„Fleisch ist mein Gemüse“

Akne schützt vor Unglück nicht

Von Edo Reents

17. April 2008 Man verlässt, nachdem man den Film, der ja nur ein Glied in der Verwertungskette von „Fleisch ist mein Gemüse“ darstellt, den Kinosaal mit einem ganz guten Eindruck: Das hätte weißgott schlimmer kommen können. Heinz Strunk kann zufrieden sein, und nach allem, was man von ihm dazu gehört hat, ist er das auch. Von Anfang an war ihm daran gelegen gewesen, dass die Sache nicht zu klamottig wird, am Ende noch Comedy.

Und wenn man ihn kürzlich mit seinen beiden Kumpanen von Studio Braun, Rocko Schamoni und Jacques Palminger, in der NDR-Talkshow erlebt hat, dann muss man sagen, dass diese Sorge nur zu begreiflich war: Das Gespräch kam auf Strunks Akne, die in dem Roman eine gewisse Rolle spielt, und das brachte die Moderatorin Barbara Schöneberger auf die Idee, in einem Anfall herzloser Gönnerhaftigkeit die gleichfalls anwesende, attraktive neue Tagesschau-Sprecherin Judith Rakers zu fragen, welchen von den Dreien sie denn wohl nehmen würde, wenn sie müsste.

Darauf ließ sich die Sprecherin aber nicht richtig ein. Dies wäre an sich nicht der Rede wert, ginge daraus nicht hervor, wie berechtigt die Angst des Künstlers vor dem Missverständnis ist. Auch Strunk kann es ja nicht verhindern, dass bei seinem 2004 erschienenen, inzwischen mehr als eine Viertelmillion Mal verkauften Roman an den falschen Stellen oder auch einfach zuviel gelacht wird, und es wäre für ihn sicherlich ein Leichtes gewesen, sich ein Mitspracherecht am Drehbuch zu sichern.

Heinz (Maxim Mehmet) als Saxophonist der Kapelle „Tiffanys” Das unangenehm Sprücheklopferische sauber herausgearbeitet: Andreas Schmidt a... Zwischen körperlich-sozialer Benachteiligung und jugendlichem Erlebnishunger Auch eine Art Durchbruch: Heinz Strunk Heinz Strunk und sein filmisches Alter Ego Maxim Mehmet

Die Leiden einer Dorfjugend

Er wusste es wohl auch so in guten Händen. Christian Görlitz, der Drehbuch und Regie besorgt hat, siedelt diese flachländische Coming-of-age-Geschichte, als die sich Strunks „Landjugend mit Musik“ (Romanuntertitel) präsentiert, ganz richtig dort an, wo sie im Buch auch schon ist: eben nicht im Hals der Schenkelklopfer, denen das Lachen dort angeblich immer steckenbleibt, sondern in der absoluten Zwickmühle zwischen körperlich-sozialer Benachteiligung und jugendlichem Erlebnishunger.

Die Geschichte des in Hamburg-Harburg unter Bedingungen, die man nicht anders als bedrückend nennen kann, erst zu Hause bei der Mutter vor sich hinvegetierenden, dann in die Amateurkapelle „Tiffanys“ aufgenommenen und hier sogar wegen seines Saxophonspiels bewunderten, sich in der Folge mit diesen „Muckern“, die ja ebenfalls nicht das große Los gezogen haben, von einem Schützenfest zur nächsten Silberhochzeit schleppenden, dann auch noch linkisch die Laufbahn eines Musikproduzenten einschlagenden, bei alledem unter fortwährender sexueller Frustration leidenden und, als wären das noch nicht genug Sorgen, sich zusätzlich um seine psychisch schwer angeschlagene Mutter kümmernden Heinz Strunk - diese Geschichte ist, nicht zuletzt auf Grund ihres trocken-lakonischen, anrührend-wahrhaftigen Tons, inzwischen dermaßen im kollektiven Gedächtnis des Musiker- und Literatenmilieus verankert, dass eine Verfilmung so oder so schwierig ist.

Heinz Strunk kann zufrieden sein

Görlitz löst die Sache achtbar mit flüssiger, nicht allzu klischeehafter Inszenierung und, vor allem, klug ausgewählten Darstellen. Maxim Mehmet, und das kann nur ein Lob bedeuten, gibt den Heinz Strunk ungefähr so, wie man ihn sich als Leser vorstellt; Andreas Schmidt, der schon eine bemerkenswert fiese „Tatort“-Rolle hingelegt hat, arbeitet bei der Figur des Bandleaders Gurki das unangenehm Sprücheklopferische und das musikalisch Professionelle sauber heraus; und Susanne Lothar, die wir vor allem vom Theater kennen, verkürzt den tatsächlichen Altersunterschied zu Heinzens Mutter so glaubwürdig wie verstörend. Ans Buch reicht das alles nicht heran. Aber, wie gesagt, Heinz Strunk kann zufrieden sein.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa, Universal, Universal Pict.Int.Ger./Cinetext

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche