Von Dietmar Dath
11. Mai 2005 Kleine Hände, süße Füße, freie Stirn, nirgends Akne, dafür Seelen, die schwärzer sind als Füllertinte - vorpubertäre Biester machen sich im Kino breit wie seit Jahrzehnten nicht mehr: In The Others (2001) geistert das Kindliche als das Anti-Naive; das letztjährige Remake von George R. Romeros Zombieklassiker Dawn of the Dead läßt schon vor dem Vorspann ein kleines Mädchen einem Mann ein Stück Fleisch aus dem Hals beißen; in den bisherigen zwei Teilen der amerikanischen Ring-Neuverfilmungen gibt es einen unheimlichen Knaben und ein Wiedergängermädchen; Robert De Niro muß in Hide and Seek lernen, daß kindliche Unschuld eine schlechte Arbeitshypothese bei Spukuntersuchungen ist; The Grudge bietet uns einen Knaben mit bläulicher Haut, der schreien kann wie eine angestochene Katze und in den japanischen Battle Royal-Metzeleien schlachten sich Schülerinnen und Schüler dutzendweise gegenseitig ab.
Man kann die Tatsache, daß Kinder sich in diesen Produktionen von ihrer ungezogensten Seite zeigen, einigermaßen rätselhaft finden und sich fragen, woher die reichen Gesellschaften ihren ansehnlichen neuen Kronoskomplex geholt haben - weshalb dieses schrille Wüten gegen die Jüngsten? Bevor man freilich in massenpsychologische Spekulationen verfällt, sollte man sich die Mahnung von Andhra Pradesh in Erinnerung rufen: Als neoliberale Politik es in diesem indischen Bundesstaat im Jahr 2000 soweit gebracht hatte, daß sich Hunderte von Bauern selbst töteten, deren Erwerbsleben zerstört war, kündigte die Regierung an, Divisionen von Psychologen und Sozialtherapeuten auszusenden, die ermitteln sollten, was zum Kuckuck mit diesen Leuten nicht in Ordnung sei.
Kostspieliger waren Kinder selten
Die diagnostische Initiative wurde öffentlich ausgelacht und bei den nächsten Wahlen abgestraft. Wenn Psychologisches ausnahmsweise wirklich auf der Hand liegt, heißt die Lehre, soll man nicht lange herumraten. So auch bei den kleinen Monstern: Kostspieliger waren Kinder selten und wer nicht genug Zeit oder Geld hat, sie zu erziehen oder erziehen zu lassen, muß auf das öffentliche Bildungssystem vertrauen, das ihnen die Unterschiede zwischen Gut und Böse allerdings, wie nicht erst mit der Waffe amoklaufende Killer-Kids in verschiedenen wohlhabenden Staaten zeigen, auch nicht mehr haltbarer vermitteln kann als Lesen und Rechnen.
Popkultur und Sozialstreß verhalten sich allerdings nicht deterministisch zueinander wie Basis und Überbau, sondern sind vor allem nach ästhetischen Regeln miteinander vermittelt; die beliebten Formen, in denen die Zwangsvorstellungen der Zeit zu sich selbst kommen, sind nicht beliebig, sondern wirken auf jene ihrerseits zurück. Die gespenstische Samara mit der tropfenden Pechfrisur aus den Ring-Filmen wird von Gothic-Jugendlichen also weniger wegen irgendwelcher sozio-spirituellen Defizite geliebt als vielmehr aus dem simplen Grund, daß dissidente Popfreunde den Schnappis, Holzmichls und anderen autochthonen Horrorfiguren eben ihre eigenen Totemwesen entgegensetzen wollen.
Schwer erziehbare Landplagen
Auch wenn es filmische Vorläufer wie das Village of the Damned von 1960 gab, in dem gleich zwölf Frauen von Außerirdischen geschwängert werden und hypnotische, mit der Gabe des Gedankenlesens und anderen Hexenzeichen ausgestattete, daher überaus schwer erziehbare großäugige Landplagen in die Welt setzen, dürfte der Kino-Urtext des üblen Kindersegens wohl William Peter Blattys Exorzist von 1971 sein.
