Von Bernd Eichinger
18. Dezember 2006 Kann ein Phänomen älter werden? Oder genauer: Kann ein Phänomen sechzig Jahre alt werden? Obwohl ich Steven Spielberg ganz gut kenne, war ich verblüfft, als ich hörte, daß er am 18. Dezember seinen sechzigsten Geburtstag feiert. Solange ich mich erinnern kann, war Steven Spielberg immer da. Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß er plötzlich verschwindet. Und das - das wurde mir jetzt zum ersten Mal klar -, obwohl er nur drei Jahre älter ist als ich.
Bei manchen Filmemachern erinnert man sich an einzelne herausragende Filme; bei anderen, zum Beispiel Fellini, Visconti, Bergman, Polanski oder Truffaut, an bestimmte Abschnitte des eigenen Lebens. Nicht so bei Spielberg. Spielberg, so kommt es mir vor, ist in seiner Allgegenwart die Mutter oder der Vater aller Filme.
Er hat nicht ein Thema, sondern alle Themen
Spielberg ist auch nicht Hollywood. So hat er zum Beispiel erst in den letzten Jahren mit sogenannten Hollywood-Stars gearbeitet. Spielberg (manchmal im Tandem mit George Lucas) ist eine Liga für sich. Er selbst hat bei mehr als zwei Dutzend Spielfilmen Regie geführt. So zum Beispiel bei Der weiße Hai, Unheimliche Begegnung der dritten Art, E.T., Indiana Jones, Jurassic Park, Schindlers Liste, um nur einige zu nennen. Er hat hundertvier Filme für Kino und Fernsehen produziert - darunter Klassiker wie Poltergeist, Zurück in die Zukunft, Roger Rabbit, Zorro und Men in Black.
Auffällig, geradezu unheimlich mutet es dann an, daß jeder seiner Filme sich mit keinem seiner anderen Film vergleichen läßt. Jeder Film ist ein Original, das sich nur aus sich selbst heraus entwickelt. Spielbergs Phantasie kreist nicht um sich selbst, sie ist neugierig und allumfassend. Er hat nicht ein Thema, sondern alle Themen. Das macht ihn einzigartig. Robert Zemeckis, ein ehemaliger Spielberg-Schüler und Regisseur von Back to the Future sowie von Forrest Gump (immerhin!), sagte einmal: Egal was du tust oder wie sehr es dir auch gelingt, du weißt, Spielberg kann es besser.
Ohne Herolde, Fanfaren oder Polizeieskorte
Ich lernte Steven Spielberg 1983 kennen. Wolfgang Petersen und ich hatten einige Divergenzen um den Schnitt von Die unendliche Geschichte. Wir einigten uns halb im Spaß, Spielberg als Schiedsrichter zu befragen. Es stellte sich als leichter heraus, als wir gedacht hatten: Er erklärte sich ohne viel Aufhebens bereit, sich den Film mit uns in Los Angeles anzusehen. Ich weiß noch gut um meine innere Aufregung, als wir zum vereinbarten Termin am Eingang des Vorführraums eines Studios (welches, habe ich vergessen) auf ihn warteten. Als er dann pünktlich in einem unscheinbaren Auto um die Ecke bog, ausstieg und in Jeans und Jeansjacke, auf dem Kopf eine Baseballmütze, auf uns zuging, war ich fast enttäuscht.
Offensichtlich hatte ich gedacht, daß ihn eine Polizeieskorte mit Blaulicht begleiten oder mindestens ein Herold mit Fanfare ankündigen würde. Nichts dergleichen. Über die Maßen höflich, fast bubenhaft drückte er Wolfgang und mir die Hand und erklärte uns, wie sehr er sich auf die Vorführung freue. Den Film schaute er sich, ohne eine einzige Bemerkung oder sich irgendeine Notiz zu machen, mit fast spürbarer Konzentration an.
In Wirklichkeit ist es das Kino selbst
Als dann das Licht anging, lud er uns für den nächsten Tag in seinen Schneideraum ein. Dort ließ er sich die erste Rolle einlegen und startete den Film. Schon nach wenigen Sekunden hielt er an, machte eine Bemerkung über einen bestimmten Schnitt, sehr ruhig, sehr präzise, sehr respektvoll. Wir machten uns Notizen. Dann weiter, wieder stopp, wieder eine Bemerkung zum Schnitt. Dann wieder weiter. So ging es Rolle für Rolle, den ganzen Tag lang. Nicht ein einziges Mal ließ er den Film zurücklaufen, um sich seines Urteils zu vergewissern. Es war, als hätte er den gesamten Film auf einer inneren Festplatte gespeichert. Praktisch jede seiner den Schnitt betreffenden Bemerkungen lief auf Kürzungen hinaus. Und alles ergab Sinn.
Später beim Abendessen sagte er noch, er habe selbst lange gebraucht, um den Hitchcock-Satz zu begreifen: Kürzer ist besser. Ausgeschrieben bedeutet der Satz natürlich: Wenn du eine Geschichte kürzer erzählen kannst, dann erzähle sie kürzer.
Den ganzen Abend redeten wir über Film. Fast schon schien es mir, als wäre er einer von uns. Aber ein anderes Gefühl beschlich mich. Damals wußte ich noch nicht so genau, was es war. Heute, glaube ich, weiß ich mehr darüber. Heute würde ich die Situation als virtuell bezeichnen. Und dieses Gefühl habe ich bis heute jedesmal, wenn ich Spielberg treffe. Es ist eine virtuelle Situation. Der Mann, der da vor mir sitzt und verschmitzt Anekdoten erzählt - zum Beispiel über seine Arbeit mit David Lean -, ist nur zum Schein Steven Spielberg. In Wirklichkeit ist es das Kino selbst, das zu mir spricht.
Zwei Meister des Kinos
Steven Spielberg kam am 18. Dezember 1946 in Cincinnati, Ohio, zur Welt und hat das Gesicht des Kinos, wie wir es heute kennen, geprägt wie kein anderer. Sein Weißer Hai läutete 1975 die Ära der sogenannten Blockbuster-Filme ein, und auch in der Folge hat Spielberg sein Instinkt dafür, was das Publikum sehen will, nie verlassen. Seine gut zwei Dutzend Spielfilme als Regisseur haben weltweit mehr als siebeneinhalb Milliarden Dollar eingespielt - ein Schnitt also von mehr als dreihundert Millionen Dollar pro Film. Lange war dabei E.T. der Spitzenreiter mit fast achthundert Millionen, 1993 folgte dann Jurassic Park mit mehr als neunhundert Millionen. Überhaupt war 1993 ein gutes Jahr für Spielberg, denn für Schindlers Liste durfte er endlich den Oscar in Empfang nehmen. 1994 gründete er die Stiftung Survivors of the Shoah Visual History, die sich der Archivierung gefilmter Erinnerungen an den Holocaust widmet.
Ohne die beiden vergleichen zu wollen, kann man sagen, daß sein Gratulant Bernd Eichinger der einzige deutsche Produzent ist, der einen vergleichbaren Instinkt für Publikumsgeschmack besitzt wie Spielberg.
Text: F.A.Z., 18.12.2006, Nr. 294 / Seite 35
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