Jessica Schwarz

Die Redselige

Von Sascha Lehnartz

20. Februar 2006 Den Start ins neue Jahr hatte sich Jessica Schwarz anders vorgestellt: Es begann mit einem Tanzunfall. Gerade drei Tage zuvor war sie in Guatemala angekommen. Mit ihrem Verlobten, dem „Good-Bye Lenin“-Star Daniel Brühl, hatte sich die Schauspielerin eigentlich vorgenommen, mit dem Rucksack durch Guatemala und Belize zu reisen. Doch dann fielen die Neujahrsfeierlichkeiten ein wenig zu schwungvoll aus, und sie brach sich das Sprunggelenk. Gleich zweimal.

„Antigua ist eine sehr schöne alte Stadt mit sehr unebenem Kopfsteinpflaster. Wenn man sich da am 1. Januar ausgelassen in wogenden Salsa-Schritten durch die Straßen bewegt, kann das schon mal passieren“, erzählt sie mit leicht gequältem Lächeln. Jetzt habe sie zwei dicke Narben, die aussähen wie aufgemalt. Jessica Schwarz hat eine gewisse Neigung zum Verunglücken: Als Kind steckte sie einst bei voller Fahrt die Füße in die Fahrradspeichen, um zu gucken, was passiert. Danach fehlten ihr zwei Vorderzähne. Bei Dreharbeiten zu einer Theaterkanalproduktion von Wedekinds „Lulu“ zog sie sich im vergangenen Sommer an dem nun gebrochenen Knöchel bereits einen Kapselriß zu. Und das Resultat des Tanzunfalls war, daß der Mittelamerika-Urlaub beendet war, bevor er so recht begonnen hatte. Noch drei Wochen wird sie an Krücken laufen müssen, eine Filmrolle hat sie wegen des Gipsfußes abgesagt.

Ansonsten läuft es gut

Doch davon abgesehen läuft es für Jessica Schwarz zur Zeit ganz gut. Die Lulu-Inszenierung von Regisseur Uwe Janson wird Ende März auf Arte ausgestrahlt. Vergangene Woche kamen „Die wilden Hühner“ ins Kino, in der sie die Lehrerin Frau Rose spielt. Und auf der Berlinale hatte „Der Rote Kakadu“ Premiere, in dem sie in der weiblichen Hauptrolle zu sehen ist (siehe auch: Dominik Grafs Film „Der Rote Kakadu“ auf der Berlinale).

Unter der Regie von Dominik Graf spielt sie im „Roten Kakadu“ die junge idealistische Dichterin Luise. Ort der Handlung ist Dresden, kurz vor dem Mauerbau. Das Drehbuch stammt von Karin Äström und Michael Klier und trägt autobiographische Züge. Klier war Anfang der Sechziger selbst in Dresden Theatermaler, wie Siggi, der männliche Held des Films, der sich in die verheiratete Luise verliebt. Die Figur der Luise ist der Autorin Brigitte Reimann nachempfunden, die an Kinderlähmung litt und daher gehbehindert war. Luises Humpeln im Film spielt darauf an.

Kein Draht zur DDR

„Ich hatte überhaupt keinen Draht zur DDR. Ich mußte mir das alles anlesen“, sagt Jessica Schwarz, die in Michelstadt im Odenwald geboren ist. Als die Mauer fiel, war sie zwölf Jahre alt und mit Dingen beschäftigt, die für zwölfjährige Mädchen eben wichtiger sind als Weltpolitik. Vor einer Weile konnte sie das noch einmal nachlesen. Da war sie Trauzeugin für eine Freundin, der sie zur Hochzeit eine alte Tagebuchseite aus gemeinsamen Jugendtagen schenkte: „Da stand dann im Dezember 1989 auf einer ganzen Seite alles über meine Freundin und mich, was ich über sie denke und wie sehr ich sie liebe, und ganz unten stand dann noch: ,Und übrigens die Mauer ist jetzt offen, und alle dürfen in die DDR. Das wollte ich nicht vergessen.' Aber das war dann auch alles an Wahrnehmung.“

Regisseur Dominik Graf legte der Westdeutschen zur Vorbereitung auf ihre Rolle daher besonders die Texte von Brigitte Reimann ans Herz. Das Tagebuch „Ich bedaure nichts“ habe sie sehr beeindruckt, erzählt Jessica Schwarz. Eine leidenschaftliche Person sei die Reimann gewesen, „die zwischen zwei Männern stand und trotzdem mit beiden Beinen auf der Erde. Wesentlich durchgeknallter noch als Luise“.

