Medien

„Berliner Zeitung“ ist auf dem Weg zur Billignummer

Von Christian Schwägerl, Berlin

Mann mit schwierigem Job: Josef Depenbrock

Mann mit schwierigem Job: Josef Depenbrock

01. Juni 2006 Der neue Chefredakteur der "Berliner Zeitung", Josef Depenbrock, hat ein schwieriges Amt angetreten: Im Auftrag seines Dienstherrn David Montgomery muß er die Zeitung finanziell auspressen wie eine Zitrone, der Redaktion ihren Idealismus austreiben, dem Blatt die Symbole überregionaler Bedeutung rauben - und nach außen unverdrossen die Formel vom "Investieren in Qualität" verkünden.

Das Einkommen, das Depenbrock simultan aus Chefredakteurssalär und Geschäftsführungsaufgabe beim Mutterunternehmen BV Deutsche Zeitungsholding erzielt, darf angesichts der Verrenkungen und der guten Miene zum bösen Spiel, die diese Aufgabe erfordert, auch als Schmerzensgeld angesehen werden.

Gebrochene Versprechen

Als dünne "Notausgabe" erschien die "Berliner Zeitung" am Dienstag, zum Ausdruck kommen sollte die Not einer Redaktion, die trotz ständig wechselnder Besitzer und Chefredakteure, trotz immer neuer Ankündigungen und gebrochener Versprechen unverdrossen eine Zeitung macht, in der die Vielfalt der Leserschaft ebenso verkörpert ist wie der Anspruch, trotz einer regionalen Verbreitung weit über Berlin hinauszublicken. Daß die "Berliner Zeitung" in den vergangenen Jahren während ständiger Umbrüche zudem ein profitables Blatt war und sich in PDS-Hochburgen, in den Bohemienvierteln und im Westen der Stadt verkauft hat, unterstreicht die Leistungen der Redaktion.

Der britische Investor David Montgomery und seine Geschäftspartner werden, nehmen die Ereignisse ihren vorgezeichneten Lauf und werden die überzogenen Renditeerwartungen eingetrieben, nun die letzten Besitzer jener "Berliner Zeitung" sein, die sich einen festen Platz im politischen und kulturellen Leben der Hauptstadt und des Landes erobert hat. Zu den ersten inhaltlichen Äußerungen Depenbrocks gehörte die Feststellung, es sei doch ein erstaunliches Mißverhältnis, wenn das "Vermischte" 1,6 Redakteursstellen habe und das Feuilleton zwölf. "Investieren in Qualität" a la Montgomery dürfte so aussehen: In absehbarer Zeit hat das Vermischte 2,5 Redakteure und das Feuilleton deutlich weniger als heute.

„Ohne-Not-Ausgabe“

Mit dem Amtsantritt Depenbrocks bekommen die Leser nun täglich eine "Ohne-Not-Ausgabe" geliefert: Ohne Not wird das Kulturprodukt "Berliner Zeitung" in eine Billignummer verwandelt, ohne Not verlangt Montgomery der Zeitung Summen ab, die sie nur unter Aufgabe ihrer Identität abliefern kann.

Daß Zeitungen Unternehmen sind, die Geld verdienen wollen und müssen, mag mancher naive Journalist mitunter verdrängen. Doch auch wenn die Forderung der Redaktion, künftig bei der Bestellung ihres Chefs mitzuwirken, naiv erscheint, brauchen diese Journalisten Nachhilfe auf dem Gebiet des Geldverdienens nicht. Es geht um den Unterschied zwischen Wirtschaften und Herunterwirtschaften: Montgomery zeigt eine Unersättlichkeit, die von der "Berliner Zeitung" nur eine blutleere Hülle übriglassen könnte.

Text: F.A.Z., 01.06.2006, Nr. 126 / Seite 42
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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