Medien

Die Show mit dem garantierten "Wow"-Effekt

Von Michael Hanfeld

Meyer-Burckhardt wechselt in den Pro-Sieben-Sat.1-Vorstand

Meyer-Burckhardt wechselt in den Pro-Sieben-Sat.1-Vorstand

29. April 2004 Am Montag und Dienstag schien die Welt von Pro-Sieben-Sat.1 noch in Ordnung, dabei war sie es schon nicht mehr. Denn als Nicolas Paalzow auf dem Führungskräftetreffen der Sendergruppe referierte, wie er seinen Sender weiter nach vorne bringen will, wußte der Vorstandsvorsitzende Guillaume de Posch längst, daß sich Paalzow nur einen Tag später keine Gedanken über das Programm der nächsten Saison mehr machen müßte. Alles war vom Feinsten im "Event-Hotel Scalaria" am Wolfgangsee. "Genießen Sie faszinierende Momente aus unserer Welt der perfekten Inszenierung, und erliegen Sie dem Charme rund um Bühne, Show und WOW-Effekte", heißt es im Werbeauftritt des Hotels im Internet, der eine weiß vermummte Frau mit einem seltsamen Plastikballon auf dem Kopf zeigt, die aussieht wie ein Einhorn aus dem Weltall.

"Wow" war die anschließende Vorstellung von Pro-Sieben-Sat.1 sicherlich, eine perfekte Inszenierung aber mitnichten: Am späten Mittwochnachmittag wurde den Führungskräften in München, über deren Motivation man tags zuvor in Österreich noch räsoniert hatte, verkündet, daß an die Stelle von Nicolas Paalzow bei Pro Sieben nun Dejan Josic trete. Zugleich wurde bekanntgegeben, daß Jürgen Doetz aus dem Vorstand ausscheidet, ihn ersetzt Hubertus Meyer-Burckhardt, der von Springer zu Pro-Sieben-Sat.1 wechselt. Es ist ein kühl kalkuliertes, perfektes Geschäft im Sinne des Senderbesitzers Haim Saban und des Springer-Vorstandschefs Mathias Döpfner, allerdings ohne Rücksicht auf mögliche Verluste.

Ohne Vorwarnung

Diese Verluste bestehen nicht nur in einem mangelnden Stilempfinden - sowohl für Doetz als auch Paalzow kam die Kündigung ohne jede Vorwarnung. Während der eine vor Tagen erst noch bei besagtem Event am See für seinen Sender auftrat, wurde der andere erst vor vier Wochen mit seinem Vorstandsressort von Berlin, wo er seit Jahren bei Sat.1 sitzt, nach München, an den Standort der Holding, beordert, angeblich weil die Aufgabe "Medienpolitik" so wichtig sei. Das sei nach wie vor so, sagt die Pro-Sieben-Sat.1-Sprecherin Katja Pichler, auch unter einer veränderten personellen Besetzung.

Doch soll wirklich jemand daran glauben, daß der Fahrensmann Doetz, der das deutsche Privatfernsehen mitgegründet hat (F.A.Z. vom 18. Dezember 2003), zum 9. Oktober gehen soll, nur weil er dann sechzig Jahre alt wird und in der Geschäftsordnung des Vorstands von Pro-Sieben-Sat.1 steht, daß kein Mitglied dieses Gremiums älter als sechzig sein soll? Claus Larass, der ehemalige "Bild"-Chefredakteur, war letztes Jahr übrigens neunundfünfzig, als er als Finanzvorstand von Pro-Sieben-Sat.1 entlassen wurde, vom noch gar nicht vorgerückten Alter des ehemaligen Sat.1-Geschäftsführers Martin Hoffmann (44), der im Dezember gehen mußte, und von der Jugendlichkeit des sechsunddreißigjährigen Nicolas Paalzow ganz zu schweigen.

Internationales Geschäft

Seine Kündigung ist allerdings spätestens seit dem letzten Sommer eine mit Ansage gewesen, als der Vorstandsvorsitzende Urs Rohner (44) ihn und Hoffmann bereits einmal vor die Tür setzen wollte. Dagegen opponierte seinerzeit der einstige Fernsehvorstand Ludwig Bauer (47), der Anfang November 2003 gegangen ist. Rohner wiederum hat seinen Job zum morgigen 1. Mai abgeben müssen. Haim Saban hat sein Haus bestellt, es sauber auf- und ausgeräumt. Nun ist sein Vertrauter, der neue Vorstandschef Guillaume de Posch (46), allein zu Haus. "Ich freue mich auf meine neue Aufgabe, und ich freue mich auf Guillaume", sagte dazu der frischbestallte Vorstandskollege Hubertus Meyer-Burckhardt (48) dieser Zeitung. Haim Saban wurde übrigens - dies nur als Randbemerkung zum Thema Lebensalter - am 15. Oktober 1944 in Alexandria geboren. Er ist also genau sechs Tage jünger als der geborene Heidelberger Jürgen Doetz, der am 9. Oktober sechzig wird.

