Frankreich

Staat, steh uns bei

Von Jürg Altwegg, Genf

Was wird aus Frankreichs Presse?

Was wird aus Frankreichs Presse?

28. September 2004 Im französischen Zeitungsgeschäft gibt es derzeit fast nur Katastrophenmeldungen. Das "Geschäftsmodell Tageszeitung" funktioniert nicht mehr. Dreißig landesweit verbreitete, politisch ausgerichtete Gazetten gab es nach dem Zweiten Weltkrieg. Jetzt sind es noch sieben. Wieviel werden es in ein paar Jahren sein? Nur noch zwei, fürchten nicht wenige Beobachter: einen linken "Monde" und den rechten "Figaro".

Besonders schlecht steht es um den Boulevard. "France Soir" erreichte in glanzvollen Zeiten eine Auflage von mehr als einer Million. Die besten Reporter, die mit unbegrenzten Spesenbudgets ausgestattet wurden, schrieben für das Blatt. Nach mehreren Besitzerwechseln dümpelt die Auflage in Höhen von deutlich unter 100.000 Exemplaren.

Im Sommer sollte "France Soir" an einen Immobilienmakler verkauft werden. Er wurde verdächtigt, ein Strohmann von Russen zu sein. Die Belegschaft verlangte, wie das in Frankreich möglich ist, eine genaue Aufklärung über die finanzielle Situation der Zeitung. Dadurch wurde der Deal verzögert. Als dann doch unterschrieben werden sollte, hatte der Käufer keinen Scheck parat. Das behaupten zumindest die verkaufswilligen Besitzer, der italienische Verlag Poligrafici. Die nun weitere Stellen abbauen wollen. Die Redaktion ließ bei den Konkurrenzblättern eine Anzeige einrücken: Zeitungsmacher suchen Käufer. Inzwischen wird mit dem aus Ägypten stammenden Geschäftsmann Rami Lakah verhandelt, der die bankrotte Billigfluggesellschaft Euralair erworben hat.

„Freiwillige Entlassungen“

Das andere, sehr viel weniger ruhmreiche, aber solide gemachte Boulevardblatt "Le Parisien" verkauft noch immer rund 400.000 Exemplare pro Tag. Es gehört zum gleichen Stammhaus wie "L'Equipe" und gab bislang wenig zu reden. Doch soeben wurde bekannt, daß in den letzten drei Jahren Verluste in Höhe von fünfzig Millionen Euro entstanden sind. Die Zeitung hat gerade einen neuen Geschäftsführer bekommen. Die angekündigten Entlassungen sollen "freiwillig" erfolgen.

Sanft wollte auch "Le Monde" den Personalabbau über die Bühne bringen. Das Pariser Weltblatt will hundert von 700 Stellen abbauen - und zwar noch vor Ende des Jahres. Doch die Zahl der Freiwilligen bleibt beschränkt. Nach dem vierten Jahr mit tiefroten Zahlen belaufen sich die Schulden auf mehr als hundert Millionen Euro. Die Zeitung bekommt keine Kredite mehr. Im Sommer sollen die Verkäufe binnen zweier Monate um zehn Prozent zurückgegangen sein, so daß die Chefredaktion keine andere Möglichkeit mehr sah, als die Notbremse zu ziehen.

Verärgerte Mitarbeiter

Die Verärgerung der Mitarbeiter ist groß. Sie sind nicht bereit, für die Fehler der Manager zu bezahlen. Man hat die "Telerama"-Gruppe übernommen und noch zu Beginn des Jahres die aufwendige Farbbeilage "Le Monde 2" lanciert. Weil sie die Wochenendauflage nicht zu erhöhen vermochte, wird "Le Monde 2" nun bereits am Freitag beigelegt.

Ein Verlustgeschäft war - anders als beim "Figaro" - auch der dilettantisch aufgezogene Versuch, mit DVDs Geld zu verdienen. Die finanziellen Abenteuer - man gab Obligationen aus, die in Anteilscheine umgewandelt werden können, und spekulierte auf einen Börsengang - bringen die Unabhängigkeit der Zeitung in Gefahr. Die Redakteure drohen, Direktor Jean-Marie Colombani 2006 nicht mehr zu wählen.

„Monde“ als Tabloid

Nun werden viele Rettungspläne geprüft. Die neue Posttaxenregelung wird den Vertrieb der Abendzeitung noch kostspieliger machen. Und weil die TGV-Schnellzüge nächstes Jahr keine Zeitungen mehr transportieren werden, kann der "Monde" in Zukunft wie in den siebziger Jahren außerhalb von Paris erst am nächsten Morgen gelesen werden - mit achtzehn Stunden Verspätung. Deshalb druckt man immer ein Fernsehprogramm für zwei Tage. Einer der Pläne ist von Springers "Welt" inspiriert: am Morgen eine kompakte, knappe Ausgabe im Tabloid-Format, um gegen die Gratisblätter anzugehen - die Vollzeitung könnte wie bisher am frühen Nachmittag folgen.

