03. März 2006 Die Regisseurin Caroline Link über die Subjektivität der Oskar-Nominierungen und die Oscar-Chancen deutscher Filme, die den Nationalsozialismus zum Thema haben.
In den vergangenen 50 Jahren waren 15 Filme aus Deutschland für den Oscar in der Kategorie Bester ausländischer Film nominiert. Elf davon hatten den Nationalsozialismus zum Thema.
Tatsächlich, ist das so?
Ja, eine auffällige Häufung. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Zweifelsohne gibt es in der amerikanischen Filmbranche und in der Academy of Motion Picture viele jüdische Mitglieder, die sich sehr für das Thema Holocaust, für den Zweiten Weltkrieg und das Schicksal der Juden in Europa interessieren. Zudem gibt es in Amerika nicht dieses Gefühl Oh, mein Gott, schon wieder! Das haben wir doch schon alles hunderttausendmal gesehen!, sondern eine große Betroffenheit und ein ehrliches Interesse an diesem Thema und dieser Zeit.
Dabei scheint es den Juroren nicht allein um eine deutsche Auseinandersetzung mit dem Thema zu gehen, wenn man etwa an die Oscar-Gewinner Das Leben ist schön von Roberto Benigni oder an Mephisto von Istvan Szabo denkt.
Viele amerikanische Filmschaffende haben ihre Wurzeln in Europa und waren daher auch zumeist mehr oder weniger selbst vom Holocaust betroffen. Und so interessieren sie sich dafür, wie in Europa mit dem Thema umgegangen wird. Für sie ist der Nationalsozialismus nach wie vor aktuell, vielleicht gerade auch deshalb, weil sie weit entfernt von Europa und ihrer eigenen Geschichte leben. Sie werden wahrscheinlich nicht so oft mit dem Thema konfrontiert wie wir Europäer. Interessanterweise erlebte ich mit meinem Film Nirgendwo in Afrika nur auf einem Filmfestival die Reaktion der Zuschauer: Wir können das Thema nicht mehr sehen. Das war in Tel Aviv. Da geht es den jungen Israelis wohl ein bißchen so wie den jungen Deutschen.
Sagt das denn etwas über die Qualität der Filme aus, die für die Kategorie Bester ausländischer Film nominiert werden?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe mich natürlich sehr über meinen Oscar gefreut und mich auch sehr geehrt gefühlt. Er steht hier in meinem Wohnzimmer, meine Tochter spielt mit ihm, und im Moment hat er einen mexikanischen Sombrero auf dem Kopf, was großartig aussieht. Auf der anderen Seite bin ich aber fest davon überzeugt, daß nicht unbedingt immer die besten Filme der Welt für den Auslands-Oscar nominiert werden. Jedes Jahr sehe ich Filme, und ich frage mich: Wieso ist der eigentlich nicht nominiert? Und umgekehrt frage ich mich genauso oft: Wieso, um Gottes willen, ist der denn nominiert? Was natürlich auch mit den einzelnen Ländern zu tun hat, die nicht unbedingt ihre besten Filme ins Oscar-Rennen schicken.
Vielleicht sind darum viele der Filme schon wieder vergessen. Kennen Sie zum Beispiel den deutschen Film Bittere Ernte von Agnieszka Holland, der im Jahr 1986 nominiert war?
Ehrlich gesagt: nein. Aber die nominierten Filme werden vielleicht schnell vergessen, während die Filme, die den Oscar tatsächlich gewinnen, meistens auch eine wesentlich größere Aufmerksamkeit bekommen.
In Deutschland gab es gerade in den vergangenen Jahren viele erfolgreiche Filme, die sich mit der DDR-Vergangenheit auseinandergesetzt haben. Dafür scheint es in Amerika wenig Interesse zu geben.