Doch kommen wir zu wahren Ursachen und den Folgen dieser Personalien. Sie dokumentieren zuvörderst einen Schulterschluß zwischen Haim Saban und Mathias Döpfner, die gerade dabei sind, im internationalen Geschäft einen gemeinsamen Deal abzuschließen. Bis zum 10. Mai hat Springer noch Zeit, ein bindendes Angebot für den "Daily Telegraph" abzugeben, die konservative Flaggschiff-Tageszeitung aus dem Imperium des gestürzten Medienmoguls Conrad Black. An den ebenfalls in dessen Hollinger-Gruppe erscheinenden Zeitungen "Jerusalem Post" und "Chicago Sun-Times" wiederum hat Haim Saban Interesse.

Persönlicher Gleichklang

Wie groß darüber hinaus auch der persönliche Gleichklang zwischen den beiden ist, kann man daran ermessen, daß Saban den Springer-Chef Döpfner gebeten hat, in der kommenden Woche die Hauptversammlung von Pro-Sieben-Sat.1 zu leiten. Saban wolle, heißt es, seinen Aktionären nicht zumuten, die Sitzung ganz in englischer Sprache abzuhalten. Sein neuer Vorstand Hubertus Meyer-Burckhardt wiederum ist sowohl ein Fernsehproduzent mit bestem Ruf in der Branche als auch ein enger Vertrauter Döpfners. Ihn als den "Verbindungsmann" zwischen den beiden Konzernen zu sehen sei nicht falsch, sagt die Springer-Sprecherin Edda Fels, allerdings dürfe man Meyer-Burckhardt nun keinesfalls für Springers Mann bei Pro-Sieben-Sat.1, sondern für einen unabhängigen Mittler halten. "Wir haben unglaublich viel Freude an unserer Beteiligung mit Blick auf die Wertentwicklung", sagt Edda Fels.

Springer hält an Pro-Sieben-Sat.1 11,5 Prozent Anteile, die Saban-Gruppe hat ihren Anteil jetzt von 72 auf 75,1 Prozent aufgestockt. Über die Kapitalerhöhung hat sich der Konzern 282 Millionen Euro beschafft, mit denen er vor allem seinen Schuldenberg verkleinern will. Die Ausgabe einer neuen Anleihe von mindestens hundert Millionen Euro wird geprüft, die wiederum helfen könnte, einen ebenfalls erwogenen neuen Konsortialkredit in Höhe von bis zu 475 Millionen Euro abzudecken. Die Möglichkeiten von Cross-Promotion und gemeinsamen Projekten werde man sicherlich weiter ausloten, sagt Edda Fels weiter, falsch jedoch sei es, in dem Übertritt von Hubertus Meyer-Burckhardt auch einen Strategiewechsel Springers erkennen zu wollen.

Geldbringer der Gruppe

"Wir konzentrieren uns nach wie vor auf unser Kerngeschäft", sagt die Sprecherin. In den Aufsichtsrat von Pro-Sieben-Sat.1 zieht Christian Nienhaus, der Verlagschef der "Bild"-Gruppe, ein und nicht, wie vielleicht zu erwarten gewesen wäre, Dieter Stolte, der ehemalige ZDF-Intendant und bis Mai des nächsten Jahres Herausgeber von "Welt" und "Berliner Morgenpost". Der Aufgabenbereich von Hubertus Meyer-Burckhardt bei Springer wiederum wird mit dessen Abgang dort zum 1. Juli aufgelöst. Was abermals beweist, wie eng die Interessen Sabans und Springers in diesem Fall beieinanderliegen: Bei Springer hatte der Energiker Meyer-Burckhardt, der für "Unternehmensentwicklung" zuständig war, schlicht nichts mehr zu tun.

Der Verlust, den Haim Saban in Kauf nimmt, wahrscheinlich aber gar nicht mal bemerkt, wirkt freilich schwer. Nicolas Paalzow hatte als Programmgeschäftsführer nicht immer ein glückliches Händchen, hat aber hart an der Marke Pro Sieben gearbeitet. Der Sender ist nicht nur der Geldbringer der Gruppe, er hat eine eigene Unterhaltungswelt geprägt, eine "Comedy" gepflegt, deren prominentester Vertreter Stefan Raab und dessen genialster Protagonist Michael "Bully" Herbig mit seiner Truppe ist. Der Sender hat zudem zu einer eigenen und mitunter sehr beachtlichen Handschrift beim selbstproduzierten Fernsehfilm gefunden, der Donnerstagabend ist inzwischen als Pro-Sieben-Film-Termin fest eingeführt, genauso wie die Blockbuster am Wochenende.

