Von Verena Lueken
23. Januar 2008 Die Nachricht, Heath Ledger sei gestorben, kam als Schock. Weil er erst achtundzwanzig war. Weil er in seinen Rollen immer besser wurde, immer überraschend blieb und es so aussah, als stünde ihm eine blendende Zukunft offen. Weil er so unschuldig wirkte, wie zuletzt River Phoenix, dessen Drogentod mit dreiundzwanzig im Dezember 1993 ähnlich fassungslose Gefühle auslöste.
Was ist los mit diesen jungen, hochbegabten Männern im Filmgeschäft, die sich, wie Ledger und vor ihm eben Phoenix, mit aller Kraft gegen das System stellen, das sie, die gutaussehenden, profitversprechenden Idole von jugendlichen Heerscharen, in seinen Dienst nehmen will mit Rollen, die sie nicht spielen wollen, mit Angeboten, die sie ewig festlegen wollen auf ein einmal erfolgreiches Konzept? Beide, Ledger wie früher Phoenix, hatten es geschafft auszubrechen, Filme zu machen, in denen sie wachsen konnten, und Rollen zu spielen, die sie ernst nahmen. Doch zu welchem Preis? Was ist los mit dem System, müsste man vielleicht fragen, das seine größten Talente immer wieder an Exzesse, Drogen, an Depression, an Alkohol verliert und sie dann so jung verrecken sieht, auf der Straße, wie River Phoenix, oder nackt auf dem Boden ihres Schlafzimmers, wie jetzt Heath Ledger?
So viele unerfüllte Versprechen
Die Liste der Jungen aus dem Filmgeschäft, die früh starben, ist ja lang, James Dean war vierundzwanzig, als er verunglückte, John Belushi, Bruce Lee, Marilyn Monroe waren in ihren Dreißigern, Montgomery Clift und Natalie Wood in ihren Vierzigern. Bei allen hieß es, sie starben jung, und das Gefühl, das sich aus den Nachrufen auf all sie mitteilt, ist nach dem Schock die Leere – so viele unerfüllte Versprechen, so großes Talent nicht ausgeschöpft. Und so großes Elend in ihren glanzvollen Existenzen.
Heath Ledger kam aus Perth im äußersten Westen Australiens, so weit weg, dass er selbst sagte, wenn er dort sei, habe er das Gefühl, die Welt sei flach und er sitze da, wo sie aufhöre. Auf seinem Heimatkontinent spielte er als Teenager in einer Jugend-Fernsehserie, ein paar Seifenopern. Eine Schauspielausbildung hatte er nicht, als er 1999 nach Hollywood übersiedelte und dort in der romantischen Komödie 10 Dinge, die ich an Dir hasse“ sofort Erfolg hatte. Die Rolle des jugendlichen Mädchenschwarms allerdings, auf die er nun festgelegt werden sollte, gefiel ihm gar nicht, und so lehnte er ein Jahr lang jedes Angebot ab. Er soll völlig pleite gewesen sein in jener Zeit, aber unerschütterlich in seiner Verweigerung. Wenn er sich wiederhole in seiner Arbeit, hat Ledger in verschiedenen Interviews gesagt, habe er das Gefühl, seine Zeit zu vertun.
Er saugte die Blicke auf sich
Deshalb hat er schließlich so unterschiedliche Rollen angenommen wie die in Roland Emmerichs Kostümfilm Patriot“, wo er Mel Gibsons Sohn spielt, einen jungen Soldaten im amerikanischen Bürgerkrieg, und dabei alle Blicke auf sich saugt, so dass der Superstar Gibson neben ihm wie ein Unbekannter wirkt; oder die des schwulen Cowboys in Ang Lees Brokeback Mountain“, die ihm eine Oscar-Nominierung und den Vergleich mit Marlon Brando einbrachte und ihn überall auf der Welt bekannt machte und die er so verschlossen, in sich gekehrt und traurig spielt, dass es einem die Kehle zuschnürt.
Oder die des heroinsüchtigen, verliebten jungen Mannes in Candy“, in der er sich in der Darstellung des Exzesses vollkommen zu verausgaben schien, ohne sich dabei völlig zu verlieren; oder die von Bob Dylan in Todd Haynes’ Dylan-Film I’m Not There“, der in der Hauptrolle sechsfach besetzt ist; oder in der neuesten Batman“-Folge, die im Lauf des Jahres ins Kino kommt, die Rolle des Jokers, die einst Jack Nicholson spielte und die Ledger mit so abgründiger Schlechtigkeit spielen soll, dass Nicholson nur als Witzfigur in Erinnerung bleiben wird. Zufrieden war Ledger mit der eigenen Arbeit nie.
Erwachsene Art, junges Gesicht
Was Heath Ledger neben seinem Talent hervorhob, war seine erwachsene Art, die in kreativer Spannung stand zu seinem jungen Gesicht. Todd Haynes hat Ledgers Ähnlichkeit mit James Dean betont, der für Dylan so wichtig war, und hinzugefügt, Ledger sei in einer Welt, in der erwachsene Männer mit rückwärts gedrehten Baseballkappen herumliefen und nie erwachsen werden wollten, ein Mann von großer Reife. Das sagte er, als niemand damit rechnen konnte, dass dieser Satz ein Epitaph sein würde.
Woran Heath Ledger starb, wissen wir noch nicht. Er wurde in seiner Wohnung in New York gefunden, in seiner Nähe Schlaftabletten, die ihm verschrieben worden waren. In einem Interview, das er im vergangenen November der New York Times“ gab, ist von seinen Schlafstörungen die Rede und davon, dass die Tabletten, die er nahm, kaum wirkten. Illegale Drogen, so heißt es, waren, als er tot gefunden wurde, nicht in der Wohnung, Alkohol soll er gemieden haben. Depressiv sei er gewesen, wusste ein Freund zu berichten, doch was tatsächlich geschah, wird erst die Autopsie ergeben. Er war viel zu jung, das allein steht fest.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, Cinetext Bildarchiv, dpa, REUTERS