Das ist aber auch ein speziell deutsches Thema. Damit können sich die Amerikaner nicht besonders identifizieren. Ich denke, das wäre anders, wenn man zum Beispiel eine emotionale Fluchtgeschichte von eingesperrten, ihrer Freiheit beraubten DDR-Bürgern erzählen würde. Irgendwann gab's doch mal einen Film, in dem eine Familie mitsamt Kindern in einem selbstgebauten Ballon über die DDR-Grenze flüchtete, den fanden auch Amerikaner ganz toll.
Die amerikanischen Academy-Mitglieder sind also leicht zu haben?
Bei Amerikanern funktioniert immer eine gewisse Form von Humanismus im Kino. Sie mögen den Kampf für die richtige, die gute Sache, wenn es um die Gleichstellung von Behinderten oder um Menschen geht, die schlechte Ausgangschancen haben, es aber trotzdem dann zu etwas bringen und sich im Leben durchsetzen. Kurz gesagt: Eine gewisse Gesinnung feiern Amerikaner immer gerne in ihrem Kino. Vergessen darf man auch nicht, daß sich nur eine relativ kleine Gruppe innerhalb der Academy die von den einzelnen Ländern vorgeschlagenen Filme überhaupt ansieht, um dann die fünf Nominierungen für den Auslands-Oscar zu beschließen. Und diese Gruppe ist relativ alt. Wir haben Screenings gehabt, als wir mit Jenseits der Stille ins Rennen gingen, da war ich überrascht, wie hoch das Durchschnittsalter dieser Academy-Mitglieder war. Was wohl auch noch mal ein Grund sein dürfte, warum das Thema Zweiter Weltkrieg so gut ankommt.
Das hieße, es ist nicht verwunderlich, daß Jenseits der Stille, der Jahrzehnte nach 1945 spielt, keinen Oscar bekam?
Die Amerikaner haben Nirgendwo in Afrika sehr gemocht. Der Film kam bei ihnen sogar noch positiver an als bei uns. Jenseits der Stille kam in die engere Wahl für einen Oscar, weil es um handicapped people ging, die ihren Weg gehen. Dafür haben die Amerikaner stets ein großes Faible.
Meinen Sie, man könnte die Oscar-Nominierung eines deutschen Films regelrecht planen, indem man viel Geld in eine rührselige Geschichte steckt, die im Dritten Reich spielt?
Ich glaube nicht, daß man es direkt planen kann. Aber wenn man als deutscher Regisseur unbedingt einen Oscar in dieser Kategorie haben möchte, sollte man sich vielleicht doch dieses Themas annehmen.
Warum ist ein Film über zwei schwule Cowboys in diesem Jahr der große Oscar-Favorit?
Das kann man nicht vergleichen. Ich rede nur vom Auslands-Oscar. Das ist wirklich eine andere Gruppe von Academy-Mitgliedern, das sind wirklich lauter Veteranen des Hollywood-Kinos. Die jungen und hippen Filmemacher und Schauspieler, die auch in der Academy Mitglied sind, die schauen sich überhaupt nicht die ausländischen Filme an. Als ich 1998 wegen Jenseits der Stille drüben war, war ich bei vielen Partys und Festen, und alle freuten sich für mich und feierten mit mir - aber meinen Film hatte keiner von denen gesehen. Vor allen diejenigen nicht, auf deren Meinung ich besonders gespannt gewesen wäre.
Das klingt ernüchternd.
Man muß ja nicht immer hinterfragen, ob man seinen Oscar wirklich verdient hat. Wenn man sieht, welche Filme nominiert werden, und man ehrlich mit sich ist, muß man aber einfach auch zugeben können, daß oftmals sehr sentimentales Kino mit dem Auslands-Oscar ausgezeichnet wird.FRAGE:
Und was drehen Sie gerade?
Ich drehe nicht, sondern schreibe für einen amerikanischen Produzenten an der fünften Fassung meines neues Drehbuchs. Es ist ein Familiendrama und basiert auf der Romanvorlage Aftermath von Scott Campbell. Im Herbst beginnen die Dreharbeiten in Boston.
