Watergate-Skandal

Die Quelle

Von Matthias Rüb, Washington

Dieser fröhlich winkende Greis soll “Deep Throat“ sein: W. Mark Felt mit Tochter Joan

Dieser fröhlich winkende Greis soll "Deep Throat" sein: W. Mark Felt mit Tochter Joan

01. Juni 2005 Was hat den Mann dazu gebracht, all die Jahre zu schweigen? Was hat ihn dazu gebracht, nach mehr als drei Jahrzehnten das Geheimnis zu lüften? Und was hat ihn damals dazu gebracht, mit seinen Informationen für zwei Reporter der Tageszeitung „Washington Post“ einen Jahrhundertskandal zu enthüllen, der zum einzigen Rücktritt eines amtierenden Präsidenten in der Geschichte der Vereinigten Staaten führte?

Jetzt also ist es heraus, wer die - nach dem Titel eines amerikanischen Pornofilms aus den frühen siebziger Jahren - „Deep Throat“ genannte Quelle war, ohne welche der Watergate-Skandal vielleicht nicht ans Licht gekommen wäre. Es ist W. Mark Felt, der mehr als 30 Jahre lang Beamter der amerikanischen Bundespolizei FBI war und zum Zeitpunkt des Skandals Anfang der siebziger Jahre bis zum stellvertretenden Direktor der Bundesbehörde aufgestiegen war.

Ein Mysterium

Kaum hatte die Monatszeitschrift „Vanity Fair“ am Dienstag in einer Vorabmitteilung aus ihrer Juli-Nummer das Geheimnis gelüftet, belagerten Fotografen das Haus von Felts Tochter Joan im kalifornischen Santa Rosa, wo sich bald darauf der fidele, inzwischen 91 Jahre alte Felt zeigte - auf eine Gehhilfe gestützt, lächelnd, winkend.

Tatsächlich ist es ein Mysterium, wie eine der berühmtesten anonymen Quellen der Zeitungs- und Zeitgeschichte so lange ihre Identität verbergen konnte. Zwar war der Name Felts immer wieder genannt worden, wenn die Spekulationen über die „Tiefe Kehle“ wieder einmal ins Kraut schossen.

20 „Kandidaten“ umfassende Namensliste

Aber auch der damalige ranghohe Mitarbeiter des Justizministeriums Henry Peterson, dazu Mitarbeiter des Weißen Hauses unter Präsident Richard Nixon wie die Berater Fred Fielding und John Dean, Pressesprecher Ron Zeigler und dessen Mitarbeiterin Diane Sawyer, heute beim Fernsehsender ABC, sowie schließlich Nixons Redenschreiber Ray Price und Pat Buchanan galten als mögliche Quellen für die jungen „Post“-Reporter Carl Bernstein und Bob Woodward, die damals von ihrem leitenden Redakteur Benjamin Bradlee auf die Geschichte angesetzt worden waren.

Selbst Alexander Haig, zunächst Mitarbeiter im Nationalen Sicherheitsrat und später Stabschef von Nixon im Weißen Haus, und sogar der damalige Außenminister Henry Kissinger wurden als mögliche undichte Stellen genannt. Und schließlich fand sich auch der damalige Parteichef der Republikaner und spätere Präsident George H. W. Bush auf der insgesamt etwa 20 „Kandidaten“ umfassenden Namensliste für jene Person, die sich hartnäckig hinter dem Decknamen „Deep Throat“ zu verbergen wußte.

Keine wirklich große Überraschung

Daß es nun Felt war, der sich mit Bernstein und Woodward in Tiefgaragen und an anderen auffällig unauffälligen Orten traf, um ihnen die entscheidenden Informationen und Hinweise zu geben, ist also nicht wirklich eine große Überraschung. Aber der Umstand, daß ein ehrgeiziger FBI-Beamter zwei Reporter mit seinen vertraulichen Informationen „fütterte“, statt diese ordnungsgemäß an die Justiz weiterzugeben, wirft abermals ein scharfes Schlaglicht auf die Verstrickungen der mächtigen Republikaner Anfang der siebziger Jahre.

Manches spricht dafür, daß Felt nicht nur von hehren Motiven geleitet wurde, sondern daß ein wesentlicher Grund für seinen „Geheimnisverrat“ eine tiefe persönliche Kränkung gewesen war. Felt war unter dem legendären FBI-Direktor J. Edgar Hoover, der die amerikanische Bundespolizei von 1924 bis zu seinem Tod im Jahre 1972 wie sein eigenes Königreich führte, bis zu dessen Stellvertreter aufgestiegen.

