Im Kino: „Achterbahn“

Das Mögliche ist immer zu wenig

Von Bert Rebhandl

Wollte den größten Rummelplatz Deutschlands bauen: Norbert Witte

Wollte den größten Rummelplatz Deutschlands bauen: Norbert Witte

02. Juli 2009 Wer in Berlin von Alt-Treptow aus an der Spree entlang nach Osten wandert, kommt irgendwann an einen Wald, in dem seltsame Kreaturen zu sehen sind. Riesenechsen liegen bewegungslos auf die Seite gekippt, es sieht aus wie ein erstarrter Jurassic Park, zu dem ein Zaun den Zutritt verwehrt. Vor Jahren befand sich hier, im Plänterwald, ein großer Vergnügungspark, auf dem jetzt nur noch ein paar Geräte vor sich hin rosten und die Dinosaurier vom stolzen Anspruch eines einstigen künstlichen Paradieses zeugen.

Der Mann, der hinter diesem Park stand und ihn zu seinem Lebenswerk machen wollte, heißt Norbert Witte. Er sitzt inzwischen im Gefängnis, darf aber tagsüber schon als Freigänger hinaus. Wie es dazu kam, erzählt Peter Dörfler in seinem Dokumentarfilm mit dem in diesem Fall tatsächlich sinnigen Titel „Achterbahn“. Es ist die Geschichte eines Mannes, eines Milieus, einer Ambition, und wie es bei Dokumentarfilmen nicht selten der Fall ist, lebt diese Geschichte auch hier von und mit ihren Protagonisten. Es sind vorwiegend die Mitglieder der Familie Witte, die Dörfler vor die Kamera bekam.

Attraktion Rummelplatz

Gestürzte Giganten im Berliner Plänterwald

Gestürzte Giganten im Berliner Plänterwald

Es ist eine zerfallene Familie, denn einer der Wittes ist in der ganzen Sache das Opfer. Der Sohn Marcel Witte sitzt in Peru im Gefängnis, er wurde bei einem großen Drogendeal erwischt, auf den sein Vater sich eingelassen hatte, um der vielen Schulden Herr zu werden, die sich auf seinen Wegen zwischen Hamburg und Berlin, Jugoslawien und schließlich Peru aufgehäuft hatten. Wegen Marcel ist Pia Witte nicht mehr bereit, mit ihrem Mann Norbert zu sprechen. Ihre Tochter Sabrina wird dadurch zu einer Botschafterin, die zwischen dem Vater und der Mutter vermittelt.

Alle aber lassen den Filmemacher daran teilhaben, wie sie in den Trümmern einer einst großartigen Existenz zu Rande kommen. Die Wittes waren einmal so etwas wie die erste Familie unter den deutschen Schaustellern. Sie waren erfolgreich, reisten europaweit, lebten auf großem Fuß und hatten größere Träume. Peter Dörfler rekonstruiert diese Phase vorwiegend durch Fotografien und Erzählungen, unwillkürlich kann einem Betrachter dabei einfallen, wie sehr das deutsche Kino diese Welt immer schon fasziniert hat, von Fassbinder bis zu „Looping“, einem der vielen seltsamen Solitäre unter den Filmen der Bundesrepublik.

Das Leben nicht nehmen lassen

Die Wittes wollten mit dem Park in Berlin sesshaft werden, in der wiedervereinigten Stadt sollte ein Rummelplatz der Superlative entstehen. Woran die Sache scheiterte, darüber streiten heute die Anwälte – auch im Film „Achterbahn“. Dass Norbert Witte nach einem spektakulären Konkurs mit Familie und mehreren Containern Gerätschaften nach Peru abhaute, war ein Manöver von großartiger Unverfrorenheit. Aber es stürzte eben die ganze Familie endgültig ins Unglück, und im Grunde besteht die Arbeit von „Achterbahn“ darin, wieder zu einer homogenen Erzählung zusammenzufügen, was im individuellen Leben der Protagonisten nur Erfahrungen von Unterbrechung, Enttäuschung, Zerstörung gewesen sein können.

Der Moment, in dem Pia Witte und ihre Tochter Sabrina in Peru vor dem leerstehenden Haus stehen, in dem sie einmal gelebt haben, und sich Zutritt verschaffen, um noch einmal an die unbeschwerten Szenen denken zu können, von denen nur noch das Familienalbum weiß, zieht die Quintessenz aus diesem Drama. Im Zentrum aber steht der Mann, der alles auf sich zu nehmen hat: Norbert Witte, der nach einem Herzinfarkt immer noch Zigaretten raucht, ein Indiz dafür, dass er sich das Leben, das er einmal geführt hat, nicht nehmen lassen will, auch wenn es längst verloren ist. Mit diesem elegischen Tonfall sucht „Achterbahn“ nach einer Form, das Schicksal zumindest im Rückblick bannen zu können. Möglich ist das nicht, aber das Mögliche war Norbert Witte wohl immer ein bisschen zu wenig.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Rohfilm/Cinetext

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