Transaktion sicherzustellen. „Nach Abschluß des Übernahmeangebots plant Springer ferner, in Abhängigkeit von der Annahmequote des Übernahmeangebots das Kapital gegen Ausgabe neu zu schaffender Vorzugsaktien zu erhöhen“, hieß es. Das Abfindungsangebot für die Vorzugsaktionäre soll sich an einem über drei Monate ermittelten Durchschnittswert des Aktienkurses orientieren. Der bislang errechnete Preis von 14,10 Euro liegt allerdings unter dem Schlußkurs der Pro-Sieben-Sat.1-Aktie vom Donnerstag von 14,80 Euro. Die Aktie ist im Nebenwerteindex MDax notiert.

Springer-Chef Döpfner hatte in der Vergangenheit stets gesagt, daß der Anteil an Pro Sieben Sat.1 entweder deutlich aufgestockt oder zu einem attraktiven Preis abgestoßen werden solle. An liquiden Mitteln stehen Springer ausweislich des letzten Quartalsberichts für das Übernahmegeschäft 450 Millionen Euro zur Verfügung. Zuletzt hieß es, als möglicher Kreditgeber soll die Deutsche Bank bereitstehen. Eine Kapitalerhöhung dürfte für das Haus Springer nicht in Frage kommen, da dann die Mehrheit der Hauptaktionärin Friede Springer in Gefahr geraten könnte.

Text: FAZ.NET mit Material von miha./F.A.Z., AP, Reuters, DPA
Bildmaterial: REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Besuchen Sie die Sagrada Familia in Barcelona, sehen Sie den Eifelturm in Paris oder das Kolosseum in Rom. Buchen Sie Ihre nächste Städtereise unter reiseclub.faz.net

Medien

Geteilte Reaktionen auf die Übernahme

Edmund Stoiber: „Stärkung des Medienstandorts”

Das angekündigte Zusammengehen von Pro Sieben und Springer ruft ein vielschichtiges Echo hervor. Während der Journalistenverband den Deal als „verheerend“ betrachtet, spricht Edmund Stoiber von der Schaffung neuer Arbeitsplätze.

Haim Saban

Milliardär mit einem Anliegen

Ein Herz und eine Seele?

Daß Haim Saban weiß, was er den Medien bieten muß, hat er heute wieder einmal bewiesen. Publikumswirksam küßte er dem Springer-Vorstandschef die Hand. Aber wird er auch in Zukunft ein verläßlicher Partner bleiben?

Chronologie

Von Kirch zu Springer

Friede Springer und Leo Kirch

Nur zwei Jahre nach der spektakulären Übernahme von Deutschlands größtem TV-Konzern Pro Sieben Sat.1 durch Haim Saban wechselt die Sendergruppe wieder den Besitzer. Eine Chronologie.

Pro Sieben Sat.1

Pro7-Übernahme: Keine Alternative für die Aktionäre

Neuer und alter Besitzer: Springer-Chef Döpfner (l) und ProSiebenSat.1-Besitzer Haim Saban.

Axel Springer übernimmt die Pro Sieben Sat.1 Media AG und zahlt voraussichtlich 14,10 Euro je Vorzugsaktie. Den Aktionären wird wohl nichts anderes übrigbleiben als anzunehmen.

Medien

„Auf dem Weg zum europäischen Fernsehmarkt“

Der Fernsehmarkt ist in Bewegung

Der Medienexperte Hardy Dreier vermutet, daß sich der wachsende Spinger-Konzern bald nach weiteren Übernahmeobjekten umschauen wird. Er erwartet eine „europäische Aufteilung der beiden Fernsehelefanten“ RTL und Sat.1 .

Springer und Pro Sieben Sat.1

Medien-Monopoly

Wieder gibt es Spekulationen, daß Springer seine bisherige Minderheitsbeteiligung beim Fernsehkonzern Pro Sieben Sat.1 gerne aufstocken würde - womöglich zur Mehrheit. Kartellrechtlich stehen die Chancen für eine Übernahme recht gut.

Stichwort

Pro Sieben Sat.1

Mit der Übernahme durch den Axel-Springer-Verlag bekommt Pro Sieben Sat.1 nach nur zwei Jahren einen neuen Mehrheitsaktionär. Davor war es Haim Saban.

Stichwort

Axel-Springer-Verlag

Der Axel-Springer-Verlag ist eine Erfolgsgeschichte. 1946 gegründet, gehören heute mehr als 150 Zeitungen und Zeitschriften in 27 Ländern zu dem Konzern. 2004 erreichte der Verlag das beste Ergebnis seiner Geschichte.

Medien

RTL will in Zeitungsmarkt einsteigen

Neuer Anlauf: Bald wieder Gratiszeitungen wie “20 Minuten“?

Zusammen mit dem norwegischen Schibsted-Verlag will der private Fernsehsender RTL offenbar in den deutschen Zeitungsmarkt einsteigen. In den Großstädten sollen Gratiszeitungen herausgegeben werden.

Medien

Axel Springer mit Rekordergebnis

Ihr Unternehmen verdient prima: Friede Springer

Das vergangene Jahr sorgte beim Berliner Medienkonzern Axel Springer („Bild“, „Welt“) für einen Rekordgewinn: Der Jahresüberschuß stieg um ein Drittel auf knapp 150 Millionen Euro, der Umsatz wuchs um 3,5 Prozent.

Medien

Springer sondiert Möglichkeiten einer Übernahme von ProSieben

Springer will an die Schalthebel bei ProSieben-Sat1

Der Medienkonzern Axel Springer lotet erneut die Chancen für eine Übernahme des größten deutschen TV-Konzerns ProSiebenSat.1 aus. Auch an diesem Wochenende wurden dazu wieder Gespräche geführt, berichten Medien.

Medien

Springer erhöht ProSieben-Beteiligung

Dahinter stecken jetzt noch mehr Fernsehanteile

Der Axel-Springer-Verlag hat sich nach der Pleite der Kirch-Gruppe mit dem Insolvenzverwalter auf einen Vergleich verständigt. Springer verzichtet auf die Option, seine Senderanteile zu verkaufen - nicht ohne Gegenleistung.