27. November 2006 Am kommenden Donnerstag (30. November) kommt Der die Tollkirsche ausgräbt in die deutschen Kinos. Es ist der erste Film von Schauspielerin Franka Potente. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht sie über ihr Regiedebüt, Ehrlichkeit im Showgeschäft und Jogginganzüge in Größe 34.
Sie haben Ihren ersten eigenen Film gedreht, einen vierzigminütigen Stummfilm, der jetzt - halbe Länge, halber Preis - ins Kino kommt. Sie haben das Drehbuch geschrieben und Regie geführt: War Ihnen die Schauspielerei nicht mehr genug?
Ich weiß gar nicht, ich hatte eigentlich nie vor, Regie zu machen oder ein Drehbuch zu schreiben. Ich hatte einfach Zeit, und ich hatte dieses Bild im Kopf, das ich geträumt hatte, ein Albtraum eigentlich, daß ich auf einer Wiese gehe, und da ist irgendwas, und ich hebe das auf, und dann kommt immer was nach, das hört nicht auf. Der Rest der Arbeit war: Was wäre wenn? Da weiterzudenken, was das sein könnte.
Die Geschichte spielt 1918 und handelt von einem Mädchen aus gutem Hause, das verheiratet werden soll - doch dann platzt unerwarteter Besuch in das Geschehen, und alles kommt anders. Warum erzählen Sie das im Stil der frühen Stummfilme, Schwarzweiß, mit Sprachtafeln und übertrieben agierenden Schauspielern?
Ich hatte schon oft gedacht, Mensch schade, daß es keine Stummfilme mehr gibt. Mich haben diese verspielten Techniken gereizt, die es damals gab, Kurbel-Rückblenden, Stopptricks und was es da nicht alles gibt. Außerdem hat man bei einem ersten Film ja auch nicht das Geld oder das Know-how für große Special Effects, und da kann man es ja auf charmante Weise auch so machen.
Es gibt ja diese Sehnsucht der Deutschen nach einem Weltstar aus den eigenen Reihen, und keiner ist da in den letzten Jahren näher herangekommen als Sie. Ich hatte immer das Gefühl, daß Sie dafür nicht zur Verfügung stehen.
Irgend jemand hat mal beleidigt geschrieben, ich wäre ohne Oscar nach Hause zurückgekommen. Oder es heißt, ich sei gescheitert in Amerika. Da denke ich immer, wie stellt ihr euch denn so eine Karriere vor? Glaubt ihr allen Ernstes, ich könnte in einem Land wie Amerika so Filme machen wie Cameron Diaz zu ihren besten Zeiten? Guckt mich an, Punkt eins. Punkt zwei: Ich hab' einen Akzent. Und war nicht mit Tom Cruise zusammen. Also wollen wir doch mal die Kirche im Dorf lassen. Ich hab' gerade mit Eric Bana gedreht, nächstes Jahr drehe ich wahrscheinlich noch mit Steven Soderbergh - was ist daran eigentlich so schrecklich unerfolgreich?
War es nie Ihr Traum, ein Star zu sein?
Ich glaube, bevor ich diesen Wunsch hätte haben können, haben sich bei mir immer schon so viele Sachen erfüllt. Man muß ja auch meinen Horizont bedenken - ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen, für mich war schon das absolute Nonplusultra, auf der Schauspielschule in München aufgenommen zu werden. Das klappte noch direkt vorm Abitur, da war gar keine Luft dazwischen. Abitur, zack, ab nach München, und bevor die Schauspielschule fertig war, wurde ich für Nach fünf im Urwald entdeckt. Und dann kam, zack, Lola rennt. Und dann eigentlich sofort Blow, mit Johnny Depp. Und dann ging das immer so weiter.
Ich habe ein Bild von Ihnen im Kopf: irgendeine glanzvolle Premiere, ich glaube, es war in Amerika, roter Teppich, viele Fotografen, Sie trugen ein tolles Kleid - und dazu Turnschuhe.
Ja, das habe ich früher immer gemacht.
Damit man sieht, daß Sie das alles nicht so ernst nehmen?
Bestimmt auch, ja, kann schon sein. Aber es war mir vor allem auch immer zu unbequem mit hohen Schuhen, und ich dachte, man sieht es ja auch überhaupt nicht. Das ist etwas, das ich vom Set übernommen habe. Da hat man oft zum Kostüm irgendwelche Boots an, wenn man in einer Szene die Füße nicht sieht, und da dachte ich wohl irgendwie, ach wieso, das sieht doch gar nicht so schlecht aus.
Haben Ihre amerikanischen Agenten da nicht die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen?
