06. Februar 2005 24 ist die erfolgreichste Serie des angehenden neuen Jahrtausends, und wie keine andere lädt sie dazu ein, in ganz großen Dimensionen zu denken. Es geht in ihr um nicht weniger als den Kampf Gut gegen Böse. Die Hauptfigur, ein Agent namens Jack Bauer, gespielt von Kiefer Sutherland, sieht sich - das ist Ausgangslage jeder Staffel - mit einer drohenden Apokalypse konfrontiert (Atombombe, biologische Waffen etc.) und muß die Menschheit retten, oder sagen wir gleich: erlösen. Dabei hat er viele Prüfungen zu bestehen. Die Botschaft der Serie, die in jeweils vierundzwanzig Folgen Stunde um Stunde eines einzigen, ereignisreichen Tages erzählt, ist dieselbe wie die der Bibel: Das Gute siegt, aber zu welchem Preis.
Es ist die Serie unserer Zeit. Die erste Staffel wurde wegen der Anschläge vom 11. September damals, im Jahr 2001, verschoben, weil die Bezüge zur Wirklichkeit zu groß waren. (Eine Szene mit einer explodierenden Boeing 747 wurde nachträglich wieder herausgeschnitten.) Seither ist die Welt nicht eben besser geworden, Angst bestimmt weltweit Innen- und Außenpolitik. Da ist die Sehnsucht nach einer übersichtlichen Aufteilung in Gut und Böse natürlich groß. Und nach neuen Helden.
Gnadenlos, aber mit Moral
War James Bond der fiktive Held des Kalten Kriegs, so ist heute Jack Bauer der fiktive Held des Kriegs gegen den Terror. Er ist gnadenlos, aber mit Moral; er bringt Menschen um, aber nur, wenn es wirklich sein muß (und dann muß es aber auch wirklich sein); er befolgt Befehle, aber nur, wenn er sie für sinnvoll hält. Jack Bauer ist ein Einzelkämpfer im Dienst einer guten Sache. Das wichtigste ist ihm seine Familie. Für sie würde er sein Leben geben, sein Land verraten, seinen Job verlieren. Aus dem nonchalanten Liebhaber der Frauen, James Bond, ist ein anständiger Familienvater geworden, und Werte wie Treue, Ehre und Moral sind an die Stelle eines gut geschüttelten Martinis getreten.
Wo bleibt die Eleganz, kann man fragen, wo der Charme, das Augenzwinkern? Jack Bauer ist ja eher der Antiheld - jung, aber schon gebeugt von den schlimmen Dingen, die er gesehen hat, er trägt Jeans und eine zerknautschte Jacke, und er lächelt nie. Seine Stärken liegen im Inneren - es ist der feste Glaube an das Gute, an die Gerechtigkeit und an einen Sinn, für den es sich sogar zu sterben lohnt.
Natürlich ist 24 trotzdem nicht das Wort zum Sonntag. Sonst hätte es wohl kaum eine solche Sogwirkung auf seine Zuschauer. Erstens einmal setzt diese Serie Cliffhanger so virtuos ein, wie man es bisher noch nie gesehen hat. Es gibt keinen Leerlauf, keine Phasen der Entspannung. Mehrere Handlungsstränge laufen gleichzeitig ab, für den Zuschauer manchmal durch die Technik des split screen parallel zu sehen, und sind auf unheilvolle Weise miteinander verknüpft. Und immer tickt die Uhr und irgendwo droht gleich eine Bombe hochzugehen.
Angst verkauft sich gut
Die Fernsehserie basiert auf einem Motiv, dem man sich nur schwer entziehen kann: Angst. Sie spielt mit den Ängsten ihrer Zuschauer, baut ihre Handlung auf ihnen auf, und weil die Serie in erster Linie für den amerikanischen Markt geschrieben ist, sind islamistische Terrorzellen natürlich im Grunde keine schlechte Idee. Angst verkauft sich gut - mit diesen Worten erklärt einer der Autoren, Evan Katz, den Erfolg von 24. Genauso erklärt übrigens Michael Moore den Erfolg von George W. Bush.
