Medien

Für die Wahrheit in den Tod?

Von Stefan Niggemeier

Verantwortlich für das Massaker: General Dostum

Verantwortlich für das Massaker: General Dostum

15. November 2004 Womöglich muß man hoffen, daß der afghanische General Abdul Raschid Dostum seiner Gewohnheit treu bleibt, seine Feinde erst drei Wochen lang zu foltern, bevor er sie umbringen läßt. Dann nämlich gibt es Hoffnung, daß der Journalist Najibullah Quraishi und der Kameramann Aslamuddin Mael noch leben.

Quraishi ist vor fast zwei Wochen nach Afghanistan eingereist, um nach weiteren Spuren eines Massakers zu suchen, das im November 2001 im Norden Afghanistans in der Wüste Dascht-i-Leili stattgefunden hat. Damals kamen mehrere tausend Taliban ums Leben, die sich Tage zuvor im Glauben an das Kriegsvölkerrecht und gegen das Versprechen einer fairen Behandlung ergeben hatten. Verantwortlich für den Tod und das oft grauenvolle Sterben der vielen Gefangenen waren Soldaten von General Dostum. Dostum war der Hauptverbündete der Amerikaner im Krieg gegen die Taliban und ist heute stellvertretender Verteidigungsminister Afghanistans. Allein das bringt jeden Journalisten, der in dieser Sache recherchieren will, in tödliche Gefahr, doch der Fall ist noch brisanter: Nach übereinstimmenden Berichten vieler Augenzeugen geschah das Massaker unter den Augen und mit der Billigung amerikanischer Soldaten.

Haben die Amerikaner zugesehen?

Es mangelt - vor allem dank Quraishis Recherchen - nicht an Indizien und Aussagen von Beteiligten und Zeugen. Vor zwei Jahren schilderte der britische Dokumentarfilmer Jamie Doran, der unter anderem im Auftrag des NDR vor Ort war, in dem Film "Das Massaker in Afghanistan - haben die Amerikaner zugesehen?" das Schicksal der 8000 Männer, die sich bei Kunduz ergeben hatten. Nur gut 3000 von ihnen, möglicherweise noch weniger, kamen im Gefängnis von Scheberghan an.

Viele der anderen starben auf grausamste Weise: Sie erstickten in Lkw-Containern, in die sie die Soldaten der Nordallianz zu Hunderten zusammengepfercht hatten. Sie starben, als die Soldaten wahllos auf die Container zielten, um Luftlöcher in die Metallwände zu schießen. Sie verdursteten, als die Container tagelang in der Wüste standen. Sie starben, als die Gefangenen sich gegenseitig bissen, um vom Blut der anderen zu leben. Andere überlebten auf unvorstellbare Weise, erreichten ohnmächtig oder schwer verletzt das überfüllte Gefängnis in der Festung Scheberghan und wurden dann mit den Leichen wieder in die Container geworfen, in die Wüste gefahren und dort erschossen.

All das ist bekannt. Bekannt ist auch der Ort, an dem die Toten verscharrt und die noch Lebenden hingerichtet wurden. Es war keine spontane Rache: Die Gräber müssen mit Bulldozern ausgehoben worden sein. Die Wüste von Dascht-i-Leili ist voll von menschlichen Überresten und Kleidungsstücken, die allmählich unter dem Sand verschwinden.
Es spricht alles dafür, daß das Massaker unter den Augen amerikanischer Spezialtruppen und Soldaten geschah, die sich an der Seite Dostums und seiner Männer aufhielten. Sie sollen immer dabeigewesen sein, beim Beladen der Container, beim Entladen, in der Wüste. Doch das amerikanische Verteidigungsministerium weigert sich, die Vorwürfe gründlich untersuchen zu lassen. Als Jamie Doran im Juni 2002 eine Vorabfassung seines Films vorstellte, damit schnell Beweise gesichert werden konnten, taten US-Kreise den Film als "von der PDS bestellt" ab. Die Recherchen von Duran und Quraishi fanden hier und da ihren Weg in die Medien, aber die ganz große Resonanz, die der Ungeheuerlichkeit der Anschuldigungen entsprechen würde, blieb aus.

