Fernsehen

Retten, was zu retten ist: „Die Super-Nanny“ auf RTL

Von Christian Geyer

Der Junge kann auch anders - ein Fall für Super-Nanny

Der Junge kann auch anders - ein Fall für Super-Nanny

07. Dezember 2004 Eltern wissen es, Eltern schätzen es, Eltern beseufzen es: Nichts appelliert jeden Tag so sicher an die besseren Seiten in ihnen wie die Kindererziehung. Man mag von Hause aus undiszipliniert, schwerenöterisch, egoman und sprunghaft sein - in einem Haus mit kleinen Kindern erlebt man sich überraschend auch als ein anderer, als einer, dem noch nie etwas Besseres widerfuhr als das Sorgerecht für die quengelnde Zöglingslast.

Was aber, wenn sich diese Herzenseinsicht durch das familiäre Gerangel keinen Weg mehr zu bahnen weiß, wenn es so weit gekommen ist, daß die Kinder einem auf Tisch und Nase herumtanzen, wenn sie in einem fort kratzen, schreien und spucken und man selbst völlig erschöpft auf der Strecke bleibt?

Eine Art mobile Erziehungsleitstelle

Für Fälle, in denen es so weit gekommen ist, kommt seit einigen Wochen bei RTL die "Super-Nanny" vorbei: Katharina Saalfrank, in ihrer bürgerlichen Existenz Diplompädagogin und Mutter von vier Söhnen. Nanny heißt auf deutsch Kindermädchen; daß die Sendung unter der englischen Vokabel läuft, liegt an ihrem britischen Vorbild; dort heißt die Super-Nanny Jo Frost und läuft auf Channel 4. Die RTL-Sendung gilt in der Fernsehwelt inzwischen als der einzig wirklich erfolgreiche Neustart der Saison, ein Befund, den man an mehr als fünf Millionen Zuschauern festmacht.

Das Schema dieser neuen "Reality"-Sendung ist schnell erklärt: Frau Saalfrank kommt zum Erziehen der Schwererziehbaren zur Problemfamilie nach Haus, dort wohnt sie ein paar Tage, sieht sich den Laden erst mal an, bevor sie zunehmend selbst in die Erziehung eingreift beziehungsweise den Eltern Hinweise gibt (teilweise über Kopfhörer aus einer Art mobiler Erziehungsleitstelle), wie sie es besser machen sollen. Danach überläßt Super-Nanny die Familie wieder ein paar Tage sich selbst, bleibt am Geschehen allerdings über Video dran, um dann bei einem letztmaligen Besuch den familiären Lernerfolg zu überprüfen, aktenkundig zu machen und idealtypischerweise auf Dauer zu stellen. Das alles geschieht unter kontinuierlicher Fernsehbegleitung, wir haben es - so gesehen - mit einer Spielart von "Big Brother" zu tun, Familienalltag präsentiert sich im Container-Set.

Regelbewußtseins als Allheilmittel

Es mag zu der hohen Einschaltquote beitragen, daß der Kinderschutzbund gleich nach der ersten Sendung die Alarmglocken läutete. Tatsächlich greifen gegenüber "Super-Nanny" ja auch sämtliche Einwände, die gegen "Reality"-Shows gemeinhin greifen: gegen die als öffentliches Spektakel inszenierte Entblößung der Privatsphäre. Man weiß auch hier nicht, welche Vereinbarungen die vom Sender ausgesuchten Familien eingehen mußten, um das Honorar von zweitausend Euro einzustreichen.

Wie werden die im Fernsehen entblößten Kinder tags drauf in der Schule, im Kindergarten angeschaut? Wie wirkt sich überhaupt die Dauerpräsenz der Kameras auf das Familienleben aus? Auch bleibt im dunkeln, welche Langzeitwirkung die möglichen Kurzzeiterfolge haben. Wie weit trägt die Verheißung eines Regelbewußtseins als Allheilmittel für familiäre Konflikte?

Haustiere quälen verboten

Denn Regelbewußtsein ist alles, was bei dieser Sendung herumkommt. Wenn Frau Saalfrank für ein paar Tage durch die außer Rand und Band geratene Familie huscht, dann bleibt ihr gar nichts anderes übrig, als eine reduktionistische Intervention zu versuchen, und das heißt: keine tiefschürfende Ursachenforschung zu betreiben, sondern nach bewährter Hausarzt-Strategie mit der Therapie vor der Diagnose zu beginnen, also erst einmal zu retten, was zu retten ist. In dieser Situation reduziert Frau Saalfrank ihre Intervention auf das Aufstellen von einfachen, mit gelben und roten Karten sanktionsbewehrten Verhaltensregeln, die im Modus der "klaren Ansage" elternseits den Kindern "rübergebracht" werden sollen.

Die Regeln werden schriftlich an die Wand gehängt, zum Beispiel: Kinder müssen auf die Eltern hören, beim Essen sitzen bleiben, das Kinderzimmer aufräumen; sie dürfen nicht schlagen, treten, boxen oder Haustiere quälen; dafür dürfen auch Eltern ihre Kinder nicht schlagen oder anschreien, sie müssen sie vielmehr anhören und sich Zeit für sie nehmen. Man sieht, die Regeln sind recht basal und durch jede Familientherapiestelle gedeckt. Dafür bezieht die Sendung ihre ganze Dramaturgie aus der nervenaufreibenden, psychostressigen, Eltern und Kinder zerzausenden Durchsetzung all dieser klaren Ansagen.

Eine kinderfeindliche Illusion

Keine Frage: Kinder brauchen Regeln als den festen Rahmen, der ihnen Halt gibt. Und Eltern sind oft die ersten, die sich ihren Kindern zuliebe zu solchen Regeln selbst erziehen müssen. Da eine gute Erziehung aber natürlich übers Regelbewußtsein hinausgeht, nährt das Sendeformat der "Super-Nanny" eine kinderfeindliche Illusion: als sei das nötige Maß von elterlicher Zuwendung erfüllt, wenn der Drill von Regeln Früchte zeigt.

Letzteres glaubt am allerwenigsten Frau Saalfrank selbst, die eine erfahrene Pädagogin zu sein scheint. Aber durch den Zusammenschnitt von, sagen wir, hundert geduldigen Stunden Familientherapie auf eine knappe Stunde RTL-Spektakel muß beim Zuschauer auch ein gänzlich falscher Eindruck hängenbleiben - neben manchen guten Anregungen, die Eltern für ihre Kinderstube erhalten.

Die "Super-Nanny" läuft morgen um 20.15 Uhr bei RTL. Im Januar bekommt die bisherige "Super-Nanny", Katharina Saalfrank, Unterstützung. Von da an wird in sechzehn Folgen Nadja Lydssan, für RTL geplagte Eltern besuchen. Die ausgebildete Diplomsozialpädagogin aus Bonn hat wie Katharina Saalfrank Erfahrung in der Familienarbeit. Sie ist Trainerin im Kriseninterventionsprogramm "Familie im Mittelpunkt".

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.12.2004, Nr. 286 / Seite 38
Bildmaterial: obs

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