Kino

Die Giganten

Von Verena Lueken, Boston

26. September 2006 Der Schemen ist nicht sofort zu identifizieren, aber die Stimme erkennt man auf der Stelle: „Cops or criminals“, doziert Jack Nicholson sonor und ein wenig verschleppt, als gebe er eine außerordentlich bedeutsame Information weiter, „when you are facing a loaded gun“ - hier macht er eine Pause, während sein Schemen sich weiter von links nach rechts bewegt und schließlich den Kopf ins Licht dreht, so daß er uns direkt anblickt und wir auch sein Gesicht erkennen können - „what's the difference?“ Die Augenbrauen bewegen sich in Richtung Haaransatz, das Kinn neigt sich, dann kommt ein Schnitt, und der Trailer für Martin Scorseses neuen Film „The Departed“ nimmt seinen Lauf.

Ein Mann fällt vom Dach, Bewaffnete laufen umher, Scheiben werden zerschossen. Leonardo DiCaprio, Matt Damon, Mark Wahlberg, Martin Sheen, sie alle rennen oder sitzen, lassen sich verprügeln oder ducken sich in dunkle Ecken, ziehen ihre Pistolen, umarmen ihre Freundinnen, wie das so geht in den Zusammenschnitten, die das Publikum auf einen Film einstimmen sollen, den es erst viel später wird sehen können. Aber im Gedächtnis steckt wie ein verkanteter Pfahl Jack Nicholsons genrephilosophische Belehrung: „Bullen oder Kriminelle, was ist schon der Unterschied, wenn eine geladene Waffe auf dich gerichtet ist?“ Darum wird es gehen in diesem Film: Wer ist wer, und kommt es darauf an?

Das Team im Regen

Bei einem Besuch der Dreharbeiten im vergangenen Sommer in Boston, wo der Film spielt, war diese Szene längst abgehakt und Jack Nicholson - der zum ersten Mal in einem Scorsese-Film mitspielt und seine Rolle in Zusammenarbeit mit dem Regisseur und dem Drehbuchautor William Monahan noch am Set um einiges mächtiger gestaltet hat als vorgesehen -, schon wieder irgendwo anders unterwegs. Es war in jener Woche einige Tage außergewöhnlich naß und kühl und dann plötzlich unerträglich heiß. Beides kann das Filmteam nicht gebrauchen. Gegen die Sonne, die einen Film, der düster werden soll wie dieser, zu freundlich beleuchtet, spannt der Kameramann Michael Ballhaus auf Hochhausdächern gebrochen weiße Seidensegel, die die gesamte Szene überdecken. Gegen Nässe, Kälte und Wind hilft nur Regenkleidung für Extremsportler. Die Schauspieler, die Lederjacken oder Anoraks und häufig Stiefel als Kostüm tragen, leiden in der Hitze, das Team im Regen. Die Neugierigen, die trotz aller Versuche, die Drehorte geheimzuhalten, überall pünktlich zur Stelle sind, erweisen sich hingegen als wetterresistent.

Charlestown, eine Arbeitersiedlung im Süden Bostons in unmittelbarer Nähe des Flusses und einer Eisenbahnbrücke, unter der eine Szene spielt, in der ein Auto heranfährt und Leonardo DiCaprio verprügelt wird, ist das Viertel, in dem Mark Wahlberg aufgewachsen ist - von ihm geht das Gerücht, er habe seinen drei Assistenten jeweils einen Bentley gekauft. Ein solcher steht jedenfalls hier im Schlamm und wird naß. Es ist ein ärmliches Viertel mit Häusern, die aussehen, als seien vor hundert Jahren ein paar Sperrholzwände aneinandergenagelt und diesem Kasten ein Giebel aufgesetzt worden, mit Vorgärten, in denen rostige Autos stehen, und klapprigen Gartenmöbeln zwischen überwucherten Beeten.

Mittagessen mit Martin Sheen

Obwohl der Regen kübelweise niedergeht, haben sich zahlreiche Bewohner, die Frauen in großem Make-up und kleinen Shorts, zur Gartenarbeit oder zum Ballspiel mit den Kindern versammelt, in der Hoffnung, einen Blick auf DiCaprio oder Damon oder Wahlberg auf dem Weg zum Lunchzelt zu erhaschen, das irgendwo auf einem freien Rasenplatz aufgebaut ist. Doch die Stars gehen natürlich nicht zu Fuß, und sie kommen auch nicht ins Zelt, sondern werden in Limousinen zu ihren Wohnwagen kutschiert. Die durchnäßten Anwohner müssen mit Martin Sheen vorliebnehmen, der DiCaprios ehrlichen Kontaktmann bei der Polizei spielt und der von den Darstellern am Drehort der beliebteste ist, allürenlos, jovial, publikumsfreundlich. Sheen bleibt der einzige, der mit dem Team zum Mittagessen geht - genau sechs Stunden nach Arbeitsbeginn, die Gewerkschaften sind streng. Jack Nicholson, so heißt es, war Mitarbeitern und ungebetenen Zaungästen gegenüber weniger aufgeschlossen.