Man kann nicht mitreden

Die Dreharbeiten für den Film, dessen Mittelpunkt ein legendäres Dresdner Tanzlokal ist, in dem sich die Rock 'n' Roll-rebellische Jugend vergnügte, seien für sie eine Art Nachhilfekursus in erlebter Geschichte gewesen. „Etliche der Schauspieler stammten aus der DDR, und wenn die am Set darüber gesprochen haben, war klar, daß man da nicht mitreden konnte, eben weil man ganz viel nicht wußte.“

Jessica Schwarz ist dankbar, daß ihr die Arbeit an dem Film „so ein Stück Geschichte mitgegeben hat, ohne daß jemand sagte: ,So war es.' Aber man hat einfach ein Zeitgefühl bekommen“. Man habe ja doch den Eindruck, die längst abgerissene Mauer stehe immer noch imaginär im Raum, sagt sie, vielleicht könne so ein Film mit kleinen Geschichten da etwas vermitteln. „Der Nachholbedarf müßte ja eigentlich dasein“, meint die Achtundzwanzigjährige.

„Wahnsinniges“ Interesse für Politik

Heute gehe es schließlich im Prinzip um ähnliche Dinge wie in Dresden anno 1961: Zivilcourage, das Miteinander. „Gerade seit dem 11. September“, sagt Jessica Schwarz, interessiere sie sich „wahnsinnig“ für Politik. „Und mich macht das alles gerade wahnsinnig nervös - so wie es viele andere eben auch nervös macht.“ Im Film ist „das Politische“ allerdings noch überschaubarer: Der Bezugsrahmen ist die DDR vor dem Mauerbau, in der die Partei den Rock 'n' Roll durch eine Art Russen-Swing ersetzen will und die Stasi den Idealisten und Rebellen langsam, aber sicher die Luft zum Atmen nimmt.

„Natürlich hat man heute dagegen manchmal das Gefühl, alles ist ein bißchen platt“, findet die Schauspielerin. „Man könnte an so vielen verschiedenen Fronten kämpfen, sei es der Regenwald, gegen die Beschneidung von Frauen in Afrika oder für muslimische Frauen - was weiß ich, aber durch die Informationsflut ist es viel schwieriger geworden, alles aufzusaugen. Und dadurch ist man auch ein bißchen gelähmt. Dabei müßte man eigentlich für und gegen alles auf die Straße gehen.“

Helfen in der Nische

Jessica Schwarz überwindet die Lähmung, indem sie sich das Machbare vornimmt: Sie hat die Patenschaft für ein Mädchen in Paraguay übernommen und engagiert sich für eine Initiative, die sich für die Erforschung der seltenen Krankheit Duchenne Muskeldystrophie (DMD) einsetzt. Von der bislang unheilbaren Muskelerschlaffung ist das Kind einer Familie aus ihrer Heimatstadt betroffen. „Es sind nur kleine Sachen, die ich machen kann, aber wenn dann am nächsten Tag mehr Klicks auf der Internetseite von ,Benni und co' sind, dann denk' ich: Toll, es hat doch etwas gebracht. Vielleicht hat ja jemand einen Euro gespendet.“ Wenn Jessica Schwarz das erzählt, klingt es angenehmerweise überhaupt nicht aufgesetzt, sondern einfach normal, nach einer jungen Frau, die sich freut, eine Nische gefunden zu haben, wo sie für andere etwas tun kann.

Über eine eigene poetische Ader verfügt die Dichterinnendarstellerin übrigens nicht. Gedichte habe sie nicht einmal als Teenie geschrieben, erzählt sie, allerdings sei sie eine „leidenschaftliche Briefeschreiberin“ gewesen. „Durch meine gesamte Model-Zeit, bis ich zwanzig war, habe ich immer sehr lange Briefe geschrieben.“

Nicht mehr nur schön sein

Für eine Frau ihres Alters klingt der Satz von der „Model-Zeit“ etwas seltsam historisierend, aber es ist nun mal so, daß Jessica Schwarz schon eine ganze Karriere hinter sich hat. Im Alter von 16 Jahren gewann sie die „Bravo-Girl“- Wahl, eine Auszeichnung, die nachvollziehbar wird, wenn man sie aus der Nähe betrachtet, denn ihre Augen sind so blau, als hätte Yves Klein die Farbe ausgesucht. Sie begann daraufhin eine Model-Laufbahn, die sie aus Michelstadt via München in die große, weite Welt führte. 1999 hatte sie dann vom Nur-schön-Sein die Nase voll und gab das Modeln auf.

