Von Volker Lilienthal
14. Februar 2005 Das deutsche Fernsehen und seine Kuriosa: Im Norddeutschen Fernsehen läßt sich zur Zeit montags um 18.15 Uhr beobachten, wie sich der in Norddeutschland recht bekannte Michael Thürnau, mit 186 Kilogramm Deutschlands dickster Moderator - so die AOK - , bemüht, abzunehmen.
Thürnaus FettWegShow - Der Norden speckt ab! heißt die Ratgeberreihe, die von den Allgemeinen Ortskrankenkassen von Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern unterstützt wird.
Sendestart war am 10. Januar. Ohne Zwang und Druck, so erklärte Christine Lüer, damals noch Vorstandsvorsitzende der AOK Niedersachsen, am Tag zuvor, kann sich jeder Übergewichtige seinem persönlichen Wohlfühlgefühl nähern. In der zweiten Sendung war die Managerin selbst zu Gast und begründete, warum sich die Gesundheitskasse für bessere Ernährung und mehr Bewegung engagiert. Am 8. Februar wurde Lüer fristlos gekündigt: Wegen umstrittener Sonderprämien von 60.000 Euro war sie unter Druck geraten. Schon zu Beginn der Affäre hatte sie damit gerechnet, daß mein Kopf rollen wird.
Das alles hat für Negativschlagzeilen gesorgt. Wesentlich positiver kommt die AOK in der FettWegShow weg. Dort entsteht der Eindruck: Grün ist die Hoffnung. Die Leitfarbe der Krankenkasse leuchtet auf einem von Moderatorin Katrin Krebs und Abspecker Thürnau gezeigten FettWegPass und auf grünen T-Shirts mit der Aufschrift Fettweg-Team/AOK Mecklenburg-Vorpommern. Auf Spruchbändern prangt das grüne AOK-Logo. Ein Werbespot ist das nicht, nein, eine Ratgebersendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. AOK und NDR engagieren sich - was sollte daran falsch sein? Das verrät der Blick auf die Finanzierung der Fernsehreihe.
1,52 Millionen Euro
Die FettWegShow ist eine Auftragsproduktion der Firma TV Plus in Hannover für den NDR. Geschäftsführender Gesellschafter von TV Plus ist Michael Heiks, der mit seiner Berliner Firma TV 21 für die ARD Sabine Christiansen produziert. Früher war Heiks NDR-Funkhausdirektor in Kiel. Der Produktionsetat für die Diätshow kommt nicht vom NDR, sondern von der Nordmedia GmbH in Hannover, einer Fördereinrichtung der Länder Niedersachsen und Bremen, bei welcher auch der NDR, Radio Bremen und das ZDF mit von der Partie sind. Ein Vergabeausschuß verteilt jährlich zehn Millionen Euro, etwa für Sendungen wie Royalty (Rolf Seelmann-Eggebert), Lieb und struppig sucht, Gartenduell, Fernsehtiergarten, Wohnträume in Niedersachsen sowie Herrenhäuser und Schlösser in Niedersachsen (mit Alida Gundlach).
Nun also die FettWegShow. Auch sie wird von Nordmedia begünstigt: TV Plus bekam 852.007,10 Euro für fünfzehn Folgen à dreißig Minuten. Zudem erhielt die Produktionsfirma rund 672.000 Euro aus sogenannten NDR-Aufstockungsmitteln. Das sind NDR-Gelder, die über Nordmedia zur Auszahlung kommen. Macht zusammen: rund 1,52 Millionen Euro. Nordmedia fördert offiziell fünfzehn Folgen. Daraus sind inzwischen zwanzig Sendungen geworden. Bei zwanzig Halbstundenformaten beläuft sich der Minutenpreis auf 2540 Euro. 1,52 Millionen: dies ist auch die Größenordnung, die sich Nordmedia als Regionalfördereffekt, also als wirtschaftsbelebende Ausgaben im Land Niedersachsen, erwartet. Gemäß den Förderrichtlinen wird vom Produzenten Heiks ein Eigenanteil von zehn Prozent erwartet: rund 150.000 Euro, für die er Nebenrechte behalten darf.
Ein vierstelliger Betrag
Ob im Förderantrag alle Finanzierungsquellen offengelegt waren? Was der Nordmedia und dem NDR bislang unbekannt war: Auch die AOKs der norddeutschen Bundesländer waren bereit, einen Produktionskostenzuschuß an TV Plus zu zahlen. Dies bleibe aber im vierstelligen Euro-Bereich, sagte Annegret Bartels, Marketingleiterin der AOK Niedersachsen. Gemeint ist: ein Betrag von 1000 bis 9999 Euro - pro Folge. So hätten also, zehn Folgen der ersten Staffel zugrunde gelegt, nochmals 10.000 bis fast 100.000 Euro hereinkommen können. Michael Heiks bestätigt die Absprache mit der AOK und will sie dem NDR und der Nordmedia angezeigt haben.
