„Sex and the City“ im Kino

Depression heute

Von Johanna Adorján

18. Mai 2008 Die Fernsehserie "Sex and the City", deren letzte Folge bei uns 2007 zu sehen war (in den Vereinigten Staaten drei Jahre zuvor), erzählte die deprimierende Geschichte von vier ledigen Frauen jenseits der dreißig, die sich zu stark schminkten und ihre Frustration über das Ausbleiben von Mr. Right (der in der Serie "Mr. Big" hieß) mit exzessivem Shopping betäubten. Weil die Dialoge pointiert und temporeich waren, wurde die Serie allgemein für fortschrittlich gehalten. Die Protagonistinnen galten als Vorreiterinnen eines neuen starken Frauentypus, ihre Einkaufsorgien als feministischer Akt - schließlich war es ihr eigenes, selbst verdientes Geld, das sie da ausgaben für Schuhe, Schuhe, Schuhe. Und weil die vier dann auch noch so explizit über die Körperteile des anderen Geschlechts sprachen wie umgekehrt vielleicht Fernfahrer vor einem Puffbesuch, war man sich international ziemlich einig: Dies sei eine Serie über Frauen von heute, Manifestation eines neuen weiblichen Selbstbewusstseins.

Ein Missverständnis. Denn es war eine gut gemachte Serie darüber, wie sich homosexuelle Drehbuchschreiber Frauen vorstellen. Oder sagen wir, worüber sie sich amüsieren würden. Vielleicht war es auch einfach eine Serie über Transvestiten, in der Frauen die Hauptrollen übernahmen - die Kostüme sahen ja oft genug danach aus. Um das deutlich zu sagen: nichts gegen homosexuelle Drehbuchautoren, ganz im Gegenteil. Nur ist es einfach ein Irrtum, die von ihnen erdachten Frauenfiguren für realistisch zu halten.

„Achtung! Sehr, sehr langweilig!“

Jetzt gibt es den Irrtum auch als Kinofilm. "Sex and the City" heißt er, ein passenderer Titel wäre "Heiratet-er-mich-oder-nicht in Zeiten des zusammenbrechenden Immobilienmarkts" gewesen. Oder auch "Achtung! Sehr, sehr langweilig!". Nun sind die vier Protagonistinnen halt vier Jahre älter, haben mittlerweile die Schallmauer der vierzig durchbrochen (dass es sich dabei um eine Schallmauer handelt, entnehme ich dem Film), aber sie haben sich nicht nennenswert weiterentwickelt. Vor allem die Hauptfigur nicht, Carrie Bradshaw (Sarah Jessica Parker), eine Journalistin und erfolgreiche Buchautorin, die die Erzählstimme für die Serie und auch den Film liefert. Und immer noch ledig ist!

Um ihren Gemütszustand zu erfassen, genügt ein Blick auf ihre Garderobe. Um an einem Frühlingstag eine New Yorker Straße entlangzuspazieren, greift sie zu einem weißen, hautengen, schulterfreien Kleid mit einer applizierten Blüte, die so groß ist, dass Carrie sich bei Gefahr (beispielsweise einem in diesem Kleid ja nie auszuschließenden Angriff eines Kolibrischwarms) mühelos dahinter verstecken könnte. Zum Einkaufen im Supermarkt trägt sie eine Art Reiterkostüm, zu dem ein schwarzer Hut gehört. (Lustigerweise begleitet sie in dieser Szene ihre Freundin Miranda, die sich wegen Halloween oder Kinderfasching einen spitzen Hexenhut aufgesetzt hat, und würde dies nicht im Dialog thematisiert, es wäre unmöglich zu sagen, wer von beiden die Verkleidete ist.) Und in der modisch vielleicht verzweifeltsten Szene sehen wir Carrie in einer Silvesternacht durchs verschneite Manhattan laufen: silbernes Paillettenmützchen, Pelzmantel über einer Art Seidenpyjama, dazu weiße knöchelhohe Stilettos. Um sie herum sehen die Leute aus wie Leute - sie dagegen: wie irgendetwas, das aus einem Kanarienvogelkäfig entkommen ist. Dass das Publikum in Berlin, das den Film am Donnerstag noch vor der amerikanischen Premiere zu sehen bekam, an dieser Stelle die Fassung bewahren konnte, muss daran gelegen haben, dass der Film sich bis zu dieser Szene schon sehr lange hingezogen hatte und man einfach müde war.

