Von Bert Rebhandl
02. Mai 2007 Wenn Superhelden küssen, bekommt der ganze Kosmos Schluckauf. Im Central Park macht es Rrumms! beim Einschlag eines Meteoriten. Niemand bemerkt den kleinen Krater, niemand sieht, wie schwarzer Schleim aus dem glühenden Gestein austritt und nach einem Superhelden sucht, den er befallen kann. Peter Parker, der eigentlich zuständige Mann, ist aus guten Gründen blind für diese Störung. Er ist mit seinem Mädchen im Park.
Mary Jane ist endlich in sein Geheimnis eingeweiht. Seit sie weiß, dass er Spider-Man ist, steht ihrem Glück nichts mehr im Wege - sie könnten heiraten und Kinder kriegen und für alle Zeiten in der sichersten Stadt der Welt sich ihres aufregenden Daseins erfreuen. Doch für Superhelden ist noch schwerer zu ertragen, was auch normale Menschen schwer verkraften: eine Reihe von schönen Tagen. Der schwarze Schleim wird dafür sorgen, dass Peter Parker, der nette Junge von nebenan, schon bald nicht mehr wiederzuerkennen ist.
Zum Popcorn gibt es Rosen
Parker wird sich selbst zu einem Rätsel, mit dessen Lösung der Film Spider-Man 3 sich eine angemessene Aufgabe stellt. Denn hier geht es nicht einfach darum, aus dem erfolgreichsten Hollywood-Franchise noch einmal ein paar hundert Millionen Dollar herauszuholen, bevor die beiden hochbegabten jugendlichen Stars Tobey Maguire und Kirsten Dunst zu neuen Herausforderungen aufbrechen. Hier geht es darum, das Gesetz der Serie durch die Logik des Entwicklungsromans zu brechen. Weil dies nun schon zum dritten Mal gelingt, stellt Sam Raimis Spider-Man-Projekt so etwas wie die Quadratur des Kreises im amerikanischen Mainstream-Kino dar: Es verbindet Spezialeffekte mit Gefühl, Comic mit Melodram. Die reine Kinetik wird nicht selbst zur Erzählung, sondern bleibt das Symptom ganz klassischer menschlicher Erfahrungen: Liebe und Trauer, Eifersucht und Ehrgeiz. Zum Popcorn gibt es Rosen, denn Spider-Man 3 gehört bei aller Action eindeutig ins romantische Genre.
Der Sitz im Theater, der in den beiden ersten Spider-Man-Filmen so häufig leer blieb, weil der Superheld wieder einmal zur Unzeit beschäftigt war - dieses Mal ist er besetzt. Aufgeregt sieht Peter Parker Mary Jane zu, als sie zum ersten Mal in einer großen Show am Broadway auftritt. In einem glamourösen Kleid schreitet sie die geschwungene Treppe herunter, aber ihre Stimme macht nicht mit. Mary Jane fällt durch, das kriegt ihr Freund aber schon nicht mehr mit, denn er ist inzwischen so begeistert von seinem Plan, ihr endlich einen Heiratsantrag zu machen, dass er außer einem Ja gar nichts mehr hören will.
Comic und Melodram
Peter Parker steckt in der Falle der Selbstgefälligkeit. Der Schleim, der auf ihn lauert, ist das Medium dazu. Er verschafft ihm ein neues Kostüm, das nicht mehr im herzensreinen Rot leuchtet, sondern in der Schwärze eines dunklen Rächers. Rot und Schwarz ist die Farbenlehre von Spider-Man 3, für zwei Stunden ist Peter Parker ein neuer Julien Sorel, ein Emporkömmling, dessen Edelmut jederzeit in Ressentiment gegen die Geliebte umschlagen kann. In diesen zwei Stunden hat er es mit alten Freunden und neuen Feinden aus dem reichen Universum der Marvel-Comics zu tun.
Einen ersten Höhepunkt setzt Sam Raimi, als der aus dem Gefängnis ausgebrochene Flint Marko (Thomas Haden Church) auf der Flucht in einen Molekularzerleger stolpert. Er geht als Sandmann daraus hervor, in einer großartigen Szene, in der sich aus einem Haufen von Kristallen eine fragile Kreatur bildet, die noch im wildesten Stampfen immer aussieht, als wäre sie durch einen Windhauch zu besiegen. Der Sandmann ringt um Erlösung, wie auch Peter Parkers bester Freund Harry (James Franco), der nach dem Tod seines Vaters einen unbändigen Groll auf Spider-Man hegt. Inkognito begegnen die beiden jungen Männer einander mehrmals in den Schluchten von New York: Harry ist ein akrobatischer Luftsurfer, während Peter immer an den seidenen Fäden hängt, aus denen er sein Sicherheitsnetz webt.