Chefredakteur Edwy Plenel will aus "Le Monde" jedoch generell eine Morgenzeitung machen. Für die Auflage wäre das gut. Im Bereich des Drucks aber gibt es gewaltige Hindernisse. Die Umstellung würde dem Konkurrenzblatt "Libération" umgehend jene zehn- oder zwanzigtausend Käufer kosten, ohne die das Blatt wohl nicht mehr überlebensfähig ist. Hätte man "Libération" (150.000 Exemplare pro Tag) erst einmal ausgeschaltet, könnte "Le Monde" ruhig in die Zukunft blicken. Im Zweikampf zwischen "Le Monde" und "Le Figaro" würden dann wohl auch die kleineren Zeitungen "La Croix" und "Humanité" zerrieben werden: Kommunisten und Kirche müssen ihre Botschaft ja auch nicht unbedingt mittels einer Tageszeitung verbreiten.

Vielversprechendes Morgenrot

Am fernen Horizont glaubt man bei "Le Monde" ein vielversprechendes Morgenrot erkennen zu können. Es leuchtet um so strahlender, als der Rüstungsindustrielle Serge Dassault den eben erst gekauften "Figaro" zum Sprachrohr seiner Interessen und reaktionären gesellschaftspolitischen Vorstellungen zu machen versucht. Dassault will aber auch Dividende für seine Investition. In einem Radiointerview hat er für eine "schnell gelesene Meinungszeitung" plädiert, für die jegliches Informieren zweitrangig sei.

Ein radikales Sparprogramm ist angesagt. Die Auflage hat weniger gelitten als jene von "Le Monde", den Dassaults Flaggschiff - Frankreichs neuer Pressezar besitzt seit Ende Juni mehr als siebzig Tageszeitungen - so gern als Nummer eins ablösen möchte. Aber der Einbruch bei den Kleinanzeigen (Immobilien) drückt aufs Redaktionsbudget. Beim "Figaro" will man übrigens ebenfalls kleiner und handlicher werden: Nicht Tabloid ist angekündigt, sondern das Berliner Format.

Mehr Geld vom Staat

Die Krise der Tageszeitungen wird inzwischen als gravierendes staatspolitisches Problem erkannt. Um dreißig Prozent will Frankreich seine Subventionen im nächsten Jahr erhöhen: 280 Millionen Euro werden aus dem Staatshaushalt in die Presseförderung fließen. Die Summe gilt als "Beitrag für den politischen Pluralismus". Als einmalige Leistung werden vierzig Millionen Euro "für die soziale Modernisierung der politischen Tagespresse" ausgewiesen: "Le Monde" und "Le Figaro" bekommen je zwanzig Millionen, um Überkapazitäten in ihren Druckereien abzubauen. Damit werden die Abfindungen der Entlassenen und die Frührenten finanziert. "Libération" bekommt nichts: Die Zeitung wird in einer fremden Druckerei hergestellt.

Viel Geld, das der Staat seiner Post in Zukunft verweigern will, wird an die Zeitungen umgelenkt, damit sie die höheren Versandtarife finanzieren können. Die staatlichen TGVs werden zwar keine Blätter mehr transportieren, aber in den Bahnhöfen dürfen die Gratiszeitungen "Metro" und "20 Minuten" verteilt werden. Im Gegenzug will man die Kioske fördern. Ihre Inhaber haben im Frühjahr mehrfach gestreikt. Die Zahl der Verkaufsstellen ist seit 1995 um fünfzehn Prozent zurückgegangen - vor allem in den großen Städten.

Auch AFP wird alimentiert

Die ausgezeichnete katholische Zeitung "La Coix", die jedes Jahr ein paar tausend Leser mehr ausweisen kann, und die darbende "Humanité" (Auflage 50.000) bekommen wie "France Soir" weiterhin ihre Subventionen für "Tageszeitungen mit schwachem Werbeaufkommen". Ohne diese Finanzspritzen könnten sie wohl kaum überleben. In die halbstaatliche Nachrichtenagentur AFP, die zu den Großen der Welt zählt und die Zeitungen im eigenen Land zu günstigen Konditionen beliefert, pumpt Frankreich jährlich mehr als hundert Millionen Euro. Auch dieser Betrag wird um ein paar Prozente erhöht.

Drei Millionen hat überdies der Kultur- und Kommunikationsminister im Budget des Jahres 2005 für die Leseförderung vorgesehen. Man will wieder einmal den Jugendlichen die Zeitungslektüre schmackhaft machen. Das Geld ist bereit, noch fehlen aber die Ideen: Über die konkreten Programme wird der Minister "demnächst" informieren. Gratisabos, mit denen man es auch schon mal versuchte, haben nichts gebracht.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.09.2004, Nr. 227 / Seite 42
Bildmaterial: AP

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