„The Departed“ wird Anfang Oktober in den Vereinigten Staaten in die Kinos kommen, seine Europa-Premiere beim Filmfestival in Rom eine gute Woche später erleben und in Deutschland Anfang Dezember starten. Der Film ist ein Remake des Hongkong-Kultthrillers „Infernal Affairs“ aus dem Jahr 2002 - oder, wie Scorsese sagt: „inspired by“. Mehr als die Grundidee der Geschichte werden die Filme kaum gemeinsam haben: Ein junger Polizist aus nicht sehr gutem Hause wird als Undercover-Agent bei der Mafia eingeschleust; ein anderer, dessen Loyalität dem Mafiaboß gehört, macht bei der Polizei Karriere - wir haben es also mit zwei „Ratten“ zu tun, zwei Männern, die nicht sind, wer sie vorgeben zu sein, zwei Verrätern, zwei, die einander schließlich jagen werden, jeder getrieben von der Angst, daß seine Identität entdeckt wird, bevor er den anderen entlarven kann. Leonardo DiCaprio, der bereits in „Gangs of New York“ und in „The Aviator“ mit Scorsese zusammengearbeitet hat, spielt den Polizisten undercover bei der Mafia, Matt Damon ist der Mafioso in Diensten der Polizei. Und den Mafiaboß, der ihnen beiden sagt, was zu tun ist, spielt Jack Nicholson.

Sturz aus dem siebten Stock

Wie ein großer Raubvogel beugt sich Leonardo DiCaprio über den Regiestuhl, in dem Martin Scorsese fast verschwindet, den Hals vorgereckt, als wolle er Beute schnappen. Es ist inzwischen heiß geworden und das Drehteam von Charlestown zurück in die Stadt gezogen. Gerade wurde in einer engen Gasse zwischen halbhohen Ziegelhäusern, in denen früher Manufakturbetriebe untergebracht waren, eine Szene gedreht, in der DiCaprio ein Mann (der natürlich eine Puppe ist) aus dem siebten Stock vor die Füße fällt. Dabei spritzt Blut, das dem Schauspieler jetzt noch am Ohr klebt, das Hemd hat er bereits gewechselt, mehrfach schon. Angestrengt schaut er auf den Monitor, auf dem die Szene noch einmal abläuft, und scheint zufrieden zu sein. Scorsese ist es auch. Es war das achte oder neunte Mal, daß diese Einstellung wiederholt wurde, und Scorsese läßt es gut sein. Die Covershots, die noch gebraucht werden, sie sind Routine für die Crew.

„Haben wir noch genug Blut?“ ruft der Regisseur. Das wird jetzt für Martin Sheen gebraucht, der den Platz der Puppe auf dem Asphalt eingenommen hat. Eine Stylistin wischt DiCaprio am Ohr herum, er zieht seine Jacke über, und weiter geht's mit einer Nahaufnahme des erschütterten DiCaprio, der sich über seinen toten Vertrauten bei der Polizei beugt, eine Lebensversicherung, die jetzt ausgelaufen ist. Am nächsten Tag dreht die zweite Kamera-Unit unter Tom Lappin, der jahrelang bei Ballhaus als „focus puller“ gearbeitet hat und jetzt zum ersten Mal als „camera operator“ dabei ist, das Ganze noch einmal, diesmal mit Stuntman für den Sturz und ohne DiCaprio. Für Martin Sheen war es die letzte Szene. Von nun an sehen die Neugierigen gar keinen Star mehr auf dem Weg zum Lunch.

Die Identitäten sind austauschbar

Gangstergeschichten, ob sie in Hongkong, in Boston oder New York spielen, verlangen vom Regisseur eine gewisse Leidenschaft fürs Regellose, ein Verständnis für Codes des Maskulinen, Lust am Rituellen und eine Unerschrockenheit gegenüber physischer Auseinandersetzung. Ortskenntnis verlangen sie nicht ungedingt. An jenen Tagen im vergangenen Sommer konnte man meinen, Scorsese drehe seinen gesamten Film dort, wo er spielt, in den Straßen Bostons, wo die irisch-amerikanische Mafia herrscht, einem Gebiet, das für Scorsese nicht so vertraut ist wie Little Italy, aber Heimat des Autors William Monahan, der hier jede Ecke kennt. Doch ein Großteil des Films wurde in New York gedreht, aus finanziellen Gründen, weil die Stadt, die aus denselben Erwägungen heraus so häufig von Toronto gedoubelt wird, gerade einen Steuernachlaß für Filmproduktionen beschlossen hatte, den Boston nicht bieten konnte. Die Identitäten sind austauschbar in „The Departed“, das gilt auch für die Schauplätze.

