Fernsehen

Die Braut hat es nicht anders gewollt

Von Heike Hupertz

09. September 2004 Anfang des Jahres war Randi Coy noch ledige Elementarschullehrerin der "Pope John XXIII Catholic School Community" in Phoenix, Arizona. Mit einigem Recht kann man annehmen, daß ihr trotz ihres zarten Alters von dreiundzwanzig Jahren gewisse Vorstellungen der irdischen und der transzendenten Liebe nicht fremd waren und sie darüber hinaus auch der ein oder andere Gedanke an die Bedingungen der Fortpflanzung sowie zum Sakrament der Ehe schon einmal beschäftigt hatte.

Oder auch nicht. Denn mittlerweile ist sie ihren katholischen Arbeitgeber mit gutem Grund los. Und nicht nur das: In einem Rundbrief an alle Eltern und Kinder hat die Schule vor ihr eindrücklich gewarnt. Ganz Amerika hat außerdem wochenlang hämisch über sie gelacht.

Randi Coy braucht das nicht unbedingt zu bekümmern, denn schließlich wurden ihr und ihrer Familie für den Verlust ihrer Integrität, ihres Ansehens und des gegenseitigen Vertrauens vor den Augen der Fernsehüberwachungskameras 500.000 Dollar Schmerzensgeld zugesprochen. Man lebt nicht folgenlos in einer Fernsehnation.

Schon dreimal geheult

Soweit ist Mareike, die blonde Zahnmedizinstudentin aus Kiel, noch nicht. Noch nicht ganz. Geheult hat sie in den ersten beiden Folgen von "Mein großer dicker peinlicher Verlobter" schon dreimal. Ob aus Wut (wie sie sagt) oder aus Verzweiflung (wie Gunnar mutmaßt) oder aus Zorn auf die Produzenten der Ufa Entertainment GmbH (wie wir behaupten), läßt sich wohl erst vom möglicherweise lukrativen Ende der "Reality-Surprise-Show" (Sat.1) her entscheiden. Davor aber haben die Importeure des amerikanischen Formats "My Big Fat Obnoxious Fiance" die angeblich höchst unterhaltsame Passion von Mutter Sabine, Vater Friedrich-Wilhelm und den Brüdern Jan und Leif gesetzt.

In diesem Jahr hat der amerikanische Sender Fox - der seit längerem durch immer neue, abseitigere Reality-Serien auf sich aufmerksam macht, auf der anderen Seite der fernsehenden Welt aber Serien wie "Malcolm mittendrin", "The Simpsons" und "The O.C." beschert - ein neues Genre erfunden, die "Comedy-Reality". Zwei Proben aufs Exempel gibt es, und beide bekommt das deutsche Publikum binnen kürzester Zeit vorgesetzt.

Höllisch hohe Quoten

Der amerikanische Straßenfeger "The Simple Life" mit Paris Hilton und Nicole Richie lief bereits mit bescheidenem Erfolg bei Pro Sieben; "My Big Fat Obnoxious Fiance" nun wird von Sat.1 mit dem Hinweis auf höllisch hohe Einschaltquoten in Amerika beworben. Dezent verschwiegen wird, daß diese ekelhaftere Version des "Bachelor" sehr von der immer noch erfolgreichen Talentsuche "American Idol" profitiert hat, die jeweils unmittelbar zuvor ausgestrahlt wurde.

Fragt man Verteidiger des Reality-Formats nach der Lebensnähe solcher Sendungen, so ist regelmäßig von der Nähe zur Dokumentation und den Techniken des cinéma vérité die Rede. Man schaffe bloße Versuchsanordnungen und stelle echte, authentische Typen hinein. Sollte das jemals jemand geglaubt haben, so könnte er sich durch die Fülle aktueller amerikanischer "Sur-Reality" ("Variety") eines Besseren belehren lassen.

Zielen auf den Grusel

Während "The Apprentice" (mit Donald Trump, demnächst bei RTL mit Reiner Calmund), die klassischen starsuchenden Talentwettbewerbe ("Star Search") und Generalüberholungen wie "The Swan" (demnächst bei Pro Sieben) immer noch die Fiktion der Suche nach dem oder der Besten als Feigenblatt aufrechterhalten, zielen Dating-Sendungen wie "Boy Meets Boy", "The Littlest Groom", "Joe Millionaire", "Average Joe" oder "Mr. Personality" allein auf den vermuteten Grusel des Publikums angesichts des Paarungsverhaltens Schwuler, Kleinwüchsiger, Geldgieriger und "Durchschnittlicher".

Man könnte "Mein großer dicker peinlicher Verlobter" ob seiner "Tabubrüche" pseudokritisch erfrischend finden und es als Farce nehmen. Dazu ist die Sendung aber nicht peinlich genug. Mareike, die mit Stretchlimousine am kerzengeschmückten Eingang der "Traumvilla" entlassen wird, erhält in den ersten Minuten Schleppe, Brautstrauß, Schleier und Antrag des weißbestrumpften Fieslings Gunnar - nur am Rande: Seit wann verlobt man sich in vollem Hochzeitsornat?

Rülpsen, furzen, kotzen

Ihre Prüfung besteht darin, innerhalb weniger Tage ihre Familie von den Traummannqualitäten dieses rülpsenden, furzenden und kotzenden Vertreters seiner Gattung zu überzeugen, Fernsehhochzeit inklusive. Kein Familienmitglied darf am Ende Einspruch dagegen erheben, daß die junge Frau ihr Jawort gibt. Auf dem Spiel steht eine halbe Million Euro. Was die Ehewillige nicht weiß: Gunnar (Tetje Mierendorf) ist Schauspieler, seine Familie, Marke "Flodders", ebenso. Seine Aufgabe ist es, Mareike zur Weißglut zu treiben.

Wo der amerikanische Verlobte Steve eine dichte Rückenbehaarung aufzuweisen hatte und in Unterwäsche durchs Zimmer tanzte, reicht es bei Gunnar nur zu zartem Brustflaum, der in der zweiten Folge von Mareike schmerzhaft mit Wachs entfernt wird. Im amerikanischen Original pöbelte sich der unsägliche Eheanwärter durch eine Villa in Los Angeles, beim deutschen Klon ist es ein Anwesen in der Lüneburger Heide. Da kann noch nicht einmal blendender Glamour auf mangelnde Kinderstube treffen.

So richtig am Ende

Und wo man einst mit den Tisch- und Sprachsitten eines Ozzy Osbourne durch liebende Friedfertigkeit entschädigt wurde, fällt Gunnar scheinbetrunken in die Rabatte, um hinterher freudestrahlend zu verkünden, daß seine Verlobte jetzt aber mal so richtig am Ende sei. Ein Wunder, daß es kein deutsches Wort für "white trash" gibt.

Wer Tom Gerhard, Fäkalhumor und zynische Witze über beleibte Menschen goutiert, wird "Mein großer dicker peinlicher Verlobter" einschalten. In Amerika wollten einundzwanzig Millionen Zuschauer dabeisein, als Randis entgeisterte Familie ihre Tochter doch noch davon abhalten wollte, sich kopfüber ins Unglück zu stürzen. Vergebens. Sie hat es getan und die halbe Million mitgenommen.

Am heutigen Donnerstag, 9. September, um 20.15 Uhr bei Sat.1.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.09.2004, Nr. 210 / Seite 40
Bildmaterial: Sat.1

 
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