24 befriedigt die menschlichen Grundbedürfnisse nach Gerechtigkeit und Ordnung auf das gründlichste. Wenn je einer aufgeräumt hat, dann ist das Jack Bauer. Und damit es bei all der Gewalt und unsichtbaren Bedrohung auch etwas gibt, das dem Zuschauer Sicherheit schenkt, enthält die Serie eine Vielzahl streng ritualisierter Versatzstücke. Wie in einem Gottesdienst, in dem von vornherein feststeht, daß nach dem Gebet das Amen kommen wird, kehren Szenen und sogar Dialoge immer wieder. Wie oft Jack Bauer, nachdem er gerade einer Gefahr entronnen ist, seine Tochter Kim umarmt, ist nicht gezählt. Dazu stets derselbe Text: Ich liebe dich, Dad. - Ich dich auch, Schätzchen. Eine andere Szene, die immer wiederkehrt: Jack Bauer hat eine gefährliche Situation gemeistert und möchte gerade gehen, da hält ihn ein Kollege auf. Jack? - Jack bleibt stehen: Was gibt es? - Kollege: Guter Job. Und wann immer jemand versagt hat und, sagen wir, von neunzig Geiseln nur neunundachtzig befreit hat, kommt folgender Dialog: Tut mir leid, ich habe mein Bestes gegeben. - Das war nicht gut genug. Was auch geschieht, welche fürchterlichen Verbrechen und Morde gerade passiert sind - auf ein paar Dinge ist eben Verlaß.
Überhaupt sind alle Wortwechsel auf das Nötigste verknappt und erinnern in ihrer Reduzierung auf das Wesentliche, den reinen Subtext, an die formelhafte, archaische Sprache, in der Gemeinde und Priester oder Pfarrer miteinander sprechen. Ja, ich will diese Frau ehren. - Führe uns nicht in Versuchung. Oder eben: Ich weiß, du willst mich töten, weil ich deine Frau getötet habe. Aber tue es nicht, denn ich kann dir helfen. Selbst Beziehungen, die so kompliziert sind, daß manch einer jahrelang in Therapie müßte, um sie aufzuarbeiten, werden hier einfach so beschrieben, wie sie sind: Die benutzen dich, weil du mein Sohn bist. - Ich wünschte, ich wäre es nicht.
Ein gottgleicher Präsident
Immer wieder geht es in dieser Serie um das Thema Vertrauen. Der Kernsatz von 24, pro Folge fällt er bestimmt zwei Mal: Du mußt mir vertrauen. Mehr kann ich dir im Moment nicht sagen. Im Grunde funktioniert das Christentum, funktioniert jede Religion nach diesem Prinzip. In 24 kann halt im Moment nicht mehr gesagt werden, weil die Zeit läuft - die tickende Uhr wird jede Viertelstunde eingeblendet -, immer ist Eile angezeigt, um eine Gefahr noch rechtzeitig zu stoppen - aber wer sagt, daß das in der Religion so anders ist.
Da versteht es sich von selbst, daß das Gute in einer solchen Serie nicht einfach nur gut ist. David Palmer, bereits erwähnter schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten, ist nahezu gottgleich. Jack Bauer, ohnehin schon das personifizierte Gute, bringt ihm soviel Ehrfurcht entgegen wie ein gläubiger Katholik dem Papst. Wann immer er mit dem Präsidenten telefoniert, scheint die Welt stillzustehen. (Häufiger Satz: Ich muß aufhören, der Präsident ist auf der anderen Leitung.) Der Präsident, der Jack Bauer zwar braucht im Kampf gegen das Böse auf der Welt, als irdischen Vertreter sozusagen, ist selbst von seiner Allmächtigkeit überzeugt: Ich bin der Präsident der Vereinigten Staaten. Hast du ernsthaft gedacht, ich würde nicht herausfinden, was du vorhast?
Das Böse in 24 symbolisiert die völlige Abwesenheit von Moral. Nihilismus. Über Nina Myers, eine Doppelagentin, die in den ersten beiden Staffeln eine dunkle Rolle spielt (unter anderem tötet sie die Frau von Jack Bauer) - heißt es einmal: Du bist schlimmer als ein Verräter. Dir geht es um nichts. Du glaubst an nichts.
Sogar eine Art Allerheiligstes gibt es in der Serie: Die Zentrale der Antiterroreinheit CTU (Counter-Terrorist Unit). Hier dürfen nur Eingeweihte herein, hier ist der innere Kern, hier wird jeden Mittwoch auf RTL 2 über das Schicksal der Menschheit verhandelt.
Mittwoch ist der neue Sonntag.
24 läuft mittwochs um 22.10 Uhr auf RTL 2. Die ersten drei Staffeln gibt es bereits auf DVD, die vierte kommt hoffentlich bald
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 6. Februar 2005
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