Die genaue Summe habe noch nicht festgestanden, der Vertrag über die Beteiligung sei noch nicht ausverhandelt, erklärte er zunächst, versicherte aber vorsorglich: Das Geld werde nicht einbehalten, sondern Nordmedia erstattet. Ob damit die medienrechtliche Problematik ausgeräumt wäre, erscheint fraglich. Die AOK als Objekt der Berichterstattung in der FettWegShow hätte, wenn auch nachträglich, die Imagewerbung zum eigenen Vorteil teilweise mitbezahlt. Damit wäre man in einer Grauzone, in der sich die Frage nach bezahlter Schleichwerbung stellt. Zudem darf der Sender nicht in Ruch geraten, einen geldwerten Vorteil dank der AOK zu erlangen.
Es gibt keine Beteiligung
Der NDR erklärte, erst durch die Nachfrage von der etwaigen Nachfinanzierung erfahren zu haben. Die FettWegShow sei von Nordmedia und NDR zu hundert Prozent finanziert. TV Plus sei angewiesen worden, keine finanzielle Kooperation mit der AOK einzugehen. Der Produzent Heiks erklärte daraufhin, die Gespräche mit der AOK seien beendet: Es gibt keine Beteiligung an den von uns geschätzten Zusatzkosten. Damit meint er ungeplante Aktionskosten, die das Budget überschritten hätten.
Daß die AOK thematisch und optisch in der Sendung vorkomme, sei vorher geprüft worden und in Ordnung, sagte der NDR-Sprecher Martin Gartzke. Daraus resultiere aber keinerlei Verpflichtung, der AOK eine bestimmte optische Präsenz zu garantieren. Der Produzent sei angewiesen worden, die optischen Bezüge zur AOK auf das bei einer solchen Zusammenarbeit unvermeidliche Maß zu begrenzen. Laut Annegret Bartels war es derweil die Produktionsfirma TV Plus, die im vergangenen Herbst auf die Krankenkassen mit dem Vorschlag einer gemeinsamen Aktion zugekommen sei. Die Initiative ging also vom Fernsehen aus - nicht vom Sender, aber von seinem Auftragsproduzenten.
Den Richtlinien entwischt
In der FettWegShow gibt es auch Gewinnspiele, bei denen der Preisstifter gezeigt wird. Das ist richtlinienkonform. Die gebotene Anbindung ans Gewinnspiel geriet aber mitunter in Vergessenheit: Am 7. Februar sahen wir Thürnau, wie er eine Wasserflasche mit gut leserlichem Etikett leert. Das war 18.32 Uhr. Das Gewinnspiel wurde erst 18.36 Uhr aufgerufen.
Der Kasus FettWegShow zeigt, wie die Fernsehwirklichkeit den Richtlinien über die Trennung von Werbung und Programm entwischt. Ratgebersendungen werden grundsätzlich nicht gesponsert, hat sich der NDR verordnet. Um offizielles Sponsoring geht es hier in der Tat nicht. Das angedachte, dann gestoppte AOK-Modell stellt eine neue Variante dar.
Kein Geld für die Kultur
Es kommt noch übler: Der Etat der Fördergesellschaft Nordmedia schrumpft. Der NDR will seine Leistungen um 150.000 Euro kürzen, die Landesregierung Niedersachsen kürzte ihre Mittel 2005 um 980.000 Euro. Das hat Folgen für die kulturelle Filmförderung und niedersächsische Filmfestivals, denen Nordmedia Zuschüsse entweder ganz gestrichen oder drastisch gekürzt hat.
Daß statt für die Kultur reichlich Geld für die FettWegShow da ist, das hat im Niedersächsischen Landtag Politiker von CDU, Grünen und SPD gleichermaßen erzürnt. In einer fraktionsübergreifend verabschiedeten Entschließung hielten die Parlamentarier fest, es sei problematisch, wenn Fernsehanstalten Förderungen für Produktionen bekommen, die sonst üblicherweise aus dem eigenen Etat der Fernsehanstalten finanziert werden.
Dies gelte besonders für Formate, die weder besonders anspruchsvoll noch für das Land Niedersachsen imagefördernd noch für die Entwicklung des Medienstandortes Niedersachsen von Bedeutung sind.Das Ringen mit dem NDR um seltsam finanzierte Shows wie diese wird sich wohl noch fortsetzen. Die FettWegShow läuft weiter.
Der Verfasser ist Leitender Redakteur des Fachdienstes epd medien.
Text: F.A.Z., 14.02.2005, Nr. 37 / Seite 38
Bildmaterial: NDR/Marcus Krüger