07. September 2007 Nur Paul Greengrass, der Regisseur des Bourne Ultimatum, wusste genau, was er tat. Sein Star Matt Damon dagegen hatte meistens keine Ahnung, was sie da eigentlich drehten. Ein Interview über Frust und Befriedigung eines Schauspielers.
Wenn man Sie bei den Dreharbeiten zu Martin Scorseses Film The Departed beobachtete und später den Film im Kino sah, konnte man trotz des rasanten Schnitts ziemlich genau wiedererkennen, was man damals beim Entstehen des Films gesehen hatte. Bei The Bourne Ultimatum wäre das vermutlich anders. Hatten Sie, als Sie drehten, irgendeine Ahnung, was Sie da eigentlich drehten und wie der fertige Film einmal aussehen würde?
Na ja, wie der Film im Großen und Ganzen aussehen würde und was für eine Ästhetik das sein würde, das wussten wir schon: Er würde eben ähnlich aussehen wie The Bourne Supremacy. Aber es gab viele Tage, an denen ich nicht hätte sagen können, an welcher Stelle des Films wir eigentlich sind, wohin ich gerade gehe oder woher ich komme, was ich hier tue, was ich dort will.
Aber irgendetwas muss Ihnen Paul Greengrass, der Regisseur, doch gesagt haben, womit Sie arbeiten konnten?
Paul Greengrass sagte: Du gehst da- oder dorthin, und dann läufst du einfach mit der größtmöglichen Intensität von A nach B. Auf diese Weise haben wir viele Tage Arbeit hinter uns gebracht. Wenn man den Film heute anschaut, sieht alles völlig kohärent aus, aber das zusammenzubekommen war sehr harte Arbeit. Ich hatte zwar eine ungefähre, allgemeine Idee davon, was in einer Szene passierte, die gerade dran war, aber dann mussten wir diese Szene an verschiedenen Orten aus verschiedenen Winkeln immer wieder filmen, ohne zu wissen, wo sie hingehört. Zum Beispiel wusste ich, dass ich eine Szene mit Joan Allen haben würde, abgesehen von der am Telefon aus dem zweiten Teil, die wir im dritten wiederholt haben. Wir haben einige Szenen gefilmt, und am Ende gibt es ja wirklich einen kurzen Moment mit uns beiden zusammen. Aber es war schon komisch: Wir wussten nur, dass es eine solche Szene geben musste, aber nicht, wo sie hingehört und wie sie aussehen würde. Eigentlich ist The Bourne Ultimatum ein Hundert-Millionen-Dollar-Studentenfilm. Wirklich.
Ist das nicht immens schwierig: Sie spielen eine Figur, die nicht weiß, wer sie ist. Sie drehen mit einem Regisseur, der Ihnen nicht sagen kann, in welcher Szene Sie gerade unterwegs sind, woher Sie kommen oder wohin Sie gehen, warum Sie gerade tun, was Sie tun, oder in welchem Kontext?
Tatsächlich ist das der schwierigste Film, den ich je gedreht habe. Wir mussten uns überlegen, was wir eigentlich wollen. Im ersten Teil der Trilogie versucht Bourne herauszufinden, wer er ist. Im zweiten rächt er den Mord an seiner Freundin. Wir konnten ihn im dritten Teil nicht wieder gegen einen äußeren Feind kämpfen lassen, das hatten wir ja schon im zweiten. Was also treibt ihn an? Wir mussten etwas finden, das ihn an den Anfang zurückführt, etwas, das mit seiner Identitätssuche zu tun hat. Und das ist so ziemlich alles, was ich wusste. Ich kannte keine Details. Ich wusste nur ganz allgemein, dass ich auf der Suche nach dem Mann war, der Bourne zu einer Killermaschine gemacht hatte. Aber ich wusste nicht, ob das bedeutet, dass ich nach Paris gehe und einen Waffenhändler treffe, was wir gedreht haben, zweimal sogar mit zwei verschiedenen Schauspielern und an zwei verschiedenen Orten, aber dann nicht verwendet haben. Heute hat der Film eine ganz geradlinige, viel direktere Handlung als die anderen, der man leicht folgen kann. Aber dorthin zu kommen war extrem schwierig.
Was bedeutet das für einen Schauspieler, mit so wenig Informationen zu arbeiten?
