Von Frank Kaspar
25. August 2003 Das Fernsehen ist ein gefräßiges Gespenst, das sich permanent selbst verzehrt. Das große Recycling der Bilder und Stimmen, der Zeitdokumente, Erzähl- und Entertainmentformate begann lange bevor Fernsehshows den Retro-Trend selbst zum Thema gemacht und die Unterhaltungsstars der siebziger und achtziger Jahre zum Revival aufs Sofa geholt haben. Von "Rudis Tagesschau" (ARD) und der Gameshow-Parodie "Alles Nichts Oder?!" (RTL) bis zu "Kalkofes Mattscheibe" (Premiere) und "TV Total" (Pro Sieben) hat das Medium stets gut von der Wiederverwertung eigener Formate und Archive gelebt. Niklas Luhmann und seine Schüler haben es längst als autopoetisches System beschrieben, das eines geringen äußeren Anstoßes bedarf, um sich aus dem Reservoir des eigenen Gedächtnisses neu zu erschaffen.
Während öffentlich-rechtliche und private Sender derzeit auf unterschiedliche Weise die Erinnerung an die DDR als Fernsehshow-Futter zurichten, feiert das ZDF seinen vierzigsten Geburtstag - was läge näher? - mit einem weiteren Blick ins eigene Bildarchiv. "Alles käut wieder", kommentiert Friedrich Küppersbusch den Trend, dem er nun einen weiteren Schlenker anfügt. "Alles kommt wieder" heißt die dreiteilige Doku-Reihe, die Küppersbuschs Produktionsfirma probono für das ZDF realisiert hat. Drei halbstündige "Roadmovies" entwerfen kurze Porträts der siebziger, achtziger und neunziger Jahre anhand der Rückschau ausgewählter Protagonisten. Im Zentrum steht immer eine Eltern-Kind-Beziehung, die die Erinnerung zur Generationenfrage macht.
Wir müssen hier raus
Tom Theunissens Film "Wir müssen hier raus! Die 70er", der die Reihe heute abend eröffnet, schickt die Schauspielerin Anouschka Renzi in einem alten Ford Transit auf die Reise zu ihrer Mutter Eva. Fast dreißig Jahre zuvor saß Eva Renzi am Steuer und fuhr, mit Ausbruchsgedanken im Kopf und ihrer Tochter auf dem Beifahrersitz, ins ferne Indien. Anouschka Renzi schlüpft noch einmal in die Kleider von damals, Eva Renzi schreibt ein Buch über die Reise, und beide ziehen Bilanz, was von Hippie-Utopien und Freiheitsdrang übrigblieb.
Ein Grundgedanke der Reihe zielt darauf ab, daß seit den siebziger Jahren das Fernsehen selbst einen großen Einfluß auf die jeweils heranwachsende Generation ausgeübt hat. Daß man Erinnerungen dementsprechend zum großen Teil wachrufen kann, indem man Fernsehgeschichte aufwärmt, stellt Theunissens Film offensiv aus, das gibt ihm eine sympathisch selbstironische Note. Ein Filter taucht den Ford Transit ins blasse Streulicht alten Filmmaterials, nachdem er zuvor vor laufender Kamera mit Protestaufklebern, Stoffblumen und Seidentüchern möglichst originalgetreu präpariert wurde. Hannes Wader, ein weiterer Zeitzeuge, bekennt sich zur Fernsehsucht und zappt für die Zuschauer mit lakonischen Bemerkungen durch die Vergangenheit.
Ohne Verankerung
Theunissen, der mit kurzen Filmausschnitten und einem reichhaltigen Soundtrack von Camel und Cat Stevens bis Shakti, Weather Report und Frank Zappa souverän auf der Klaviatur der Erinnerungsreflexe spielt, ist nicht an Nostalgie, sondern an Entwicklungen interessiert. Er zeigt Hannes Wader, der aus alter Verbundenheit noch auf einem DKP-Fest auftritt, als einen Mann, der sich seiner politischen Heimat in der Linken nicht mehr sicher ist und - Wader über Wader -, "wieder freischwebend, ohne Verankerung" lebt.
Mit angenehmer Leichtigkeit nimmt Theunissens Film vor allem das Fernsehen selbst nicht zu ernst, flicht dann allerdings allzu leicht auch eine biographische Skizze des früheren RAF-Mitglieds Manfred Grashof ein. Grashof, nach einer Schießerei während seiner Festnahme 1972, bei der ein Polizist tödlich verwundet wurde, wegen Mordes verurteilt und 1989 begnadigt, führt die Zuschauer an den Tatort, eine Wohnung und ehemalige Fälscherwerkstatt in Hamburg. Alles fügt sich dabei etwas zu glatt ins Bild. Die ironischen Brechungen, mit denen der Film augenzwinkernd daran erinnert, daß keine Geschichte im Bruchteil einer halben Stunde erschöpfend zu erzählen und, hey, am Ende eben alles nur Fernsehen sei, sind schließlich selbst bereits ein Retro-Phänomen.
Ungeeignet
Seit dem WDR-Magazin ZAK, in dem Küppersbusch als Moderator und Theunissen als Autor in den frühen neunziger Jahren zusammenarbeiteten, gehören sie zu den etablierten Mitteln des Infotainments. Es ist gut, daß Theunissen den Terrorismus nicht ausblendet, aber leichtsinnig, daß er suggeriert, das Gespenst der RAF sei mit diesen Mitteln zu zähmen. Die Morde von damals eignen sich nicht zur lockeren Mediensottise.
Birgit Quastenberg, deren Film am Donnerstag mit Hark und Uwe Bohm, Inga Humpe, Bernd Michael Lade und Thomas Gottschalk in die Achtziger, Frank Diederichs und Jens Lindemann, deren Beitrag am kommenden Dienstag mit Cindy und Bert, ihrem Sohn Sascha Berger, Cosma Shiva Hagen, dem ehemaligen Hacker Mixter und anderen in die Neunziger führt, haben es in dieser Hinsicht wohl leichter gehabt. Bei keinem ihrer Protagonisten stellt sich so gravierend die Frage nach persönlicher Schuld und politischer Verantwortung.
An diesem Dienstag um 22.30 Uhr sowie am Donnerstag und am kommenden Dienstag, 2. September, jeweils um 22.45 Uhr im ZDF.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.08.2003, Nr. 197 / Seite 38
Bildmaterial: ZDF/ProBono