Unentschiedene Inhaberverhältnisse

Viel größer aber noch ist das Erbe von Jürgen Doetz. Im inneren Gefüge von Pro-Sieben-Sat.1 ist er der letzte Anker, an dem sich die vom Hin und Her der ewigen Insolvenzverwaltung und dem Untergang Kirchs mitgenommenen Mitarbeiter festhalten können. Er hat den Sender Sat.1 durch das ewige Chaos unentschiedener Inhaberverhältnisse geführt. Und er hat den Privatsenderverband VPRT, dessen Präsident er bis Sommer 2005 bleiben soll, strategisch in die Lage versetzt, dem bis zu Beginn der jetzigen Gebührenrunde so selbstgefälligen öffentlich-rechtlichen Rundfunk in der Medienpolitik tatsächlich Terrain abzugewinnen.

Man muß nur einmal darauf achten, was die Europäische Kommission in Brüssel zur Zeit mit Blick auf ARD und ZDF prüft. Sie hat aufgrund einer Beschwerde besagten Privatsenderverbands VPRT gerade bei der Bundesregierung eine Anfrage eingereicht, die nicht nur darauf abzielt, herauszufinden, was die ARD durch ihren Rechtekauf der Fußballbundesliga bewirkt hat. Sie hat allein 45 Millionen Euro für die Erstsenderechte hingeblättert, zuzüglich geschätzter rund zwanzig Millionen für Zweitsende- und Radiorechte plus technische Kosten.

Es geht der EU aber nicht nur um dieses "exzessive Preisniveau", sondern auch darum auszuloten, was die kommerziellen Tochterfirmen von ARD und ZDF so alles treiben. Die Vermutung lautet unter anderem, daß sich die Öffentlich-Rechtlichen Rechte an Fußball-Länderspielen (auch wenn sie so blamabel ausfallen wie die Grottenpartie gegen Rumänien) bis 2009 insgesamt vierhundert Millionen Euro kosten lassen wollen, plus DFB-Pokal und Weltmeisterschaft in Deutschland 2006, für die bislang 225 bis 235 Millionen Euro geboten sind.

Zwei Welten

All das, vor allem das wiederholte Pochen darauf, daß die Finanzen - nicht nur die Gebührengelder, sondern auch die Nebeneinnahmen - von ARD und ZDF wirklich transparent werden, hat Jürgen Doetz betrieben. Auf der medienpolitischen Bühne gibt es niemanden, der über eine bessere Vernetzung und über mehr Ansehen verfügte oder geschickter agierte. Das wird selbst beim Konkurrenten RTL so gesehen, der nach der Ära Doetz, die nun zwanzig Jahre währt, sicherlich einen Anspruch auf den Vorsitz im Senderverband hätte. Sofortige Aspirationen aber werden in Köln dementiert. Der Geschäftsführer von RTL und Chef der RTL-Gruppe, Gerhard Zeiler, sagte dieser Zeitung: "Jürgen Doetz hat als Präsident des VPRT unser volles Vertrauen. RTL wird ihn dabei unterstützen, seine laufende Amtszeit so erfolgreich wie bisher zu Ende zu führen."

Haim Saban verliert also viel, was und wieviel, das wird er noch zu spüren bekommen. Es geht nicht immer so leicht wie beim Kauf von Pro-Sieben-Sat.1, das man dem trickreichen Unterhändler für 525 Millionen Euro hinterhergeworfen hat. Politik, Medienpolitik, das von dieser mitbestimmte Mediengeschäft funktionieren in Deutschland anders als in Amerika, Geld ist nicht alles, ein spielerischer Auftritt wie im Herbst auf dem Medientagen in München wenig und Parties in Eventhotels gar nichts. Saban und Doetz - da trafen auch persönlich zwei Welten aufeinander. Während der eine seine Werbekunden demnächst zur Fete nach Los Angeles einlädt, wird der andere fleißig weiter seine Kreise ziehen, auch wenn er bei Pro-Sieben-Sat.1 von Oktober an nur mehr als Berater firmiert. Und die unendliche Geschichte einer Sendergruppe, die selbst zur Seifenoper taugt, sieht ein weiteres Kapitel von Kabale und Hiebe.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.04.2004, Nr. 101 / Seite 54
Bildmaterial: dpa

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