30. April 2006 Alle waren da beim großen Finale, die Kanzlerin, der Klinsi, der Kaiser, aber damit war es noch nicht genug der großen Ks, die derzeit zur Grundausstattung einer zeitgemäßen Fernsehshow gehören: Natürlich gab es Köche und Kinder und Karten für die WM, es gab jede Menge Klischees und ein besonders gräßliches Kostüm: Der Moderator hatte sich in eine Art aufblasbaren Ball gezwängt, mit Ärmeln und Beinen in den deutschen Farben, in dem er aussah wie das Truckermaskottchen Brummi oder, wenn man so will, wie dessen mittlerweile berühmterer real existierender Doppelgänger Reiner Calmund, und erklärte, als ob man tatsächlich noch eine Begründung benötigte, wenn man im deutschen Fernsehen schlechten Geschmack beweist, daß man ja den hübschen brasilianischen Tänzerinnen etwas entgegensetzen müsse. Es wird allmählich Zeit, daß die Ironie in den Kanon der deutschen Tugenden aufgenommen wird, vor allem die mißlungene.
Es war die letzte von vier Ausgaben der "WM-Show mit Jörg Pilawa", und das traurigste an dieser Veranstaltung ist sicher nicht, daß sie schon zu Ende ist; viel trauriger ist, daß sie nur am Anfang einer Lawine von Programmen steht, mit denen die Fernsehsender des Landes die Zuschauer auf das bevorstehende Sportfest vorbereiten wollen; und was noch trauriger ist: sie war nicht einmal die schlechteste. Und trotzdem wäre sehr viel Geld für einen guten Zweck zusammengekommen, hätte man in Pilawas Show das Phrasenschwein des DSF-Fußballstammtischs "Doppelpaß" aufgestellt, in das dort für jede ausgelutschte Fußballweisheit drei Euro einbezahlt werden müssen.
Mit missionarischem Eifer
Es ist keine Überraschung, daß die WM nicht nur ein sportliches, sondern auch ein mediales Großereignis wird, größer und länger und deutscher und wahnsinniger als je zuvor. Daß es ab dem 9. Juni nur noch ein Thema geben soll, ist längst beschlossene Sache, nur ein paar rechtelose Spielfilmsender wehren sich bemüht mit Alternativprogrammen: Das Vierte setzt auf "Wahre Männer statt Jungs in kurzen Hosen" und ruft die "Hollywood-WM" aus, Pro Sieben versucht unter dem Slogan "WM for the Girls" mit Filmen wie "Große Mädchen weinen nicht" und einer Wiederholung der fünf beliebtesten Folgen von "Sex and the City" die letzten Teenager zu erreichen, die sich noch nicht in Michael Ballack verliebt haben - und will sich andererseits am Ende doch nicht vorwerfen lassen, seinen von wem auch immer verordneten Bildungsauftrag nicht wahrzunehmen: "Feste Rubriken in allen Magazinen", so verspricht der Sender, sollen "das nötige Know-how" liefern, "um perfekt auf die WM vorbereitet zu sein."
Mit missionarischem Eifer arbeiten fast alle Sender daran, die Zielgruppen des Landes zu einem einzigen Fanblock zusammenzuschweißen. Das Aufwärmprogramm zur WM ist eine gigantische Nachhilfestunde, nicht nur die Girls sollen spätestens zum Eröffnungsspiel die fundamentalen Regeln und die abgedroschensten Phrasen beherrschen. Wer bis zum 9. Juni noch immer nicht weiß, wer Goleo ist und daß er keine Hose trägt, was passives Abseits bedeutet und daß sich Netzer und Delling auch privat immer noch siezen, der sollte sich dringend schon mal nach einem Chatroom umschauen, in dem er während der WM seine sozialen Kompetenzen aufrechterhalten kann.
Männerkrankheiten und stereotype Geschlechterrollen
Das Fernsehen ist an solchen Bildungslücken ausnahmsweise einmal nicht schuld: Von allen Seiten wird das sogenannte Phänomen Fußball beleuchtet, der Mythos und seine Welt, für alle Bevölkerungsgruppen wird er zugänglich gemacht, für Frauen, für Mädchen, für Linke und für Literaten.
Auf Pro Sieben zählt das Großmaul vom Dienst, Oliver Pocher, die Tage in "Oliver Pochers WM-Countdown" mit traditionellen Respektlosigkeiten wie Polenwitzen und Selbstironie herunter; auf MTV scheitert Tobias Schlegl mit dem Versuch, "Bravo"-kompatiblen Fußballstars halbwegs spontane Reaktionen zu entlocken; Arte, der "offizielle Kultursender des Kunst- und Kulturprogramms zur Fifa-WM 2006", dekliniert in einem Themenabend nach dem anderen alle künstlerischen, ästhetischen und cineastischen Aspekte des Sports durch; auf Terranova hebt Daniel Cohn-Bendit den moralischen Zeigefinger und diskutiert in "Cohn-Bendit trifft . . ." über Kommerz und Rassismus im Fußball; Denis Scheck plaudert in der Büchersendung "Druckfrisch" mit dem verhinderten Profikicker Peter Esterhazy; Guido Knopp balsamiert im ZDF die deutsche Seele mit seinem Doku-Spiel "Wir Weltmeister" ein; Johannes B. Kerner moderiert erst die zweiteilige Dokumentation "Faszination Fußball" weg, bevor er Ende Mai den besten deutschen Fußballer sucht, als wäre dies nicht längst ein Amt auf Lebenszeit, und bringt dann Anfang Juni gemeinsam mit Thomas Gottschalk die 2006 letzten WM-Tickets unters Volk, wozu er natürlich knapp drei Stunden braucht; auf Sat.1 verklärt Sönke Wortmann mit seiner Serie "Freunde für immer" das Fußballfieber zur unheilbaren Männerkrankheit und strapaziert dabei stereotype Geschlechterrollen, wie es seit Doris Dörries "Männern" nicht mehr geschehen ist; RTL begleitet in seiner mehrteiligen Reportage "Herzrasen" sogenannte WM-Macher wie den "Pokal-Beauftragten" der Fifa, einen Herrn namens Emmanuel Marabas aus dem Tschad, und die Einwohner des badischen Städtchens Walldorf, in dem Deutschlands Erstrundengegner Costa Rica sein Quartier gebucht hat.