Die haben schon manchmal die Augen verdreht, aber ich hab' mir die schon ganz gut zusammengecastet. Meine Agentin ist total cool. Sie ist um die Sechzig, halb Kanadierin, halb deutsch - und altes Hollywood, wenn man so will. Sie hat mit Sicherheit Klienten - junge dünne schöne Mädchen -, mit denen sie etwas konventioneller ist. Aber sie hat es bei mir schnell verstanden. Als ich mit der Agentur William Morris gesignt habe, hab' ich gesagt, paßt auf, ich bin keine 18 mehr, ich komme aus einem Land, wo ich schon ziemlich viel Erfolg hatte, ich arbeite seit sieben Jahren, ich mache das so, wie das für mich funktioniert. Hin und wieder rasseln wir noch aneinander, weil die das vergessen, aber ich ändere mich ja nicht mehr. Ich weiß noch, als ich mir den Kopf rasiert hab' nach Bourne Identity, die haben einen Vogel gekriegt. Die haben gesagt, komm, wir besorgen dir eine Perücke, und dann habe ich mir natürlich die unmöglichste Perücke ausgesucht. Aber die Amerikaner stellen sich auf Klienten auch ein. Meine Agentin schickt mir trotzdem jedes Jahr zu Weihnachten so einen J-Lo-Jogging-Anzug, so ein Nicki-Teil von Juicy Couture, in Größe 6. Das ist bei uns Größe 34. Dabei kennt die mich genau. Jedes Jahr gebe ich das weg an das Kind von einer Freundin. Ich mach' schon immer einen Running Gag und frage: Na, kriege ich dieses Jahr wieder ein Kinder-Outfit? Natürlich möchte sie, daß ich dünner bin. Und ich sage ihr, du kannst es mir nächstes Jahr wieder schenken, ich werde da nicht reinpassen. Wir machen uns da so einen Spaß mit.
Gab es in Ihrer Karriere einmal den Moment, wo Sie selber beeindruckt waren, wo Sie dachten, wow, jetzt bin ich hier in Hollywood, ich aus der Kleinstadt Dülmen?
Ich erinnere mich an ein einziges Mal, wo ich mal kurz von außen auf mich selber geguckt habe und ein erhebendes Gefühl hatte. Da war ich mit Tom (Tykwer) in New York, und Lola rennt lief auf einem Festival, und wir wußten, daß wir nach Sundance gehen - da haben wir uns angeguckt und gewußt, Wahnsinn, das ist totales Glück jetzt gerade. Das war der Moment, an den erinnere ich mich noch sehr gut. Ansonsten ist es nicht anders in Amerika als in Deutschland, auch für Schauspieler, es gibt die ganzen Abläufe, und dann ist man da halt eingebunden. Klar, als ich das erste Mal Johnny Depp gesehen habe, dachte ich schon, huu, das ist Johnny Depp. Ich hatte nichts Besseres zu tun, weil ich so nervös war und nicht wußte, was ich sagen soll, als ihm gleich aufs Brot zu schmieren, daß ich The Ninth Gate von Roman Polanski total scheiße fand und nicht verstehen konnte, daß er da mitgespielt hat. Super. Ansonsten war ich mit ihm bis zum Ende total klemmig. Aber ich mußte ja mit ihm auch arbeiten, und dann stehst du auch nur nebeneinander bei einer Probe, und dir ist kalt, ja, und dann wird das natürlich schon auch ein bißchen entzaubert.
Während der Dreharbeiten zu Bourne Identity 2 haben Sie bei einer Pressekonferenz öffentlich gesagt, Sie fänden es für die Dramaturgie des Films falsch, daß Ihre Rolle so früh stirbt. Das war ungewohnt ehrlich für dieses Geschäft. Machen Sie es sich nicht manchmal selber ein bißchen schwer?
Kann sein, aber die Leute von Universal kannten mich schon. Ich habe denen ja ständig Briefe geschrieben, wenn mir etwas nicht gepaßt hat. Der richtige Weg wäre gewesen, darauf hat man mich hingewiesen, von den Dreharbeiten in Prag aus in Amerika bei meinen Agenten anzurufen, und die hätten dann wieder in Prag beim Produzenten anrufen müssen. Aber ich dachte immer, hey, ich sehe den doch. Und hab' ihm manchmal aufgeschrieben, was mich stört. Das fanden die wohl schon ein bißchen ungewöhnlich, aber letztendlich ist es doch so, wenn man ein Anliegen hat, dann respektieren die Leute das auch.
Kriegen Sie viele schlechte Drehbücher angeboten?