Nixons Fehler seines Lebens

Felt rechnete offenbar fest damit, als Protegé Hoovers, der von Calvin Coolridge bis Richard Nixon unter acht Präsidenten gedient hatte, dessen Nachfolge anzutreten. Stattdessen berief Nixon im Mai 1972 seinen Vertrauten Patrick Gray an die Spitze des FBI - und machte damit vielleicht den Fehler seines Lebens.

In seinen 1979 veröffentlichten Memoiren „The FBI Pyramid From the Inside“ schrieb Felt: „Es ist mir niemals in den Sinn gekommen, der Präsident könnte einen Man von außen als Nachfolger von Hoover berufen. Hätte ich das gewußt, hätte ich mir keine Hoffnungen für die Zukunft gemacht.“

Der Skandal

Kurz nach dem Wechsel an der FBI-Spitze überstürzten sich in Washington die Ereignisse. Am 17. Juni 1972 wurden fünf Männer festgenommen, nachdem sie ins Hauptquartier der oppositionellen Demokraten im Watergate-Komplex in Washington, einem unansehnlichen Gebäudekonglomerat mit Hotels, Appartments und Büros am Westufer des Potomac-Flusses, eingebrochen waren.

Zu ihnen gehörten die früheren CIA-Mitarbeiter Howard Hunt, der in seiner späteren Karriere als Schriftsteller zum Dutzendlieferanten von Spionagethrillern wurde, und der erst 20 Jahre alte CIA-Techniker James McCord, der im Wahlkampfteam für Nixons Wiederwahl für die Sicherheit des Präsidenten zuständig war. Bei den Ermittlungen der Behörden und zumal dank der Recherchen der „Washington Post“ stellte sich später heraus, daß die Männer von Gordon Liddy, dem Finanzberater in Nixons Wahlkampfteam, mit dem Einbruch beauftragt worden waren.

Sie sollten die Wahlkampfzentrale der Demokraten verwanzen, um den regierenden Republikanern möglicherweise nützliche Informationen über Pläne und Wahlkampftaktik des politischen Gegners zu beschaffen. Liddy hatte für diesen Plan 250.000 Dollar aus Nixons Wahlkampfbudget abgezweigt - wahrscheinlich ohne Wissen des Präsidenten, der hernach aber umso eifriger beim Vertuschen des Skandals mittat.

Umfangreichen Verschleierungsunternehmung

Die „Washington Post“ enthüllte im August 1972, daß ein Scheck mit einer Spende für Nixons Wiederwahl von einem der fünf Watergate-Einbrecher zur Gutschrift auf dessen Konto eingereicht worden war. Bereits im Juli 1972 hatten sich Felt und ein weiterer ranghoher Mitarbeiter des FBI bei ihrem neuen Chef Patrick Gray darüber beschwert, daß die Ermittlungen im Watergate-Fall vom Weißen Haus behindert würden. Das war tatsächlich so, denn zwei Jahre später bekanntgewordene Tonbandaufzeichnungen aus dem Weißen Haus ergaben, wie Präsident Nixon und seine Mitverschwörer bis ins Detail besprachen, auf welche Weise man die Ermittlungen des FBI hintertrieben könne.

Nixons Stabschef H.R. Haldeman, der Drahthzieher der umfangreichen Verschleierungsunternehmung im Weißen Haus, gab über den stellvertretenden FBI-Direktor Felt am 23. Juni 1972 folgende verhängnisvoll falsche Einschätzung ab: „Er wird kooperieren, weil er ehrgeizig ist.“ Worauf Nixon nur kurz angebunden antwortete: „Yeah.“ Bis zum Oktober 1972 hatte Haldeman seine Einschätzung über Felt geändert und nannte in einem Gespräch mit Nixon Felt als die wahrscheinliche „undichte Stelle“ in dem Vertuschungskomplott.

Diese Tonbandmitschnitte und mit ihnen ein paralleler Abhörskandal im Weißen Haus gelangten erst im Juli 1974. Gut anderthalb Jahre zuvor, im November 1972, hatte Nixon einen vom dräuenden Watergate-Skandal noch unbeeinträchtigen Erdrutschsieg gegen den aussichtslosen demokratischen Präsidentschaftskandidaten George McGovern erringen können.

