22. Dezember 2004 Das Internet, hieß es einmal, werde die Medienlandschaft von Grund auf umwälzen. Vielleicht wird die Prophezeiung irgendwann wahr. In der Zwischenzeit halten die alten Medien ihre Stellung oder bauen sie aus, unter anderem auch mit Hilfe der neuen Medien.
So hat nun die Washington Post Company, deren Kronjuwelen aus der gleichnamigen Tageszeitung und dem Nachrichtenmagazin Newsweek bestehen, das vom Softwaregiganten Microsoft 1996 gegründete Internetmagazin Slate angekauft. Es wird von einem Kaufpreis zwischen fünfzehn und zwanzig Millionen Dollar gesprochen, und das wäre in ungefähr der Betrag, den Microsoft bisher in das digitale Informationsexperiment investiert hat.
Einst bahnbrechend
Erst seit dem vergangenen Jahr schreibt Slate gelegentlich schwarze Zahlen. Gleichwohl hat es sich mit seinen einst bahnbrechenden Hyperlinks, mit Weblogs, politischen und kulturellen Kommentaren und Analysen zu einer auch von den traditionellen Medien vielbeachteten und -zitierten journalistischen Kraft entwickelt, die, wie es freilich scheint, nicht den von Microsoft erwarteten Synergieeffekt produzierte.
Den erhofft sich jetzt die Washington Post Company, nicht zuletzt im Hinblick aufs Anzeigengeschäft, auch wenn es online zur Zeit nur drei Prozent des gesamten amerikanischen Werbeetats ausmacht. Slate, dessen Redaktion mit etwa dreißig Festangestellten in New York sitzt, soll vor allem den Leserkreis der alten Medien um die User der neuen erweiterten. Wer dabei wem Konkurrenz machen wird, bleibt abzuwarten. Im vergangenen Monat klickten 4,5 Millionen Leser die Website der Washington Post an, während Slate immerhin 4,8 Millionen verzeichnen konnte.
Text: J.M. / Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23. Dezember 2004
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