Für einen Schauspieler ist das tatsächlich frustrierend, sehr frustrierend. Jetzt, nachdem das Ergebnis ist, wie es ist, ist die Befriedigung natürlich groß, aber der Prozess war wirklich hart. Immerhin hatten wir einige sehr gute Schauplätze, einige Sets, die wirklich funktionierten. Allen voran der Bahnhof Waterloo, aber auch Tanger, vor allem die Szenen auf den Dächern. Wissen Sie, in allen Bourne-Filmen gibt es nur jeweils zwei oder drei Szenen, in denen meine Figur die Handlung vorantreibt, die allermeisten handlungsentscheidenden Dinge geschehen auf der Gegenseite, das macht es zusätzlich schwierig für mich als Schauspieler. Ich habe eigentlich niemanden, mit dem ich reden kann. Im ersten Teil war das anders, da hatte Jason Bourne Marie, gespielt von Franka Potente, und wir konnten durchsprechen, worum es ging, was wir machen würden. Jetzt nicht mehr. Jetzt muss die Gegenseite sagen: Wo ist Bourne, was macht er gerade? Und dann kommt der Schnitt auf mich, wie ich irgendwo herumlaufe. Der Rest ist Action.
Sie haben mit Robert De Niro auch einen CIA-Film gedreht, Der gute Hirte. Was war da anders?
De Niros Film ist ein historisches Epos, und natürlich war die Arbeit mit De Niro schauspielerisch viel intensiver. Er konnte mir zeigen, wie ich sein sollte. Aufrecht wie ein Stock, eng wie in einer Box. Ich bewege mich eigentlich viel, wechsele das Standbein, tänzele eher, als dass ich still- stehe. Das war ganz falsch für die Rolle im Guten Hirten, und immer, wenn ich wieder anfing zu tänzeln, machte De Niro diese Handbewegung: Stock und Box. Das war so präzise und eigentlich alles, was ich wissen musste. De Niro weiß immens viel über das Verhalten von Menschen, er ist ein exzellenter Beobachter, deshalb ist er ein so großer Schauspieler. Und es ist ja bekannt, dass er in einen Raum kommen kann und dann völlig verschwindet. Niemand weiß, dass er da ist. Scorsese hat mir mal die Geschichte erzählt, dass ein italienischer Regisseur nach New York kam, ihn bat, ein Essen zu organisieren und Robert De Niro einzuladen. Was Scorsese alles tat. Und dann, als der Abend halb vorbei war, fragte der Italiener: Wann kommt denn De Niro? Und Scorsese sagte: Er sitzt neben dir. Da saß er schon die ganze Zeit, und niemand hatte es bemerkt. Er war einfach ganz ruhig und hatte beobachtet. In der Arbeit mit ihm kann man davon profitieren. Er ist ungeheuer präzise in seinen Vorstellungen davon, was er von einem anderen Schauspieler will.
Die Vision, wenn das nicht ein wenig hoch zielt, die das Bourne Ultimatumvon Amerika gibt, ist ziemlich trübe - der totale Überwachungsstaat, kriminelle Regierungsapparate, das ist schon eine deutliche Kritik an der Lage des Landes, nicht wahr?
Wir wollten natürlich, dass der Film etwas Zeitgemäßes hat, und es gibt nun mal dieses Abhörprogramm, über das viel geredet wird, und die Szene, in der Bourne einen Mann unter einer Kapuze erschießt, nur weil jemand ihm sagt, das würde das Leben von Amerikanern retten, das erinnert natürlich an Bilder von Abu Ghraib. Aber dann gibt es im Film eben auch eine ganze Serie von Abtrünnigen sozusagen, Leute, die nicht mehr mitmachen wollen bei den Projekten der CIA. Es gibt in der Tat in Amerika eine lebhafte Diskussion über die Geheimdienste und zu was sie unter der Regierung geworden sind, die wir im Moment haben. Am Ende des Films sagt Bourne zu seinem Schöpfer: Sie haben mich belogen, Sie haben mich in einen Krieg geführt, der auf Lügen basiert - das sind natürlich alles Hinweise auf die augenblickliche Situation in Amerika. Aber wir sprechen hier von einem Sommerfilm, einem Popcorn-Film, die politischen Dinge sind sozusagen die Chilisauce obendrauf, wie Paul Greengrass das nennt.
Erinnern Sie die Bourne-Filme auch an die paranoischen Thriller aus den Siebzigern?
Ja, diese Kalter-Krieg-Filme hatten auch so was Bedrängendes. Ich glaube außerdem, im Vergleich zu den Thrillern, die vor zehn Jahren gemacht wurden, sind wir wieder viel politischer geworden. In politisch turbulenten Zeiten werden amerikanische Filme besser, sie haben mehr zu sagen. Ich sehe das auch an den Drehbüchern, die ich zu lesen bekomme, da sind viel mehr interessante Stoffe dabei als noch vor Jahren. Die Filme interessieren sich wieder für Inhalte, für die Lage von Land und Welt.
Das Gespräch führten Verena Lueken und Michael Althen.
Text: F.A.Z., 07.09.2007, Nr. 208 / Seite 42
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