Verheerendes Urteil

Der Präsident hatte schon in seiner ersten Amtszeit jahrelang Gespräche im Weißen Haus - von seinem Amtsraum, dem Oval Office, über den Sitzungssaal des Kabinetts bis zum Lincoln Schlafzimmer - und auch im Wochenendsitz amerikanischer Präsidenten in Camp David in Maryland mitschneiden lassen.

Doch erst nachdem das Oberste Gericht in einem für Nixon verheerenden Urteil im Juli 1974 die Herausgabe der Tonbandmitschnitte an den Kongreß und an Sonderermittler des Justizministers verfügt hatte, brach das Kartenhaus von Lügen, Drohungen und Vertuschungen zusammen. Am 8. August 1974 kündigte der 37. Präsident der Vereinigten Staaten seinen Rücktritt für den folgenden Tag an. Er kam damit einem Amtsenthebungsverfahren des Kongresses zuvor - und hinterließ ein Weißes Haus, dessen Ansehen und Glaubwürdigkeit in Trümmern lag.

Die „Mutter“ aller politischen Affären

Mehr als 250 Bücher und mindestens 2400 Artikel wurden zum Watergate-Skandal verfaßt, dazu ein halbes Dutzend Filme gedreht. Der Watergate-Affäre ist die „Mutter“ aller politischen Affären der vergangenen drei Jahrzehnte in aller Welt, wofür das an unzählige Wortstämme angehängte Suffix „-gate“ der sprechende Beweis ist. Und „Deep Throat“ war die „Mutter“ aller anonymen Quellen.

W. Mark Felts Karriere ging sogar noch vor der Nixons zu Ende, der sich mit der ihm eigenen Zähigkeit und Verbissenheit fast zwei Jahre lang gegen einen wachsenden Berg von Beweisen stemmte. Im April 1973 hatte Felt abermals gehofft, an die Spitze des FBI berufen zu werden, doch er wurde abermals übergangen und an seiner Stelle William Ruckelshaus berufen. Im Juni 1973 ging er in den Ruhestand. Ohne Felts kryptische Hinweise - „Folgt der Spur des Geldes!“, riet er Bernstein und Woodward immer wieder - und ohne seine klaren Informationen wäre der Watergate-Skandal vielleicht nicht ans Licht gekommen.

Impulsiv und rüde

In ihrem Buch über den Skandal mit dem Titel „All the President's Men“ beschrieben Bernstein und Woodward „Deep Throat“ als eine impulsive und mitunter rüde Person, die manchmal zuviel trank und selten Herr über ihre Gefühle war. Bernstein und Woodward sowie ihr Redakteur Bradlee hatten gelobt, die Identität ihres anonymen Informanten bis zu dessen Tod nicht zu enthüllen.

Doch nach dem öffentlichen Geständnis von Felt selbst bestätigten auch sie, daß kein geringerer als der stellvertretende FBI-Direktor damals ihre wichtigste und ergiebigste Quelle war.

Das Motiv?

Ein Motiv für das späte „Coming Out“ Felts könnte sei, daß Bernstein und Woodward vor zwei Jahren ihre Rechercheunterlagen, die sich während des Watergate-Skandals angesammelt hatten, für die hübsche Summe von fünf Millionen Dollar an die Universität von Texas verkauft haben.

Möglicherweise wären Forscher bei der Durchsicht der Akten ohnedies bald auf Felt als einzig möglicher Person hinter „Deep Throat“ gestoßen. Vielleicht auch will der betagte FBI-Vizechef mit einem jetzt wohl unvermeidlichen Buch oder Film seinen späten Ruhm zugunsten seiner Kinder und Kindeskinder ein wenig vergolden - so wie es auch Bernstein und vor allem Woodward vergönnt war.

Held oder Verräter?

Ist Felt nun als Held zu feiern, der die Tentakeln der Macht aus den dunklen Kellerräumen des Weißen Hauses, der Ministerien und des FBI ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren und mithin Amerika „von einer schrecklichen Ungerechtigkeit zu erretten“ half, wie seine Familie am Dienstag verkündete?

Oder ist und bleibt er ein Verräter, „eine Schlange, die aus bösartigen Motiven und wegen ihres gekränkten Ehrgeizes“ an die Presse statt zur Justiz ging, wie Nixons einstiger Redenschreiber Pat Buchan sagte? Ob Held oder Schlange, Felt hat Weltgeschichte schreiben helfen. Und nach mehr als 30 Jahren steht er endlich im Rampenlicht.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, REUTERS

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