Oh, total. Ich denke mir oft beim Lesen, da habt ihr jetzt also gesessen und habt euch diesen Bullshit ausgedacht und habt das offensichtlich selber so klasse gefunden, daß ihr gedacht habt, das müssen wir jetzt unbedingt rausschicken. Das ist so, wie wenn du am Café Zungenkuß in Berlin-Mitte vorbeifährst. Da denke ich mir auch jedesmal, unglaublich, das muß sich ja auch jemand ausgedacht haben.
Wovon handelte das letzte schlechte Drehbuch?
Ach, die sind alle ähnlich. Wie der schlimmste Groschenroman. Mit Klischeefrauen, so Fünfziger-Jahre-Heimchen, wo man nur denkt, um Himmels willen, das macht doch überhaupt keine relevante Aussage über irgend etwas, das unserer Realität entspricht. Das sind aber nicht nur deutsche Drehbücher, die schlecht sind - aus Amerika kommt auch viel Quatsch.
Bekommen Sie Angebote für sexy Fotos in FHM?
Das Thema ist schon durch. Man kriegt ein Angebot vom Playboy, und dann sagt man nee, und dann probieren die es noch einmal, und dann sagt man, nee, Leute, wirklich nicht, ich hab' Familie in einer Kleinstadt, und dann ist gut. Es kommt immer drauf an, was für ein Typ man ist. Ich gelte in der Branche zum Beispiel nicht als schön. Ich bin eher so von nebenan. Nicht wie Diane Kruger, bei der immer dabeisteht, die schöne Diane Kruger, das steht bei mir nicht. Das heißt, bestimmte Schubladen, die mit dem Attribut schön einhergehen, fallen schon mal weg. Bei mir tun sich andere auf, daß ich mit Elijah Wood zusammen war zum Beispiel. Da gibt es verschiedene Register mit verschiedenen Medienreflexen, und über die Jahre lernt man, wie die Mechanismen funktionieren. Bei Frauen ist zum Beispiel immer die Frage, kriegt sie denn jetzt ein Kind? Interessanterweise wird das immer dann gefragt, wenn eine Frau die größten Erfolge feiert - das ist den von konservativen Männern betriebenen Blättern wahrscheinlich zuviel, da sind wir immer ganz schnell wieder in den fünfziger Jahren: Wann kriegt sie denn endlich ein Kind?
Für wieviel Geld würden Sie für ein Handy werben?
Bisher bin ich da immer drum herumgekommen, weil ich immer gesagt habe, daß ich nur mit meinem Job Geld verdienen will, und das sehe ich im Grunde noch immer so. Nur: Heute bin ich auch Filmemacherin, ich habe ein Jahr lang unentgeltlich an meinem Film gearbeitet. Das heißt, ich wäre da jetzt etwas offener, sagen wir mal so. Ich sehe das pragmatischer jetzt - dafür könnte man sich dann mal ein Jahr Auszeit nehmen und ein Drehbuch schreiben.
Als Sie mit Elijah Wood zusammen waren, dem Star aus dem Herrn der Ringe, haben Sie Erfahrungen mit Paparazzi gemacht. Wie ist das? Kriegt man mit, wenn man fotografiert wird?
Das eine Mal hätten wir es uns denken können. Wir haben in Vancouver gedreht und waren abends was trinken, und wie es der Zufall will, waren Deutsche in der Kneipe. Und dann sagen diese Idioten doch noch allen Ernstes, bist du nicht Franka Potente, ist das nicht Elijah Wood, da rufen wir gleich die Bild-Zeitung an. Und das haben die wohl auch gemacht. Jedenfalls hat irgendwer dann seine Bluthunde losgeschickt, und als wir bei einem Eishockeyspiel waren, haben die uns gekriegt. Und noch ein anderes Mal. In L. A. sind die so gewieft, ich hab' das nicht mitgekriegt. Muß ich echt sagen. Dabei bin ich total empfindlich, was so etwas angeht, also, wenn Leute nur gucken, merke ich das sofort, leider.
Hier in Berlin sind Sie aber ziemlich unbehelligt, oder?
Ich weiß nicht, ich versuch' dem aus dem Weg zu gehen, indem ich immer eine Brille aufhabe und zügig gehe, das ist mir schon in Fleisch und Blut übergegangen. Ich bin da vielleicht auch ein bißchen paranoid. Menschen, die einen erkennen und dann so einen Blick kriegen und auf einen zukommen, sind ein bißchen unheimlich manchmal. Ich weiß dann auch nie, wie ich die wieder loswerde. Es kam auch schon vor, daß Leute sich einfach auf einen freien Stuhl mit zu mir setzen, ich bin da aber mittlerweile knallhart, ich laß auch keine Fotos mehr machen. Die Leute sind manchmal echt bekloppt.
Interview Johanna Adorján
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.11.2006, Nr. 47 / Seite 27
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