Kino

Hollywood wartet auf die Oscars

03. März 2006 Der meterhohe Kunststoff-Oscar steht, der dicke dunkelrote Teppich liegt davor und die Tribünen rundherum sind aufgebaut. Kurz vor der 78. Oscar-Zeremonie im Kodak Theater in Hollywood an diesem Sonntag abend (Ortszeit, Montag früh MEZ) sieht alles so aus wie in den vergangenen Jahren. Doch gerade das bereitet den Organisatoren Kopfzerbrechen.

Der begehrteste Filmpreis der Welt braucht eine „High-tech-Überarbeitung“, hieß es in der „Los Angeles Times“. Vor allem die deutlichen sinkenden Fernseh-Einschaltquoten der letzten Zeremonien lassen in der Academy of Motion Picture Arts and Sciences die Alarmglocken schrillen. Daß in diesem Jahr kein einziger großer Blockbuster vom Format einer „Titanic“ oder „Herr der Ringe“-Saga im Rennen ist und sich außer dem gleich dreifach aufgestellten George Clooney kein einziger Megastar Hoffnungen machen kann, läßt für die Quoten auf dem amerikanischen Markt das Schlimmste befürchten. Um das Defizit auszugleichen, erscheinen Publikumslieblinge wie Nicole Kidman, Tom Hanks, Jennifer Lopez und Will Smith auf der Bühne, um die Preise zu überreichen.

Favorit „Brokeback Mountain“

Gemessen an der Zahl der Nominierungen hat der Film „Brokeback Mountain“ die deutlich besten Chancen auf den Titel „bester Film des Jahres“. Achtmal steht das Drama zur Wahl, unter anderem in den Kategorien beste Regie, bester Haupt- und Nebendarsteller und bestes Drehbuch. Das Werk des in Taiwan geborenen Regisseurs Ang Lee wäre der erste Film mit einer explizit schwulen Liebesgeschichte, der mit den höchsten Weihen der Academy gekrönt würde.

Doch die Auswahl der fünf „besten“ Filme hat es dieses Jahr insgesamt in sich: „L.A. Crash“ erzählt von Rassen- und Bandenproblemen in Los Angeles und hat eine Debatte ausgelöst, ob die gezeigten Probleme der Realität oder nur einem Klischee entsprechen. „München“ von Steven Spielberg fand vor allem wegen seiner Position zu Terror und Vergeltung als Politikum Beachtung. Eine Lektion zum Thema Anti-Kommunismus und Spitzeltum erteilt Superstar George Clooney dem Publikum in seiner Regiearbeit „Good Night, and Good Luck“. „Capote“ schildert eine Phase im Leben des homosexuellen Schriftstellers Truman Capote.

Außenseiter Rothemund

In der Kategorie bester ausländischer Film gilt der deutsche Regisseur Marc Rothemund mit seinem Drama „Sophie Scholl - Die letzten Tage“ als chancenreicher Außenseiter. Mehr Schlagzeilen in den amerikanischen Medien haben Südafrikas Beitrag „Tsotsie“ über einen Kleinkriminellen in Johannesburg und „Paradise Now“ aus den palästinensischen Gebieten gemacht. „'Tsotsie' ist ein sauguter Film“, meint auch Rothermund beim Interview in Hollywood anerkennend. „Der hätte den Oscar wirklich verdient.“

Überhaupt übt sich der Siebenunddreißigjährige in Gelassenheit vor der großen Gala: „Vor einer Woche hab ich mir gedacht, ich will gar keinen Oscar. Das wäre ja noch mehr Trubel.“ Deutlich optimistischer ist dagegen die Hamburger Regisseurin Ulrike Grote (42), die mit ihrem Kurzfilm „Ausreißer“ schon den Studenten-Oscar gewonnen hat. „Wir haben gerade alle fünf nominierten Filme hintereinander gesehen. Da müssen wir uns nicht verstecken“, sagt sie in Hollywood - und klopft schnell dreimal auf Holz.

Die Oscar-Nominierungen in den wichtigsten Kategorien:

Bester Film

„Brokeback Mountain“
„Capote“
„L.A. Crash“
„Good Night, and Good Luck“
„München“

Bester Hauptdarsteller
Philip Seymour Hoffman („Capote“)
Terrence Howard („Hustle & Flow“)
Heath Ledger („Brokeback Mountain“)
Joaquin Phoenix („Walk the Line“)
David Strathairn („Good Night, and Good Luck“)

Beste Hauptdarstellerin
Judi Dench („Mrs. Henderson Presents“)
Felicity Huffman („Transamerica“)
Keira Knightley („Stolz und Vorurteil“)
Charlize Theron („Kaltes Land“)
Reese Witherspoon („Walk the Line“)

Bester Nebendarsteller
George Clooney („Syriana“)
Matt Dillon („L.A. Crash“)
Paul Giamatti („Das Comeback“)
Jake Gyllenhaal („Brokeback Mountain“)
William Hurt („A History of Violence“)

Beste Nebendarstellerin
Amy Adams („Junebug“)
Catherine Keener („Capote“)
Frances McDormand („Kaltes Land“)
Rachel Weisz („Der ewige Gärtner“)
Michelle Williams („Brokeback Mountain“)

Bester Regisseur
Ang Lee („Brokeback Mountain“)
Bennett Miller („Capote“)
Paul Haggis („L.A. Crash“)
George Clooney („Good Night, and Good Luck“)
Steven Spielberg („München“)

Bester ausländischer Film
„Sophie Scholl - Die letzten Tage“ (Deutschland)
„Don't Tell“ (Italien)
„Joyeux Noel“ (Französische Koproduktion mit mehreren deutschen Schauspielern)
„Paradise Now“ (Palästinensergebiete)
„Tsotsi“ (Südafrika)



Text: FAZ.NET mit Material von dpa
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, dpa/dpaweb, REUTERS

 
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