Und die Geschichte hat mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun?
Nein. Sie spielt heute.
Elfmal das Thema Nationalsozialismus
2006: Nominierung für Sophie Scholl - Die letzten Tage (Regie: Marc Rothemund). Gemeinsam mit ihrem Bruder Hans kämpft Sophie Scholl in der Widerstandsgruppe Weiße Rose gegen die nationalsozialistische Diktatur.
2005: Nominierung für Der Untergang (Regie: Oliver Hirschbiegel). Gezeigt werden die letzten Tage im Bunker des Führers Adolf Hitler in Berlin.
2003: Oscar für Nirgendwo in Afrika (Regie: Caroline Link). Die jüdische Familie Redlich flüchtet 1938 vor den Nazis nach Kenia. In dem fremden Land droht die Familie zu zerbrechen.
1998: Nominierung für Jenseits der Stille (Regie: Caroline Link). Das Mädchen Lara wächst als Tochter gehörloser Eltern auf. Als sie mit 18 ihre Familie verlassen will, um Musik zu studieren, begehrt ihr Vater dagegen auf.
1993: Nominierung für Schtonk! (Regie: Helmut Dietl). Der Film erzählt die Geschichte der - allerdings gefälschten - Hitler-Tagebücher.
1991: Nominierung für Das schreckliche Mädchen (Regie: Michael Verhoeven). Die Schülerin Sonja will gegen vielerlei Widerstände die Nazi-Vergangenheit ihres Heimatortes aufarbeiten.
1986: Nominierung für Bittere Ernte (Regie: Agnieszka Holland). Die Jüdin Rosa entkommt dem Vernichtungslager und verliebt sich in Leon.
1980: Oscar für Die Blechtrommel (Regie: Volker Schlöndorff). Oskar Matzerath, der schon als Kind aufhört zu wachsen, schlägt sich mit seiner Blechtrommel durch die Welt der Erwachsenen und die Wirren des Zweiten Weltkriegs.
1979: Nominierung für Die gläserne Zelle (Regie: Hans W. Geissendörfer). Der Architekt Phillip Braun sitzt fünf Jahre unschuldig im Gefängnis. Nach seiner Entlassung treibt ihn der eigentlich Schuldige zu einem Mord.
1977: Einzige Nominierung für einen DDR-Film, Jakob, der Lügner (Regie: Frank Beyer). Jakob Heym lebt 1944 in einem Ghetto für Juden. Er erzählt Lügengeschichten, um seinen Freunden neuen Lebensmut zu geben.
1974: Nominierung für Der Fußgänger (Regie: Maximilian Schell). Ein westdeutscher Großindustrieller wird von seiner Vergangenheit als Beteiligter an einer Liquidation durch die deutsche Wehrmacht eingeholt.
1960: Nominierung für Die Brücke (Regie: Bernhard Wicki). Sieben etwa 16Jahre alte Schüler versuchen im April 1945 unter Einsatz ihres Lebens, eine Brücke zu verteidigen, die keinerlei strategische Bedeutung mehr hat.
1959: Nominierung für Helden (Regie: Franz Peter Wirth). Der Film erzählt die Geschichte des Deserteurs Bluntschli im Krieg zwischen Bulgarien und Serbien im Jahre 1865.
1958: Nominierung für Nachts, wenn der Teufel kam (Regie: Robert Siodmak). Berlin während des Zweiten Weltkriegs: Kommissar Kersten kommt dem geistesgestörten Frauenmörder Bruno Lüdke auf die Spur.
1957: Nominierung für Der Hauptmann von Köpenick (Regie: Helmut Käutner). Wilhelm Voigt kauft sich 1906 die Uniform eines preußischen Hauptmanns, verhaftet den Bürgermeister und beschlagnahmt die Stadtkasse.
Die Fragen stellte Peter-Philipp Schmitt.
Text: F.A.Z., 04.03.2006, Nr. 54 / Seite 9
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb
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