Dieses Werk war eine Art verschärfte Variante des drei Jahre älteren Films Rosemarys Baby von Roman Polanski, der mit der Pointe der Geburt eines vom Hörnerkönig persönlich gezeugten Satansbratens endet. In Blattys stilbildendem Nachfolgeprodukt geifert, seibert, flucht und teufelt die junge Linda Blair auf den Spuren eines angeblich authentischen Washingtoner Falls aus dem Jahre 1949 so widerlich herum, daß es seither nicht nur zwei legitime Fortsetzungen und ein Prequel, das die Vorgeschichte schildert, gegeben hat, sondern auch zahlreiche mehr oder weniger gelungene Nachahmungen, unter denen die fraglos beste die Damien-Reihe ist, die 1976 mit Das Omen von Richard Donner begann und wahrscheinlich, wie das Böse selbst, immer noch nicht ganz tot ist, obwohl die Verlängerungen allmählich spärlicher werden.
Helden, Opfer, böse Wichte
Anders als in der realistischen oder psychologischen Kunst, im Jugenddrama oder im Bildungsroman, gibt es in der dunklen so gut wie in überhaupt jeder Phantastik für Kinder im Grunde nur drei Verwendungen: als Helden, Opfer oder böse Wichte. Das liegt an der Symbolfracht dieser frühen Lebensphase: Kinder wecken überall da, wo es sowieso permanent um mythische Grundkonstellationen zwischen Gut und Böse geht, automatisch die metaphysische Unschuldsvermutung. Die kann dann nur bekräftigt oder enttäuscht werden: Das Monster wird um so abscheulicher, je beherzter es sich an Frühreifen vergreift; Horror, die Kunst des katastrophischen Interaktionsbruchs zwischen Intimitätsteilhabern, kann als Genre die Normalität der Kernfamilie immer nur entweder erschüttern oder gestärkt aus Anfechtungen hervorgehen lassen.
Das heißt nicht, daß auf diesem Spielfeld keine Originalität möglich ist - im Gegenteil erlaubt sein Raster, jede Menge Einfallsreichtum auszuspielen, um erzählend vom gegebenen A zum benötigten Z zu gelangen. Die Figur Kind bietet hier vor allem eine erstklassige Gelegenheit zur Selbstreflexion: Die Ängste, die der Horror inszeniert, sind ja keine Erwachsenenbefürchtungen betreffs Verlust des Arbeitsplatzes, drohende Impotenz oder Krebs, sondern selber kindliche Furchtformen, nämlich solche vor Sachen, die es nicht gibt.
Furchtsame Phantasien
In einer schönen Folge der Mystery-Serie Akte X konfrontiert ein hypnotischer Junge die Agenten auf der Spur des Unsichtbaren dementsprechend mit genau jener Sorte Monster, gegen die sie sonst kämpfen, nur daß sich diesmal herausstellt, daß der Feind der Produzent furchtsamer Phantasien ist: Der Bann ist erst gebrochen, wenn das Kind, das die Ungeheuer träumt, zu Verstand kommt.
Im komplett wirren, aber stellenweise atemberaubend schön fotografierten Jenseits-Thriller L'Aldila (1981) des italienischen Blut- und Eingeweidespezialisten Lucio Fulci versagen die beiden erwachsenen Helden, die sich einem kleinen verlorenen Mädchen als Ersatzelternpaar anbieten, vor der Aufgabe, es zu beschützen. Als eine namenlose Macht aus dem abgründigen Drüben, die im Lauf des Films allerlei herumwankende Tote steuert, Killerspinnen befehligt und Blindenhunde zu Mordwaffen abrichtet, schließlich von dem Kind Besitz ergreift, muß sein Möchtegernvater es erschießen - die quälende Szene, in der das geschieht, gehört zu den heiligen Bildern der blutroten Kirche moderner Spezialeffekte.
Von diesem symbolischen Zerreißen des Vorhangs der Latenz des Bösen vor der Kindheit an geht es buchstäblich abwärts: Held und Heldin finden aus dem Labyrinth, das die Albtraumlogik des Erzählgangs in diesem Film ist, nicht mehr heraus und müssen schließlich erkennen, daß sie das Diesseits längst verlassen haben und ohne Hoffnung auf Wiederkehr in der Hölle gestrandet sind.
