Spike Lee im Interview

Die Vereinten Nationen der Geiseln

23. März 2006 Man muß dem Publikum stets voraus sein: Ein Gespräch mit dem Regisseur Spike Lee über seinen Film „Inside Man“, die Schönheit Jodie Fosters und die dunkle Vergangenheit von George W. Bushs Großvater.

Gerade hat Hollywood sich bei den Oscars selbst bescheinigt, wie seriös und erwachsen und politisch es im Kino derzeit zugeht. Was halten Sie denn davon?

Zufall. Nichts als Zufall. Die Leute fragen mich: „Ist das ein Trend? Bewegt sich Hollywood in diese Richtung?“ Und ich antworte bloß: Nein. Wenn man sich die Filme ansieht, dann ist da keine einzige echte Studioproduktion dabei, allenfalls Filme aus der Arthouse-Abteilung, und die wurden auch nur wegen der Starpower von George Clooney gemacht.

Aber jeder zweite Regisseur will offenbar politisch sein, und Sie, der politische Regisseur, dreht einfach einen Genrefilm über einen Bankraub mit Geiselnahme. Warum?

Ich habe das Drehbuch gelesen und fand es sehr gut. Ich hatte nicht die Absicht, einen Bankräuberfilm zu machen.

Eine Herausforderung ist es aber schon, sich in ein Genre zu begeben, in dem mehr oder weniger alle Varianten durchgespielt sind.

Ich war zuversichtlich, daß ich es packen würde. Ich habe mir nicht gesagt: „Oh Spike, das hast du ja noch nie gemacht.“ Das Drehbuch war einfach gut geschrieben, und mit diesen tollen Schauspielern mußte es einfach funktionieren. Das einzige, worauf ich besonders achten mußte, war, daß wir dem Publikum immer mindestens einen Schritt voraus sind. Und natürlich hat es seinen Reiz, etwas zu machen, was ich noch nie gemacht habe.

Sie kennen bestimmt den schönen Satz von Brecht: „Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“

Klar. Und ich glaube, es würden mehr Leute eine Bank ausrauben, wenn sie wüßten, daß sie nicht gefaßt werden. Das ist einer der Gründe, warum dieses Genre so populär ist.

War es schwierig, dem Bankräuber durch den Film hindurch die Sympathie des Publikums zu erhalten?

So denke ich nicht. Studioleute sagen immer: „Wir müssen die Charaktere sympathisch machen.“ Das kümmert mich nicht. Im übrigen versuche ich immer, es anders zu machen, als es bisher gemacht wurde.

Der politische Subtext des Films, für den haben vermutlich Sie gesorgt?

Stimmt. Bei der Szene in der Schalterhalle war mir wichtig, daß der Film die multikulturelle Vielfalt von New York repräsentiert. Die Geiseln sind Menschen, die in New York leben. Sie werden durch den Bankraub und durch die gleichen Overalls, die sie tragen, zu einer Art Vereinte Nationen. Ich liebe diese Vielfalt und Verschiedenheit der Stadt. Ich habe nur ein Problem mit dieser ideologischen Behauptung, daß man von wo auch immer nach Amerika gekommen ist und dann die gleichen Rechte und Chancen hat.

Es gibt ja auch eine Spur in die Vergangenheit. Der Vorstandsvorsitzende der Bank erinnert an Prescott Bush, den Großvater des Präsidenten, der als Banker mit den Nazis gute Geschäfte gemacht hat.

Ich schwöre Ihnen, ich hatte davon nicht die leiseste Ahnung, bevor ich nach Europa kam und mich ein englischer Journalist darauf ansprach. „Wovon reden Sie?“ habe ich gefragt. „Ja, wußten Sie nicht, daß Prescott Bush Geschäftsverbindungen mit den Nazis hatte?“ Ich habe dann ein wenig recherchiert und war begeistert. Ich weiß, daß auch die Autoren gar nichts davon wußten. Das ist doch das Tolle an der Kunst. Da schreiben zwei Leute ein Stück Fiction und landen haarscharf neben der Realität.

Eine Strippenzieherin, wie sie Jodie Foster spielt, ist vermutlich auch keine freie Erfindung.

Nein, das sind die Leute, die den Politikern und Bossen sagen, was sie tun sollen. Aber man sieht sie sonst nie, sie schalten ja keine Anzeigen und offerieren ihre Dienste. Sie sind wie der Mann hinterm Vorhang im „Zauberer von Oz“. Sie wissen, wer welche Leichen im Keller hat. Und Jodie Foster, ich finde, sie hat noch nie so gut ausgesehen! Aber das ist gar nicht mein Verdienst. Sie wollte unbedingt glamourös aussehen, mit Chanel-Kostüm, mit den High Heels von Manolo Blahnik. Und als sie das erste Mal an den Drehort kam, habe ich bloß gesagt: „Donnerwetter!“

Ist sie nicht auch die heimliche Schlüsselfigur, weil sie mehr weiß als alle anderen?

Das überlasse ich Ihrer Interpretation. Im Grunde haben wir vier Leute mit unterschiedlichen Zielen und Ethiken, und das ist die Basis für gutes Kino.

Es war zu lesen, daß Sie als nächstes einen Dokumentarfilm über New Orleans drehen.

Er heißt „When the Levees Broke“, als die Deiche brachen, und ich drehe schon. Als ich letztes Jahr beim Festival in Venedig war, habe ich nichts von der Stadt gesehen, ich saß die ganze Zeit in meinem Hotelzimmer vorm Fernseher. Ich wußte, daß ich darüber einen Film machen wollte, und habe dann Ende September 2005 angefangen. Heute, sechs Monate später, sieht es in New Orleans nicht viel besser aus. Man sieht nur die Konfliktlinien von Rasse und Klasse jetzt viel deutlicher als zuvor.

Das Gespräch führte Peter Körte.



Text: F.A.Z., 23.03.2006, Nr. 70 / Seite 43
Bildmaterial: AP

 
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