Oscar-Verleihung 2009

Hollywood, wie es singt und tanzt

Von Michael Althen

Die Favoritin siegt: Kate Winslet als beste Schauspielerin

Die Favoritin siegt: Kate Winslet als beste Schauspielerin

23. Februar 2009 Die Oscars sind ein Spiel - und also muss man sie so ernst wie möglich nehmen, wenn man daran Spaß haben will. Man kann sich an der Kleiderordnung auf dem roten Teppich erfreuen, an den Gags des Moderators, an den Zusammenschnitten aus der Filmgeschichte, an der Spannung beim Öffnen der Umschläge, an den Dankesreden - oder an den eigenen Wetten auf den Ausgang dieses Spiels, das immer wieder Überraschungen bereit hält. In Amerika ist das ein verbreiteter Sport, auf die Oscargewinner zu setzen, weil dort die Verleihung zur besten Sendezeit läuft - bei uns muss man sich schon die Nacht um die Ohren schlagen, wenn man mitfiebern will.

Aber weil die Wege der Academy gelegentlich unergründlich sind und immer wieder spannende Duelle zustande kommen - Sean Penn oder Mickey Rourke? Kate Winslet oder Meryl Streep? -, wird auch hierzulande immer häufiger auf den Ausgang des Abends gewettet. Das befeuert die Sache enorm und lässt vergessen, dass bei dieser Leistungsschau Hollywoods, bei der hin und wieder auch andere Länder ausstellen dürfen, natürlich nicht die Besten der Besten gekrönt werden, sondern jene Kandidaten, die den Vorlieben einer Schar von gut fünftausend Stimmberechtigten am nächsten kommen. Manchmal sind das tatsächlich die besten, manchmal nicht.

Eine Energie aus der Gosse

Acht Oscars für „Slumdog Millionaire“, das klingt im Nachhinein so, als konnte es gar nicht anders kommen. Dabei bringt der Film erstmal nicht viel mit, was ihn zum natürlichen Oscar-Favoriten machen würde. Ein britischer Film mit bescheidenem Budget und unbekannten indischen Schauspielern aus den Slums von Mumbai, der streckenweise auch noch untertitelt ist. Dass dieser Film bei den Oscars mal einen Durchmarsch hinlegen könnte, daran hätte bei seiner Entstehung wohl niemand auch nur im Entferntesten gedacht (siehe: Indien nach dem Oscarsegen für „Slumdog Millionaire“, siehe auch: Slumdog Millionaire: Britisches Produkt, indisches Problem). Aber plötzlich war „Slumdog Millionaire“ der richtige Film zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Und tatsächlich: Wenn man den großen Sieger mit den anderen Kandidaten vergleicht, dann ist da eine Energie am Werk, die sich nicht nur von großen Biographien oder bedeutenden Stoffen nährt, sondern sie buchstäblich in der Gosse findet. Und bei „Slumdog Millionaire“ hat man tatsächlich den Eindruck, dass nicht nur auf der Bühne das Teamwork beschworen wurde, sondern dass es Regisseur Danny Boyle wirklich verstanden hat, alle auf dieses Projekt einzuschwören. Die Kamera von Anthony Dod Mantle fängt die Farbigkeit der Slums ein, der Schnitt das Pulsieren, ohne dass es wie Folklore wirkt. Und auch wenn die Geschichte des Jungen, dessen Leben die Antworten für seinen Sieg bei „Wer wird Millionär?“ schreibt, ein Märchen ist, so hat der Film mit Bollywood nicht viel gemein. Nur am Ende gönnt sich Boyle eine augenzwinkernde Verbeugung vor dem Hang des indischen Kinos, alle halblang in Tanz und Gesang auszubrechen.

Mit Musical-Nummern gegen sinkende Quoten

In diesem Punkt traf er sich mit der diesjährigen Oscar-Zeremonie, die ganz im Zeichen der Musik stand - und zwar im Stile der Musicalnummern klassischer Prägung. Dafür wurde Hugh Jackman gewonnen, der zwar mit weniger Gags durch den Abend führte als manche seiner Vorgänger, aber dafür seine Nummern mit jener Präsenz ausfüllte, für die er sonst als „sexiest man alive“ gepriesen wird. Für seine Eröffnungsnummer holte er Anne Hathaway aus dem Publikum, später sang er ein Medley mit Beyoncé Knowles, das Baz Luhrman choreographiert hatte, aber ob ausgerechnet Musical-Nummern die sinkenden Quoten aufhalten werden, mag bezweifelt werden. Andererseits ist Tradition etwas, womit die Oscars gerne wuchern, und so hat man sich eine schöne Neuerung ausgedacht und die Nominierten der vier Schauspiel-Kategorien diesmal von früheren Preisträgern vorstellen lassen. Als dann Sofia Loren ein Loblied auf Meryl Streep sang oder Robert De Niro seinen Freund Sean Penn ehrte, ergaben sich nochmal ganz neue emotionale Rückkoppelungen mit der Filmgeschichte.

