24. Januar 2008 Er ist der größte Filmschauspieler seiner Generation, keiner war öfter für den Oscar nominiert als Jack Nicholson. Ein Interview über Gesundheit, Komödien und den besten Mann für den Präsidentenjob: Hillary Clinton.
Wie fühlen Sie sich denn in Deutschland, Herr Nicholson, seit Sie auch hier nicht mehr rauchen dürfen?
Mir geht's gut. Es ist gut, mit sich selbst im Reinen zu sein. Diese ganzen Rauchverbote sind ja nur dazu da, wichtigere Diskussionen zu verhindern. Statistisch gesehen ist Rauchen ungefähr so gefährlich, wie Linkshänder zu sein. Ich bin sehr für Gesundheit, aber lassen Sie mich von unserem letzten großen Gesundheitsreport erzählen: Sechs verschiedene Gemüse sollen wir am Tag essen, nicht rauchen, und einundzwanzig Orgasmen brauchen wir auch.
Einundzwanzig Orgasmen in welchem Zeitraum?
Sie sollten Ihren Gesichtsausdruck jetzt sehen! Einundzwanzig in einem Monat. Wie gefällt Ihnen das? Die konventionelle Presse ist für diese Nachricht nicht bereit. Dafür beschäftigt sich die amerikanische Presse in den letzten zwei Wochen damit, uns zu erzählen, dass Hillary Clinton den Trend umgekehrt und gegen Obama einige Vorwahlen gewonnen hat, weil sie weinte. Dabei hat sie nicht geweint, das sieht man auf den Bildern. Sie hat einfach unschlagbar debattiert.
Folgen Sie denn den Übertragungen der Debatten?
Als Schauspieler ist das spannend zu sehen, hier geht es ja, anders als beim Film, um wichtige Dinge, weltweit entscheidende Fragen. Ich musste mir einfach anschauen, wie Hillary Clinton das macht, wo doch die Presse so feindlich ihr gegenüber ist. Und sie war großartig. Die Presse schreibt dann, sie hat gewonnen, weil sie geweint hat. Ich habe zwei Tage hintereinander ferngesehen, zuerst, als es hieß, sie habe schon alles verloren, und dann die nächste Debatte, in der sie alle geschlagen hat. Das waren die besten zwei Tage in der amerikanischen Politik seit langem.
Ist die Presse denn gegenüber Frau Clinton besonders ungerecht?
Ich glaube nicht an Verschwörungstheorien, daran, dass da jemand die Strippen zieht, ich glaube vielmehr, die Feindschaft ist strukturell. Sie ist halt seit langem dabei, und die Presse benutzt immer noch und immer wieder die alten, aus dem Zusammenhang gerissenen Bill-Clinton-Zitate, um ihr eins auszuwischen.
Beide Kandidaten der Demokraten, Frau Clinton und Barack Obama, wirken deutlich kompetenter als irgendeiner, der in der Regierung sitzt im Moment.
O ja, das sind gute Leute. Sie müssen nicht verbrämen, dass sie Intellektuelle sind. Sie versuchen nicht vorzuspiegeln, sie seien die einfachen Leute von nebenan.
Warum, glauben Sie, ist die amerikanische Presse so sehr gegen Hillary Clinton? Weil sie eine Frau ist?
Ich weiß nicht, vielleicht. Ich bin von Frauen aufgezogen worden, die zur ersten Generation gehörten, vor dem Zweiten Weltkrieg, die ihre Rechte durchfechten mussten. Meine Mutter hatte einen Schönheitssalon, da bin ich aufgewachsen, und ich erinnere mich, dass sie ungefähr 5000 Dollar pro Jahr verdiente, was sie in die oberen zehn Prozent der erwerbstätigen Frauen katapultierte. Ich lernte meinen Teil, wenn ich bei ihr auf dem Schoß saß. Glaubst du, Jack, sagte sie, dieses A***loch würde zu einem Geschäftsmann genauso sprechen wie zu mir und ihm diesen Schrott verkaufen wollen?, fragte sie, wenn wieder mal einer versucht hat, sie übers Ohr zu hauen. Das ist doch verrückt. Ich war immer das zweitschlauste Kind in meiner Klasse. Das schlauste war immer ein Mädchen.
Und deshalb meinen Sie, jetzt sei eine Frau mal dran mit der Präsidentschaft?
Ich glaube einfach, sie ist der beste Mann für den Job.
Nach acht Jahren Bush und mittendrin in den Folgen: Ist das eine gute Zeit für Komödien, wie Sie sie seit Jahren immer wieder drehen?