Italienisch und katholisch
Daß ein Versagen bei der Verteidigung der Kernfamilie eine solche Strafe nach sich zieht, ist sehr italienisch und katholisch gedacht. Wo der Verlust der Keimzelle des Staates der Sündenfall ist, hat wenigstens noch die Chance bestanden, sie zu bewahren - ironischer und zugleich im Verzweifelten spitzfindiger geht es dagegen in Nicolas Roegs stimmungsvollem Klassiker Wenn die Gondeln Trauer tragen von 1973 nach einer Erzählung von Daphne Du Maurier zu. Hier wird mit unbarmherziger Kühle und Ausführlichkeit durchgespielt, wie schlimm es werden kann, wenn man die einmal verlorene Intimität einfach nicht loslassen kann.
Der Film beginnt damit, daß die in ein märchensignalhaftes rotes Mäntelchen gehüllte blonde Rauschgoldengelunschuld beim Spielen ins Wasser fällt und der Vater, gespielt von Donald Sutherland, die entscheidenden Minuten zu spät kommt, um das Ertrinken zu verhindern. Gramzerrissen setzt er sich mit der Mutter nach Venedig ab, um den Schrecken zu vergessen. Dort aber geht das Übel erst richtig los, denn Zeichen der Verstorbenen stürmen auf die armen Eltern ein, bis der Vater endlich in einem modrigen Gemäuer eine weinende Gestalt im roten Mäntelchen stellt. Sie steht von ihm abgewandt in der Ecke, er redet ihr gut zu, da dreht sie sich um - und ist ein gräßlicher Zwerg mit langem Messer, mit dem er seinem völlig überforderten Opfer die Gurgel zerteilt. Wer den Kummer ums untergegangene Paradies nicht los wird, ist so gut wie tot: eine makabre Moral, aber noch nicht der Gipfel des Kindergrusels.
Der Gipfel des Grusels
Den hat vor ein paar Jahren eine Folge der Fernsehserie Angel erreicht, die das Exorzisten- und Satanskinderthema gegen seine eigenen idealistischen Prämissen kehrt. In der Episode mit dem Originaltitel I've got you under my skin entdeckt die tapfere Belegschaft der Detektei für übernatürliche Kriminalität Angel Investigations einen vermeintlichen Fall von Kindesmißhandlung in Form anhaltender Freiheitsberaubung, begangen an einem Jungen durch die eigenen Eltern. Nach etwas Wühlarbeit stellt sich heraus, daß der betroffene Knabe offenbar in mehreren Städten, in denen seine Familie bis jetzt gelebt hat, heimtückische Brandstiftereien und andere Untaten verübt hat. Mit Hilfe der üblichen parapsychologischen Untersuchungsmethoden - es hat mit Schokoladenkuchen zu tun, man frage nicht - wird eruiert, daß ein Dämon das Kind bewohnt, den die Helden deshalb nach allen Regeln der Kunst austreiben.
Er nimmt körperliche Gestalt an, sie treiben ihn in die Enge und machen sich daran, ihn zu töten. Kurz vor dem Gnadenstoß entfährt einem der Rächer die triumphierende Frage, ob der Dämon sich denn jetzt schön grün ärgere, wo er doch die Seele des Kindes nicht mehr in seiner Gewalt hat. Der Dämon antwortet, bereit zum Sterben: Welche Seele?
Kleine Engel gibt es nicht
Die Pointe ist: Der arme Teufel war in dem Kind gefangen wie der Dschinn in der Flasche und hat die Exorzisten benutzt, um seinem Kerker, dem kalten Herz eines ihn an Grausamkeit weit übertreffenden, weil völlig amoralischen Wesens, zu entkommen. Er wird pflichtschuldigst geschlachtet, und die Helden treffen danach gerade noch rechtzeitig in der Kinderstube ein, um den neuesten Mordanschlag des indifferenten kleinen Psychopathen zu vereiteln.
Der makabre Dreh teilt etwas nicht ganz Abwegiges mit: Daß es den von der Rührungsindustrie ausgebeuteten Zustand Kindheit womöglich gar nicht gibt. Wer die Seele von aller Gier, allem Triebhaften säubern will, behält etwas Kaltes zurück. Gäbe es die kleinen Engel tatsächlich, die wir uns vormachen, dann wären das furchtbare Ungeheuer.
Text: F.A.Z., 11.05.2005, Nr. 108 / Seite 44
Bildmaterial: AP
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