Die Show bemühte sich also zu zeigen, dass die Produktion weder Kosten noch Mühen gescheut hat, und was das bedeutet, konnte man in einem Vorbericht sehen, in dem Innenarchtekt David Rockwell erklärte, dass das Muster auf dem Bühnenboden Michelangelos Entwurf für den Kapitolsplatz nachempfunden sei und der Bühnenvorhang aus Hunderttausend geschliffenen Kristallen besteht. So gesehen war die Inszenierung ganz alte Schule, bei der Hollywood zeigt, was es sich alles leisten kann - und auch deswegen war der Sieg von „Slumdog Millionaire“ so interessant, weil er wie ein frischer Wind aus einer Weltgegend wirkte, von der Hollywood sonst Lichtjahre entfernt ist.

So ähnlich stellte es auch der einzige deutsche Oscargewinner Jochen Alexander Freydank dar, der jenseits der Mauer groß wurde und von Hollywood noch nicht einmal träumen konnte. Aber nun hatte er für seinen Kurzfilm „Spielzeugland“ gewonnen - und die hiesige Branche darüber hinweggetröstet, dass Uli Edel mit seinem Terror-Drama „Baader Meinhof Komplex“ und Werner Herzog mit seiner Dokumentation „Encounters at the End of the World“ leer ausgegangen waren.

Strahlende Sieger: Sean Penn und die Damen Kate Winslet (l.) und Penélope Cruz
Strahlende Sieger: Sean Penn und die Damen Kate Winslet (l.) und Penélope Cruz

Die Preisträger

Bester Film: „Slumdog Millionaire“(siehe: Indien nach dem Oscarsegen für „Slumdog Millionaire“)
Hauptdarstellerin: Kate Winslet, „Der Vorleser“(siehe: „Little Soldier“ und „Der Vorleser“: Aus dem Brunnen der Vergangenheit)
Hauptdarsteller: Sean Penn, „Milk“ (siehe: Video-Filmkritik: „Milk“)
Nebendarstellerin: Penélope Cruz, „Vicky Cristina Barcelona“ (siehe: Video-Filmkritik: „Vicky Cristina Barcelona“ )
Nebendarsteller:
Heath Ledger, „The Dark Knight“ (siehe: Video-Filmkritik: „The Dark Knight“)
Regie: Danny Boyle, „Slumdog Millionaire“
Nicht-englischsprachiger Film: „Departures“ (Japan)
Adaptiertes Drehbuch: Simon Beaufoy, „Slumdog Millionaire“
Original-Drehbuch: Dustin Lance Black, „Milk“
Kamera: Anthony Dod Mantle, „Slumdog Millionaire“
Schnitt: Chris Dickens, „Slumdog Millionaire“
Ausstattung: Donald Graham Burt und Victor J. Zolfo, „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ (siehe: Video-Filmkritik: „Der seltsame Fall des Benjamin Button“)
Kostümdesign: Michael O'Connor, „Die Herzogin“
Ton: Ian Tapp, Richard Pryke und Resul Pookutty, „Slumdog Millionaire“
Ton-Schnitt: Richard King, „The Dark Knight“
Make-Up: Greg Cannom, „Der seltsame Fall des Benjamin Button“
Spezial-Effekte: Eric Barba, Steve Preeg, Burt Dalton und Craig Barron, „Der seltsame Fall des Benjamin Button“
Filmmusik: A.R. Rahman, „Slumdog Millionaire“
Original-Song: „Jai Ho“ von A.R. Rahman und Gulzar, „Slumdog Millionaire“
Kurzfilm: Jochen Alexander Freydank, „Spielzeugland“
Animationsfilm: Andrew Stanton, Wall-E (Walt Disney) (siehe: Der neue Pixar-Film „Wall-E“ im Kino)
Animations-Kurzfilm: Kunio Kato, „La Maison en Petits Cubes“
Dokumentarfilm: James Marsh und Simon Chinn, „Man on Wire“
Kurz-Dokumentarfilm: Megan Mylan, „Smile Pinki“
Ehren-Oscar für das Lebenswerk: Jerry Lewis

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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