Alternde Sportler als notwendige Grundausstattung
Und wenn der Sender dann am 26. Mai noch einmal Sonja Zietlow "Die 10 . . . spektakulärsten Fußball-Momente" resümieren läßt, bewirbt er die Show tatsächlich mit der unglaublichen Frage: "Wußten Sie eigentlich, daß der Kaiser auch mal gesungen hat?" Ja, wußten wir - zum Beispiel aus der WM-Show "Alles Fußball", in der ihr Kollege Oliver Geissen eine Woche vorher noch einmal "unvergeßliche Momente aus dem Leben der Fußballstars" aus der Mottenkiste holen soll, Momente, die alleine schon deshalb unvergeßlich sind, weil man schon bei Pilawa und Pocher daran erinnert wurde und zwischendurch in der Sat.1-Show "Die Hit Giganten - Fußballhits" mit Hugo Egon Balder.
Wie gesagt: Man hat sich ja keine Illusionen gemacht, über die zu erwartende Allgegenwärtigkeit der WM. Doch während die quantitative Zunahme der Programme absehbar war, werden die qualitativen Veränderungen, die damit verbunden sind, erst jetzt sichtbar: Wie ein Filter legt sich das Thema Fußball über den Fernsehalltag, jedes Format wird auf seinen Bezug zum Spiel hin überprüft und mit dem allseits verfügbaren Personal entsprechend ausstaffiert. Schon seit Jahren ist das Fernsehen das am nächsten liegende Reservat für alternde Sportler, im Moment aber gehört ein Nationalspieler, der irgendwo sein Album mit Kinderfotos vorzeigen kann, einen Witz über Jürgen Klinsmann erzählen oder zumindest einem Kind über den Kopf streicheln, zur notwendigen Grundausstattung.
Dem Fan reicht der Klassiker im Nachtprogramm
Das einzige, worüber man sich wundern kann, ist die Tatsache, daß noch nicht alle gängigen Formate ihre fußballerischen Fähigkeiten demonstriert haben; aber es ist ja noch ein wenig Zeit. Es wäre ja auch zu schade, wenn das Team von "Umzug in ein neues Leben" nicht die Nationalmannschaft der Elfenbeinküste beim Umzug ins Trainingslager in Niederkassel begleiten würde; wenn man von "Do it Yourself - S.O.S" keine Tips zum Dekorieren eines amtlichen Fernsehzimmers bekäme oder auf die "Frauentausch"-Folge mit Martina Effenberg und Claudia Strunz verzichten müßte.
Sie sind fast überall, die Menschen, die es sonst eher gewohnt sind, ihre Antworten auf dem Platz zu geben, weshalb man nicht gleich wieder den Verfall irgendeiner Kultur beklagen muß: Das Fernsehen ist schließlich ganz bei sich, wenn dumme Leute dumme Dinge tun. Es gab nur bisher eine Art Gentlemen's Agreement, daß sich jeder Zuschauer das Personal selbst aussuchen konnte, das diese Form der Unterhaltung für ihn erledigte, und wer sich bisher über die Inflation des Fußballs im Fernsehen beklagte, meinte in der Regel die Übertragungen der Spiele. Ein wenig glich die Situation der Rahmenhandlung der neuen Wortmann-Serie: Es gab zwei Lager, auch wenn man diese nicht unbedingt auf Männer und Frauen reduzieren muß: Die einen schauten fast nur Fußball, die anderen haßten ihn, und zwischen beiden Parteien herrschte ein Nichtangriffspakt. Mit der Durchdringung des Fernsehens allerdings zwingen die Programmgestalter nicht nur den Ignoranten den Sport auf; sie nehmen ihn auch den Fans weg. Wer sich wirklich für das Spiel interessiert, dem reicht es, zur Vorbereitung noch einmal ein paar Länderspiel-Klassiker im Nachtprogramm anzuschauen. Heute würde so etwas vermutlich als Gnosis verbucht.
"Dem Ball is' egal, wer ihn tritt", heißt eine Initiative gegen den Rassismus unter Fußballfans. Was das Fernsehen betrifft, ist das leider nicht die Wahrheit. Er kann sich nur nicht wehren.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.04.2006, Nr. 17 / Seite 32
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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