Die Handlung, für Kenner der Serie wenig überraschend: Carrie Bradshaw möchte geheiratet werden. Seit nunmehr zehn Jahren ist sie offenbar mehr oder weniger fest mit dem dunkelhaarigen, breitschultrigen "Mr. Big" liiert, und am Anfang des Films sieht es so aus, als würden die Hochzeitsglocken wirklich bald läuten, als wäre da bald ein Ring an ihrem Finger, als wäre sie bald verliebtverlobtverheiratet, endlich, das Warten hätte ein Ende, es wäre geschafft, sie unter der Haube. Aber dann... Und dann aber...!

Verwicklungen schwer verständlich

Wegen zahlreicher Verwicklungen dauert das alles länger, als man denken sollte, viele sind für Europäer nur schwer nachvollziehbar. Wenn ein Mann fünf Minuten vor der Eheschließung Panik bekommt und mal eben kurz verschwindet, um dann aber nach weiteren fünf Minuten doch wiederzukommen: gilt das nach amerikanischen Dating-Regeln als Schlussmachen? Carrie jedenfalls reagiert so. Oder wenn ein Mann seine Ehefrau ein Mal betrügt, ein einziges Mal, ein einziger Fehltritt (in diesem Fall geht es um Miranda und ihren Mann) - ist das für Amerikaner wirklich so ein Riesendrama, dass man sich trotz Kind auf der Stelle trennt, um sich zuletzt über eine langwierige Ehetherapie wieder anzunähern, nachdem man mehrere Jahreszeitenwechsel nicht miteinander gesprochen hat? Es wirkt übertrieben, ist aber offenbar nicht komisch gemeint - also sind das vielleicht wirklich einfach nationale Unterschiede? Und dieses ganze Wie-es-sich-gehört: Am Valentinstag hat man eine Karte zu bekommen, die Hochzeit ("the big day") gehört mit dem Wedding Planner geplant, der Mann muss anrufen, der Mann muss noch mal anrufen, der Mann muss so lange anrufen, bis die Frau ihn erhört.

Während Carrie jedenfalls einige Aufs und Abs mit ihrem "Mr. Big" durchlebt und Miranda mit der Untreue ihres Mannes zu kämpfen hat, erlebt Charlotte dies und Samantha jenes, alles soll ja auch nicht verraten werden, muss auch gar nicht: Man weiß es eh, wenn man die Serie kennt.

War es in den späten neunziger Jahren - und bei uns ja erst ab 2001 - wirklich so sensationell neu, im Fernsehen Frauen zu sehen, die über Sex sprachen? Frauen zu sehen, die sich teure Schuhe kauften, damit die teuren Schuhe, die sie schon in ihren Schränken stehen hatten, nicht so alleine wären? Frauen über dreißig, die nicht auf den Mund gefallen waren? War das alles nicht immer schon bieder, spießig, konventionell - und hoffnungslos deprimierend? Erfolgreiche Frauen, die auf den Traummann warten, der ihrem Leben dann endlich einen Sinn gäbe? Die sich benahmen und anzogen wie Anfangzwanzigjährige und wirkten wie Endedreißigjährige, die sich benahmen und anzogen wie Anfangzwanzigjährige? Warum fand man das amüsant? Die Frauen stark? Weil sie lästerten?

Wahrscheinlich sollte man das Ganze nicht zu ernst nehmen, es ist Unterhaltung - als solche aber taugt der Film auch nicht viel. Die witzigste Szene soll eine sein, in der eine der Frauen erst lautstarke Verdauungsprobleme hat und sich dann in die Hose macht. Der Fairness halber sei erwähnt, dass darüber im Kinosaal laut gelacht wurde. Erleichtert vielleicht auch: Es wurde gelacht.

Hunderte Schaulustige waren zum Potsdamer Platz gekommen, wo die Premiere stattfand. Frauen jeden Alters unter vierzig, die einmal ihre Heldinnen in echt sehen wollten, die vier Hauptdarstellerinnen, die angereist waren, um über den roten Teppich im Sony Center zu laufen. Als überraschend Eintrittskarten verlost wurden, fielen die Gewinnerinnen fast um vor Glück. "Sex and the City", diese Werbung für Materialismus, Benimmregeln und Eheglück scheint vielen wirklich etwas zu bedeuten. Aber was?

Um doch noch etwas Positives zu sagen: Bei Mercedes, Manolo Blahnik, Prada, Louis Vuitton, Vivienne Westwood, "Vogue", Chanel, Motorola, Christian Dior und Starbucks, um nur ein paar zu nennen, wird man sich über den "Sex and the City"-Film sehr freuen.

Ab 29. Mai im Kino



Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, dpa

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