Sie ergatterte erste kleinere Fernsehrollen und etablierte sich als Moderatorin beim Musiksender Viva. Eine konsequente Weiterentwicklung, denn sie verfügt über das Talent, ohne Punkt und Komma reden zu können und trotzdem so zu klingen, als habe sie vorher nachgedacht. Als Schauspielerin gelang ihr der Durchbruch 2001 in Benjamin Quabecks Film „Nichts bereuen“, in dem sie an der Seite von Daniel Brühl spielt. Seither sind die beiden ein Paar. Im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg haben sie sich vor kurzem eine Eigentumswohnung zugelegt. Eine gewisse Heimatverbundenheit hat sie sich allerdings bewahrt. Ihre Eltern besitzen in Michelstadt eine Brauerei, die Schwester lebt immer noch dort, und am Tag vor Weihnachten kann man die Schauspielerin unter Umständen in ihrer alten Disco „Venus“ treffen.

„Meine Familie hat mich lange Zeit überhaupt nicht verstanden, und ich habe sie nicht verstanden“, erzählt sie. Eine Weile hegte sie sogar den klassischen Zweifel unverstandener Teenies, sie sei vielleicht nur adoptiert. Inzwischen steht sie ihrer Familie aber wieder sehr nah, und gelegentlich befällt sie das Gefühl, von vielen Dingen, die wichtig sind - der Familie eben -, weit weg zu sein. Gerade das zieht sie dann gefühlsmäßig wieder zurück in die Heimat. Manchmal sitze sie nun sogar da und denke: „Ach, wäre so ein Leben in Michelstadt nicht viel einfacher?“ Damals allerdings, mit 16, wollte sie „nur unbedingt raus“. Wie so manche mußte Jessica Schwarz erst mal in die Welt hinausziehen, um zu Hause anzukommen.

Das Bravo-Girl aus Michelstadt

Jessica Schwarz wurde am 5. Mai 1977 in Erbach/Michelstadt im Odenwald geboren. 1993 wurde sie zum Bravo-Girl gewählt. Sie begann eine Karriere als Model und verdingte sich dann als Viva-Moderatorin. Als Schauspielerin hatte sie ihren Durchbruch im Jahr 2001 mit dem Film „Nichts bereuen“. Inzwischen hat sie den Grimme-Preis für ihre Rolle in „Die Freunde der Freunde“ und den Bayerischen Filmpreis für „Kammerflimmern“ gewonnen.

Zur Zeit ist sie in Dominik Grafs „Der Rote Kakadu“ im Kino zu sehen. Ihrem Patenkind in Paraguay schrieb sie, ihre Hobbys seien „Reisen, Sprachen, Essen und mit Freunden kochen“. Jessica Schwarz engagiert sich für die Erforschung der Muskeldystrophie: www.abc-online.org/benniundco salz



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.02.2006, Nr. 7 / Seite 59
Bildmaterial: AP, F.A.Z.-Matthias Lüdecke, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
Mit Ronald Zehrfeld (l.) und Max Riemelt in “Der rote Kakadu“ Nach einem Tanzunfall auf Krücken Beim Bayerischen Filmpreis 2005 Im Januar 2001 ganz rechts im Kreise der Viva-Kollegen Mit Matthias Schweighöfer in “Kammerflimmern“ Vor der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2004 mit Ulrich Wickert Im Januar 2005 in München Das “Traumpaar des deutschen Kinos“? Im Februar 2004 bei “Wetten, dass...?“ Berlinale-Gast Jessica Schwarz Interview-Marathon bei der Berlinale Bayerischer Filmpreis für ihre Rolle in “Kammerflimmern“ - Kollege Tobias Mor... 2002: “New Faces Awards“ für Schwarz und Brühl Das Paar Brühl/Schwarz im Mai 2004 in Cannes Beim Dreh von “Lulu“ mit Matthias Schweighöfer Mit Daniel Brühl beim Deutschen Filmpreis 2005 Mit Regisseur Tom Tykwer 2003 erhielt sie in der Kategorie “Movie National“ den Preis “Woman of the Year“