Ich habe seit dem 11. September 2001 sechs Komödien gemacht. Und ich habe gleich zu Beginn gesagt: Ich werde nicht einer von denen sein, die jetzt meinen, sie wüssten etwas oder hätten etwas verstanden, worüber sie dann Filme machen. Ich weiß nichts. Da ist es besser, man macht Komödien.
Immerhin haben Sie The Departed gedreht, zwischen den Komödien.
Na ja, das ist eine Oper. Aber auch hier habe ich versucht, meine Rolle komisch anzulegen. Ich wollte das Gangster-Klischee brechen; jeder Schauspieler, der einen Gangster spielt, versucht, keinen Muskel zu bewegen, während ich mich bemüht habe, ihn flamboyanter zu gestalten, er ist schließlich Ire.
Ihr neuer Film, Das Beste kommt zum Schluss, spielt in einer Art historischem Niemandsland - ist es das, was Sie meinen, wenn Sie sagen, Sie wollen keine Filme machen, die mit der augenblicklichen politischen Situation zu tun haben?
Rob Reiner, der Regisseur, hat ausdrücklich keine aktuellen Bezüge in diesen Film eingebaut. Er meinte, es sei in gewisser Weise eine romantische Komödie, und die wollte er nicht in einer bestimmten Zeit plazieren.
Ist nicht Komödie das Allerschwierigste für einen Schauspieler?
Absolut. Ich sage immer: Ich bin kein Komödiant, ich arbeite daran, einer zu werden. Ich kann Leute zum Lachen bringen, aber ich bin kein professioneller Humorist, und wenn ich mit Profis wie Mike Nichols am Tisch sitze, falle ich vor Lachen beinahe in Ohnmacht. Ich muss mich sehr auf meinen Regisseur verlassen können, wenn ich in Komödien spiele. In Komödien von heute furzen die Leute oder schmieren sich Sperma ins Haar - das ist nicht meine Art Humor. Die Regisseure, mit denen ich arbeite und gearbeitet habe, Nancy Meyers oder James Brooks, die haben einen scharfkantigen Humor, und da muss ich aufpassen. Denn manchmal, das kann ich selbst dann im Video sehen, ist mein Spiel einfach zu gut für eine Komödie. Komödien vertragen nicht so viel Gefühl, wie man das gern spielt als Schauspieler.
Woher wissen Sie denn, wann es genug ist für eine Komödie, im Gegensatz zu dramatischen Rollen?
Komödienregisseure sprechen immer nur von einem: vom Ton. Was ist denn der Ton, muss man sie nur fragen, und dann legen sie los. Meistens weiß ich nicht genau, was sie eigentlich meinen, aber am Ende kann ich dann sehen, dass es funktioniert hat.
Ob Komödien funktionieren, lässt sich ja auch daran ablesen, ob sie kommerziell erfolgreich sind. Das ist bei anderen Filmen nicht so, da bleiben die besten manchmal ohne jeden Erfolg.
Das ist richtig. Da spielen andere Faktoren eine größere Rolle. Einer meiner Filme, bei dem ich Regie geführt habe, The Two Jakes, hatte seine Premiere an dem Tag, als O. J. Simpson auf der Autobahn vor der Polizei floh. Wahrscheinlich haben ungefähr zwölf Leute in ganz Amerika meinen Film an jenem Abend gesehen.
Gibt es immer noch den Plan, mal den dritten Teil dieser Chinatown-Trilogie zu drehen?
Den Plan schon, sag niemals nie. Ich erzähle Ihnen jetzt eine merkwürdige Geschichte vom zweiten Teil, den Two Jakes, der damit endet, dass es heißt, das und das wird passieren, wenn es wieder schneit in Los Angeles, und dann gibt es ein paar Aufnahmen von L. A. im Schnee. Es hatte in Los Angeles seit 1948, dem Jahr, in dem der Film endet, nicht mehr geschneit. Zwei Tage, bevor wir das Ende filmten, hat es dann in Los Angeles wieder geschneit, und zwar knietief. Und ich wollte natürlich, dass das jemand filmt, ich hatte schon an göttliche Vorsehung geglaubt. Aber ich habe den ganzen Tag über kein einziges Kamerateam dazu bekommen, das zu filmen. In ganz Hollywood gab's keinen Kameramann, der dieses historische Ereignis filmen konnte.
Das Gespräch führten Verena Lueken und Michael Althen.
Text: F.A.Z., 24.01.2008, Nr. 20 / Seite 37
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Allstar, ddp, H.F.P.A./Cinetext, REUTERS, Warner Bros./Cinetext