Matt und Leo, wie sie jeder am Set nennt, sind nicht zu verwechseln, aber sie tragen die gleichen Haarstoppeln, an denen ihr jeweiliger Friseur vor jeder Aufnahme herumzuppelt, als ließe sich dadurch irgendwas daran ändern, daß sie bürstenartig in der Luft stehen. Die beiden, die im Film Billy und Colin heißen, sind in gewisser Weise Doppelgänger, verkehrte Spiegelbilder füreinander. Als Schauspieler aber könnten sie gegensätzlicher kaum sein. Leonardo DiCaprio, den Ballhaus einen „lieben Jungen“ nennt, ist ein Instinktdarsteller, der restlos in seiner Rolle aufgeht, sobald die Kamera läuft. Matt Damon ist intellektueller, sein Rollenzugang kühler, und er wirkt entspannter in den Szenen, was eine Täuschung sein mag. Jedenfalls haben beide ihre Rituale. Damon greift regelmäßig seiner englischen Stylistin in die Handtasche, um nach einem Pfefferminz zu fischen, DiCaprio läßt sich ebenso regelmäßig von seiner Stylistin mit einem batteriebetriebenen Miniventilator etwas abkühlen. Die beiden reden viel in den Drehpausen, rauchen und wirken konzentriert für den nächsten Take, wenn sie wieder sagen müssen: „Get your fucking hands up, I'll fucking arrest you“, diese Art von Dialog.

Er wirkt immer glücklicher

Auf dem Dach des Hauses, von dem am Vortag die Puppe fiel, stehen sich Billy und Colin in ihrer entscheidenden Konfrontation gegenüber. Es ist bullenheiß, die Möwen kreischen, und Billy schlägt Colin nieder. Unter den Sonnensegeln, die Ballhaus gespannt hat, herrscht ein butterweiches Licht. Je öfter er die Szene wiederholen läßt, desto besser scheint sie Scorsese zu gefallen, er wirkt immer glücklicher, kommt aus dem kleinen Zelt, in dem sein Stuhl und seine Monitore stehen, herausgelaufen, strahlt und ruft: „Wir machen das noch ein paarmal“, nur aus Spaß daran, wie es scheint, daß alles so gut klappt. Darüber wird es Mittag, die Pause naht, und dies ist immer noch erst die dritte Einstellung von zwölf, die für diesen Tag geplant sind.

Michael Ballhaus hat sechs Filme mit Martin Scorsese gedreht, dies ist der siebte. „The Departed“ wird am Ende weit über hundert Millionen Dollar verschlungen haben, aber was aus den vielen Stunden Film werden wird, die er belichtet hat, weiß Ballhaus, während er dreht, nicht genau. Bei „GoodFellas“ konnte er präzise sagen, was für einen Film er fotografiert hatte. Bei „Gangs of New York“ hatte er eine Wunschvorstellung davon, was aus dem Material werden sollte. Doch wie „The Departed“ aussehen wird, den er monatelang vorbereitet hat und an dem er seit vielen Wochen arbeitet, entzieht sich seiner Phantasie. Aber Ballhaus weiß, daß die verregnete Szene unter der Brücke in Charlestown wunderbar aussieht - und daß die Konfrontation der beiden „Ratten“ auf dem Dach unter den gebrochen weißen Sonnensegeln auch sehr schön geworden ist.

Wie gelungen die Szenen tatsächlich sind, wird ihm erst später klar. Alle Zweifel, die ihn beim Drehen manchmal überkamen, sind nach Sichtung des fertigen Films Makulatur. „The Departed“, behauptet er heute, sei Scorseses bester Film.

Martin Scorsese, geboren 1942 in New York, und Michael Ballhaus, geboren 1935 in Eichelsdorf in Unterfranken, trafen sich Anfang der achtziger Jahre in New York. Ballhaus, der in Deutschland 1960 seinen ersten Fernsehfilm und später unter anderem sechzehn Filme mit Rainer Werner Fassbinder gedreht hatte, hatte seine erste amerikanische Produktion gerade hinter sich. Scorsese war mit Filmen wie „Alice Doesn't Live Here Anymore“, „Taxi Driver“, „The Last Waltz“ und „Raging Bull“ bereits weltberühmt. Ihr erster gemeinsamer Film ist 1985 „After Hours“. Es folgen 1986 „Die Farbe des Geldes“, 1988 „Die letzte Versuchung Christi“, die Scorsese eine Oscar-Nominierung einbringt, 1990 „Goodfellas“, für den beide jeweils in ihrer Kategorie für den Oscar nominiert werden, 1993 die Edith-Wharton-Verfilmung „Die Zeit der Unschuld“, 2002 „The Gangs of New York“, wiederum mit einer Oscar-Nominierung für beide. 2006 folgt nun „The Departed“, der Anfang Oktober in den Vereinigten Staaten in die Kinos kommen wird.



Text: F.A.Z., 26.09.2006, Nr. 224 / Seite 35
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv, Warner Bros./Cinetext

 
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