Es fehlen die Bilder

Es ist klar, was fehlt: Bilder. Gäbe es Aufnahmen, die zeigen, wie amerikanische Soldaten dem Gemetzel zusehen oder es gar organisieren - das Thema würde es (ähnlich wie beim Folterskandal von Abu Ghraib, siehe unten) sofort auf die Titelseiten und in die Fernsehnachrichten schaffen. Das ist kein neuer Medienmechanismus: Der Aufschrei gegen den Vietnam-Krieg brach auch erst los, als "Life" Fotos der Opfer aus My Lai zeigte. Dabei hatte Seymour M. Hersh bereits vorher seine Recherchen über das Massaker im kleinen "Dispatch News Service" veröffentlicht - "New York Times" und "Washington Post" hatten die Veröffentlichung abgelehnt, weil ihnen "stichhaltige Beweise" fehlten.

Die bittere Ironie beim Massaker von Dascht-i-Leili ist: Es gibt diese Bilder. Es gibt ein anderthalbstündiges Video. Es soll zeigen: Dostums Soldaten, die in die Container schießen. Amerikaner, die neben denselben Containern stehen, als man die Leichen herauszieht. Massenhinrichtungen in Dascht-i-Leili. Amerikanische Soldaten, die zusehen. Amerikanische Soldaten, deren Gesichter man erkennen kann und deren Namen auf den Uniformen zu lesen sind.

Der Journalist Najibullah Quraishi hat diesen Film gesehen. Als er dabei war, ihn zu kopieren, wurde er zusammengeschlagen und entführt. Nur durch einen Zufall überlebte er. Quraishi und seine Familie wurden in Sicherheit gebracht. In Großbritannien wurde er für seinen Mut bei seiner journalistischen Arbeit mit dem renommierten "Rory Peck Award" ausgezeichnet. Doch Quraishi ist wieder nach Afghanistan gereist. Auf der Suche nach dem endgültigen Beweis dafür, daß die Vereinigten Staaten an dem Verbrechen in der Wüste von Dascht-i-Leili beteiligt waren. Er sollte unter anderem Aslamuddin Mael treffen.

Mael ist der Kameramann von Dostum - viele der Warlords in Afghanistan beschäftigen eigene Kameraleute, um ihre großen Taten festzuhalten. Nach seinen letzten Informationen, sagt Filmemacher Jamie Doran, wird Mael gerade von Dostums Soldaten gefoltert. Die Häuser von Angehörigen Maels wurden durchsucht. Einige Verwandte sind untergetaucht. Sie wurden gewarnt, daß sie getötet werden sollen.
Ein Kameramann von Dostums Stellvertreter, Commander Lal, ist schon tot. Er hatte Zugang zu Beweismaterial und wollte es verkaufen, wurde aber an der Grenze zu Usbekistan festgehalten, entführt und so schwer mißhandelt, daß er nach zwei Wochen im Krankenhaus starb. Lal selbst starb kürzlich an einer Lebensmittelvergiftung. Mehrere Augenzeugen, die Doran für seinen Film befragte, leben ebenfalls nicht mehr.

Doran sagt, die einzige Hoffnung für Quraishi und Mael sei es nun, an die Öffentlichkeit zu gehen. Er hat die deutsche, britische und afghanische Regierung eingeschaltet, die UN, Amnesty International, das Rote Kreuz. Er ist nach Kabul gereist, um dort eine Pressekonferenz zu veranstalten. Viele ausländische Journalisten sind nach dem Ende der Wahlen allerdings nicht mehr vor Ort. Man wird sehen, ob es reicht, genügend Aufmerksamkeit in der Weltöffentlichkeit zu wecken.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.10.2004, Nr. 44 / Seite 31
Bildmaterial: AP

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