Kino

Blondkehlchen: Scarlett Johansson verzückt Venedig

Von Andreas Kilb

01. September 2006 Man denkt immer, solche Mädchen fallen vom Himmel. Aber Scarlett Johansson hat ihre Karriere mit stählerner Energie betrieben. Mit sieben Jahren sprach sie mit ihrem Zwillingsbruder Hunter für Auftritte in Werbespots vor, mit acht stand sie zum ersten Mal auf einer New Yorker Bühne, zusammen mit dem schon damals berühmten Ethan Hawke. Mit neun besuchte sie das von Lee Strasberg gegründete „Theatre Institute for Young People“. Nebenbei ging sie auf eine private Highschool für schauspielernde Kinder. Daß sie erst mit achtzehn entdeckt wurde, als sie in Sofia Coppolas „Lost in Translation“ die gelangweilte Frau eines reisenden Fotografen in Tokio verkörperte, ist jedenfalls nicht Scarletts Schuld. Vergessen wir also das Märchen vom Aschenputtel in Hollywood.

Trotzdem ist Scarlett Johansson ein Naturtalent. Sie hat eine Stimme, bei deren Klang die Eiswürfel in den Whiskygläsern schneller schmelzen, und eine körperliche Präsenz, über die sie manchmal selbst erstaunt ist, besonders, wenn ihr Ausschnitt „in der Größe eines Brontosaurus“ (Johansson) auf einem Poster am Sunset Boulevard leuchtet. Ihr Haar war nicht immer so blond wie heute, aber der platinschimmernde Marilyn-Monroe-Look steht ihr gut. In Woody Allens „Match Point“, wo sie eine erfolglose amerikanische Schauspielerin in London spielt, läuft sie mit diesen Haaren durch einen englischen Park. Es regnet, Jonathan Rhys Meyers, der sich in sie verguckt hat, läuft ihr nach, die beiden stehen klatschnaß im Gras, dann fallen sie übereinander her. Es ist eine der überzeugenderen Liebesszenen im Kino der letzten Jahre (siehe auch: Video-Filmkritik: Woody Allens „Match Point“).

Mehr kann man sich nicht wünschen

Scarlett Johansson, die mittlerweile einundzwanzig ist, gehört schon jetzt zu den bestbezahlten Schauspielerinnen Hollywoods. Sie wirbt für Calvin Klein, Louis Vuitton und Reebok, und als sie mit ihrer englischen Kollegin Keira Knightley nackt für ein Cover von „Vanity Fair“ posierte, machten die Klatschreporter Überstunden. Der Einsatz ihrer polnischstämmigen Mutter, die sie seit vierzehn Jahren als Managerin betreut, und ihres in Dänemark geborenen Bauunternehmer-Vaters hat sich also gelohnt. Beim Festival von Venedig, wo Johansson als Hauptdarstellerin von Brian De Palmas „Black Dahlia“ auftritt (siehe auch: Brian De Palmas Meisterwerk „Black Dahlia“ eröffnet Venedig), beschwerten sich Kritiker bei der Pressekonferenz zum Film allen Ernstes, ihr Sex-Appeal lenke sie von der Story ab. Mehr kann sich ein Hollywoodstar eigentlich gar nicht wünschen.

Daß sie dennoch weiter Filme mit Woody Allen dreht (zuletzt „Scoop“, der im November bei uns ins Kino kommt), spricht für Scarlett Johanssons Instinkt. Wer nur Mainstream-Kino macht, gehört bald auch nicht mehr zum Mainstream. In Michael Bays „Die Insel“ verkörperte Johansson im vergangenen Jahr den Klon eines Filmstars, der im Sterben liegt. Aber die Geklonte sah ihr Original immer nur auf Plakaten, die Begegnung mit der Doppelgängerin fand nicht statt. Möge Scarlett Johansson die Erfahrung, austauschbar zu sein, auch weiterhin erspart bleiben.



Text: F.A.Z., 01.09.2006, Nr. 203 / Seite 44
Bildmaterial: AP, CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Allstar, Cinetext/Omega, Concorde/Cinetext, dpa, Festival Venedig, Photographer: Rolf Konow, SMPSP, prokino/Cinetext, REUTERS, Tobis/Cinetext, Universum Film/Cinetext, Warner Bros./Cinetext

In „Black Dahlia” (2006) Überzeugende Liebesszene: Mit Jonathan Rhys-Meyers in “Match Point“ Freizügig: Tom Ford auf dem „Vanity Fair”-Cover mit Keira Knightley und Scarl... Auf dem Roten Teppich von Venedig bei der Premiere von “Black Dahlia“ Als “Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ (2003) Wuschel-Look 2003 Vergessenes Frühwerk: 1997 in “Wieder allein zu Haus“ Auf der Flucht in Michael Bays “Die Insel“ (2005) Bei der Italien-Premiere von “Match Point“ im Dezember 2005 in Rom Die intellektuelle Variante: In “Scoop“ mit Hugh Jackman Frühes Porträt, undatiert Im Mai 2005 mit Woody Allen Mit Thora Birch in “Ghost World“ (2001) Spinnenfrau (2002) Im Dezember 2005 bei der Premiere von “Match Point“ in Los Angeles Feines Profil: Im August 2005 in London Vor der Oscar-Verleihung 2004 Mit Dennis Quaid in “Reine Chefsache“ 1996 mit Aleska Palladino in “Manny und Lo“ Der Film, der sie berühmt machte: Sofia Coppolas “Lost in Translation“ mit Bi... Im Juni 2006 in New York Klassische Hollywood-Schönheit: In “The Black Dahlia“ Bei den Golden Globe Awards 2006 Strenger Look: Im September 2004 in Venedig Im Juni 2004 bei den MTV Movie Awards in Los Angeles Mit Hugh Jackman in Woody Allens “Scoop“ (2006) Prinzessinnenlook Mit John Travolta in Venedig 2004 “Lovesong für Bobby Long“ (2004) Kühl: 2004 in London Dunkler Strich: 2004 in Venedig Bei der New York Fashion Week 2005 Bei den Filmfestspielen von Venedig 2004 In “Lost in Translation“ In “Good Woman - Ein Sommer in Amalfi“ (2004) Bei den Golden Globes 2004 Hier noch eine unter vielen: Auf dem Treppengeländer in “Voll gepunktet“ (2004) 1998 mit Drehpartner in “Der Pferdeflüsterer“