Für Superhelden sind alle Räume krumm
Alle diese Figuren haben eine Rechnung offen, dazu kommt noch eine heitere Nebenhandlung mit dem Fotografen Eddie Brock (Topher Grace), der wie Parker beim Daily Bugle arbeitet, und seiner Freundin Gwen Stacy (Bryce Dallas Howard), die mit Parker an der Uni in einer Klasse sitzt. Nur Mary Jane ist ausgeschlossen. Sie hat mit allem nichts zu tun, nach ihrem Desaster am Broadway verdingt sie sich als Kellnerin und Sängerin in einer Jazz-Bar, sie wird immer einsamer, während ihr Freund die Farbe wechselt. Im zweiten Teil hatte Peter Parker einmal seinen Anzug ganz ausgeblichen aus der Waschmaschine genommen - damals ging es um die schwierige Vereinbarkeit des Heldenberufs mit einem bürgerlichen Leben. Die neue Herausforderung ist noch schwieriger zu verstehen und zu bewältigen: Die Heroisierung des persönlichen Lebens ist das eigentliche Missverständnis. Raimi hält konsequent an einem Persönlichkeitsideal fest, das sich dem Superheldentum entzieht. Und so geht er auch mit dem Blockbuster-Prinzip um, dem er sich fügt, das er aber zugleich transzendiert.
Spider-Man 3 ist wieder einmal der teuerste Film aller Zeiten, aber man muss genau hinsehen, um das auch mitzubekommen. Denn Sam Raimi präsentiert diese Geschichte mit entwaffnender Naivität und kalkuliertem Understatement. Dort, wo der Film als Action-Abenteuer ganz bei sich ist, in den wilden Ritten durch die Stadt, gilt eine eigene Relativitätstheorie: Für Superhelden sind alle Räume krumm, für das Kino aber ist die Welt nun einmal flach. Raimi reagiert darauf mit einer Entfesselung der Perspektive, die keine Kamera mehr nachvollziehen könnte, die dafür aber so nahe an die physische Erfahrung eines Rollercoaster Rides heranreicht, wie es mit Popcorn in der Hand gerade noch möglich ist. Ein führerloser Kran schneidet durch die Hochhauswände, als wären sie Eierschalen. Die Menschen purzeln aus den verwundeten Wolkenkratzern, aber sie sind aufgehoben in einem Raum, in dem die newtonsche Physik nicht mehr gilt, weil stattdessen das Marvel-Prinzip zur Anwendung kommt: das reine Staunen.
Technik und Emotion
Allzu oft versucht Hollywood in seinen Großproduktionen, diese unmittelbare Reaktion auf Dauer zu setzen. Nicht so Raimi. Er nimmt sich viel Zeit für komische Erleichterung und gönnt dem Publikum eine Menge Späße auch auf Kosten des Helden. Dabei gewinnen manche Szenen eine beinahe schmerzhafte Qualität. So wählt Peter für das Abendessen, bei dem endlich der Verlobungsring im Champagner gefunden werden soll, ein teures Restaurant, in das weder er noch Mary Jane so richtig passen. Unweigerlich läuft ihnen dort die adrette Gwen über den Weg. Raimi nutzt diese peinliche Situation für ein kleines, groteskes Ballett mit den Kellnern.
Alle diese Szenen sind bigger than life und eigentlich recht durchschaubar, aber sie fügen sich auch deswegen zu einem stimmigen Gesamtbild, weil Raimi ständig schon auf die eigene Ikonologie des Comics und der Verfilmung verweisen kann. Der berühmte Kuss aus dem ersten Teil, in dem Spider-Man vom Himmel zu kommen scheint, während Mary Jane mit beiden Beinen auf der Erde steht, wird nun zu einer photo opportunity entwertet, und es ist nicht zufällig auch ein Medienzusammenhang, ein Hype, der sich um Peter Parker zusammenzieht, sobald er sein Mandat zu überschätzen beginnt. Dieser Hype geht nun auch mit dem weltweiten Start des Films einher. Mit seiner enormen Marktdurchdringung zumal auch auf dem chinesischen Festland wird Spider-Man tatsächlich ein Netz um die ganze Erde spannen. Das wird zweifellos Abwehrreflexe zeitigen, und die Datenpiraten werden die besten Szenen schnell als Trophäen in ihren Sammlungen haben. Das ganze Drumherum soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier mit der ganzen technischen Potenz des amerikanischen Kinos an einer Vision gebastelt wird, die noch immer ganz nahe an der unmittelbaren Einbildungskraft der Comics ist, in denen die Superhelden einst auftauchten. Rrumms!
Ab 1. Mai im Kino.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.04.2007, Nr. 17 / Seite 29
Bildmaterial: AP, ddp, Sony Pictures/Cinetext